Volltext : China

Das  Land

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einem  großen  Bogen  das  Tal  des  Siningho  mit  der  Stadt  Sining.  Ein
anderer  Arm  läuft  westwärts  weiter,  indem  er  den  fruchtbaren  Oasen-  j
streifen,  der  durch  die  vom  Nanschan-Gebirge,  dem  mächtigen  nordöstlichen ­
  Randwall  des  tibetischen  Hochlandes,  herabkommenden
Flüsse  bewässert  und  ackerbaufähig  gemacht  wird,  von  der  steppenund
  weiterhin  wüstenhaften  Gobi  trennt.  Dieser  schmale  Kulturlandstreifen ­
  zwischen  unpassierbaren  Ödländern  ist  seit  mehreren  Jahrtausenden ­
  der  Weg  durch  Zentralasien  nach  dem  Westen.  Hier  ist
schon  lange  vor  Christi  Geburt  die  Seide  Chinas  westwärts  bis  zum
Abendlande  gewandert;  hier  entlang  bewegten  sich  die  Heere  der
Chinesen,  die  das  westliche  Zentralasien  eroberten;  hier  verläuft  noch
heute  die  Lebensader,  die  die  Provinz  Sintsiang,  d.  h.  das  Tan'm-Becken
und  die  südliche  Dsungarei,  mit  China  verbindet.  Der  Oasenstreifen
selbst  gehört  zur  Provinz  Kansu,  deren  nordwestlichen  Ausläufer  er
bildet,  und  trägt  seit  alters  den  Namen  Yümönn,  d.  h.  das  Tor  oder
der  Weg,  auf  dem  der  Yü-  Stein,  der  von  den  Chinesen  bis  auf  den
heutigen  Tag  so  ungemein  hochgeschätzte  und  zu  allerlei  Schmuckwerk ­
  verarbeitete  Nephrit,  nach  China  gelangt,  der  einzig  im  äußersten
Südwesten  des  Tarim-Beckens,  im  Geröll  der  dort  vom  Kwenlun-Gebirge ­
  herabkommenden  Flüsse,  gefunden  wird.  Westlich  von  Sutschou
liegt  die  letzte  in  der  Schnur  der  hier  am  Bergfuß  sich  reihenden
Oasenstädte  Kansus,  die  kleine,  schön  ummauerte  Stadt  Kiayükwan,
durch  die  hindurch  die  vom  Westen  kommende  Straße  in  den  Schutz
der  Mauer  eintritt.  Kiayükwan,  heißt  „das  Tor  des  edlen  Yw-Steins“.
Von  hier  läuft  die  Mauer  noch  7—8  km  weit  in  einem  Bogen  nach
Süden  auf  die  Berge  zu,  endigt  aber  noch  vor  ihnen  plötzlich  in
einem  etwa  70  m  hohen  senkrechten  Absturz  am  Ufer  des  tief  eingeschnittenen ­
  „Großen  weißen  Nordflusses“.
Die  Chinesen  nennen  die  Große  Mauer  Wanlitschangtscheng,  d.  h.
der  Wall  von  10000  li  (=  ca.  5000  km).  Das  ist  zwar  wohl  nur  als
Ausdruck  für  irgendeine  sehr  große  Zahl  gemeint,  wie  das  griechische
myrioi,  aber  es  übertreibt  doch  nur  wenig.  Nach  Geil  messen  ihre
heutigen  Ruinen  mit  allen  ihren  Ausläufern  und  Schleifen  über
4000  km.  Auf  der  Höhe  ihrer  Brauchbarkeit  hatte  sie  mindestens
25000  Kastelltürme,  jeder  für  100  Bewaffnete,  und  15  000  Wachttüime.
Noch  heute  sind  etwa  20000  Türme  und  über  1300  km  verbindender
Wall  in  einem  solchen  Zustande  erhalten,  daß  sie  mit  geringen  Ausbesserungen ­
  zu  einer  Verteidigung  geeignet  wären! 1 )

1)  Geil,  S.  326/27.  Nach  Clapp,  Along  and  across  the  Great  Wall  of
China  (Geogr.  Review,  1920,  S.  221  ff.)  ist  die  Gesamtlänge  mit  allen  Abzweigungen ­
  sogar  6320  km.
            
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