Title:
Ostasien in der Krise
Creator:
Wegener, Georg Linde, M. Wertheimer, Fritz Praesent, Hans
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1539155476229_6/17/
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nische Spradie, obwohl sie linguistisch ganz anders ist als die 
chinesische, mit chinesischer Schrift geschrieben wird; und die Ja 
paner haben schon damals bei der Aneignung dieser Kultur die 
selbe erstaunliche Übernehmungsfähigkeit gezeigt, wie in der 
Gegenwart bei der Aneignung der Vorzüge der abendländischen 
Zivilisation. 
Trotzdem ist es aber falsch, nun alle Ostasiaten in einen Topf 
zu werfen, wie es bei uns, auch bei den sogenannten Gebildeten, 
noch fast immer geschieht. Nichts ist falscher, als Chinesen und Ja 
paner für ganz identisch zu halten. Um die Verschiedenheit beider 
Völker für jeden an völkerkundliche Unterscheidungen Gewöhnten 
mit einem einzigen Beispiel zu beleuchten, sei nur darauf hinge 
wiesen, daß der Chinese im allgemeinen wie wir auf Stühlen sitzt, 
der Japaner aus dem Volke dagegen auf seinen Fersen hockt. Der 
Japaner hat im Mittelalter bei der Übernahme der chinesischen 
Gesittung genau so, wie er es heute mit der europäischen macht, 
nur das übernommen — das aber mit der größten Energie —, worin 
er eine wirkliche Überlegenheit anerkannte, daneben aber seine 
nationale Eigenart vollkommen gewahrt. So hat sich trotz dieser 
Übernahme das japanische Volk ganz anders entwickelt als das 
chinesische. Es war bis zu seiner Erschließung in der letzten Hälfte 
des vorigen Jahrhunderts ein Volk von feudalistischer Verfassung 
und aristokratischer Gesellschaftsstruktur, was auch heute noch 
hindurchleuchtet. Ein militaristisches Volk mit ausgesprochen ritter 
lichen Idealen, einem Sdhwertadel und einem alle Volksteile um 
fassenden, geradezu religiösen Staats- und Vaterlandsgefühl. Der 
Kaufmann galt bis vor kurzem dort ungefähr ebensoviel wie bei 
uns im Mittelalter. Ganz umgekehrt ist das chinesische Volk, trotz 
seines absoluten Kaisertums, seit zwei J ahrtausenden durchaus 
demokratisch eingestellt; einen Adel unserer Art gibt es überhaupt 
nicht; tatsächlich kann dort jeder alles werden, weitgehendste 
Selbstverwaltung herrscht in Gemeinde-, Stammes- und Familien 
verbänden. Seine Grundanschauung ist ausgesprochen unmilitärisch, 
die Künste des Friedens haben stets höher gegolten als die des 
Krieges. Der Gelehrte, der Kaufmann galten alles, der Soldat — 
von den anormalen Zeitläuften der Bürgerkriege abgesehen — sehr 
wenig. Auch ein eigentliches Vaterlandsgefühl kannte der Chinese 
bis vor kurzem nicht. Nationalgefühl ist Rivalitätsgefühl; der 
Chinese war aber infolge der Bewunderung, die seine Kultur über 
all genoß, und der Größe seines Weltreiches durchaus universali-
        

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