Title:
Ostasien in der Krise
Creator:
Wegener, Georg Linde, M. Wertheimer, Fritz Praesent, Hans
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1539155476229_6/57/
legtes Programm, auf der anderen Seite Chinas: stumpfe Lethargie, 
staatlidre und volkliche Willenlosigkeit und Unfähigkeit, völliger 
Mangel an Entschlußkraft, Widerstand gegen die Fremden im 
kleinen und großen ohne Wehrhaftigkeit, ein Sichgehen- und Sich- 
ziehenlassen, ein Herumgeworfenwerden, das schließlich in völliger 
Ratlosigkeit und Hilflosigkeit zu enden scheint. 
Am Beginn dieser Entwicklung steht allerdings eine Tat, deren 
sich Europa und insbesondere England nicht zu rühmen braucht: 
der Opiumkrieg an der Wende des 3. und 4. Jahrzehnts, in dem 
England dem widerstrebenden China jenes indische Opiumgift auf 
zwingt, das späterhin den Volkskörper zermürbt und vergiftet und 
das man in Genf und in Nanking heutzutage vergeblich sich be 
müht zu verbieten, zurückzudämmen oder auszulöschen. China 
verliert diesen ersten Krieg mit den Fremden und bezahlt ihn mit 
der erzwungenen Öffnung einiger seiner Häfen, vor allem Hong 
kongs und Schanghais. Die Mandschudynastie hat zum ersten Male 
ihr „Gesicht verloren“. Letzten Endes ist die zehn Jahre lang wü 
tende Taipingrevolution eine Folge dieser Niederlage, ein erstes 
Aufbäumen des chinesischen Volkes gegen die unfähige Führung 
und gegen die als Ehrenkränkung empfundene, die chinesische Vor 
machtstellung in Ostasien bedrohende Schwäche gegenüber den von 
außen kommenden Mächten, die man doch in der chinesischen Volks 
vorstellung und Staatstheorie bislang nur als dem Mittelpunkt der 
Welt und dem Himmelsthron tributäre Vasallen zu sehen gewohnt 
war. Die Mandschudynastie vermag die Taipingrebellion nur mit 
geldlicher und militärischer Hilfe eben dieser Fremden niederzu 
werfen und bezahlt wiederum — tragische Verflechtung! — mit der 
Öffnung weiterer Häfen, mit weiterer Einengung ihrer Souveräni 
tät, mit weiterem Verlust an innerem Ansehen. Der Verlust des 
chinesisch-japanischen Krieges führt um die Jahrhundertwende zum 
Boxeraufstand und zum zunächst scheinbar geglückten Versuch der 
Mandschus, diese Wiederholung der Taipingrebellion, also einer 
inneren antidynastischen Erhebung, durch die Entfesselung der 
Wut gegen die Fremden außenpolitisch umzubiegen. Aber die Waf 
fen und Kriegsmittel der Fremden sind stärker. Nachdem schon 
die Schimonoseki-Einmischung der Fremden zu Gunsten Chinas 
1897/98 mit langdauernden Landverlusten durch „Verpachtungen“ 
an die Deutschen, Russen und Franzosen und dann auch an die 
Engländer bezahlt werden mußte, ist auf der anderen Seite der 
Erfolg der Japaner — ihrer Waffen im russisch-japanischen Kriege
        

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