Volltext : Die Stuttgarter Stadterweiterung

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welche  ein  Interesse  für  die  Beschaffung  kleiner  Wohnungen  hegen,  helfend  in’s  Mittel  treten.
Deshalb  ist  es  ebenso  unbegründet  wie  ungerechtfertigt,  die  Schuld  an  diesem  allgemeinen
sozialen  Missstande  dem  hiesigen  Stadtbauplan  und  seinen  Bauvorschriften  zuzuschreiben.
Bezüglich  der  Wohnungsmieten  gilt  dasselbe.  Denn  nach  vielfachen  vergleichenden ­
  Berechnungen  findet  bei  derselben  Baumgrösse  und  Geschosszahl  ein  namhafter  Kostenunterschied ­
  nicht  statt,  ob  das  betreffende  Haus  in  geschlossener  Reihe  oder  freistehen ­
  d  erbaut  wird 1 ).
Im  III.  Abschnitte  seiner  Schrift  hat  Dr.  Rettich  Beispiele  einiger  „Kleinbauten“  aus
Leipzig  angeführt,  die  einen  in  geschlossener  Bauweise,  die  anderen  in  grösseren  Abständen
errichtet,  unter  Angabe  des  Platzbedarfs,  der  Kosten  und  einer  Rentabilitätsberechnung.
Letztere  geben  den  sprechendsten  Beleg  dafür,  dass  durch  Anordnung  von  Doppelhäusern  die
Möglichkeit  besteht,  bei  nicht  zu  hohen  Arealpreisen 2 )  auch  mit  der  offenen  Bauweise
und  sogar  mit  grossen  Abstandsmassen  ebenso  billige  kleine  Wohnungen  herzustellen ­
  wie  mit  der  geschlossenen  Bauweise.
Jene  Leipziger  Abhandlung,  auf  welche  der  Verfasser  hinweist,  enthält  sodann
noch  folgenden  bemerkenswerten  Zusatz:  „Hiezu  kommt  der  weitere  wichtige  Vorteil,  dass
diese  Bauweise  eine  offene  ist  und  gegen  die  früher  beliebte  allseitig  geschlossene  Bauart
den  vom  hygienischen  Standpunkt  wichtigen  Luftdurchzug  zwischen  den  Häusern  gewährleistet.
Gleichzeitig  beansprucht  diese  Bauart  die  geringste  Bodenfläche.“
Diese  Ausführungen  sprechen  gewiss  mehr  für  die  offene  als  für  die  geschlossene
Bauweise.  Zugleich  beweist  der  Leipziger  Vorgang,  dass  die  weiträumige  Bebauung  nicht
notwendig  eine  Erhöhung  der  Mietpreise  zur  Folge  hat.
Der  Verfasser  hat  somit  für  seine  dem  Stadterweiterungsplane  und  der  bisherigen
Baupolitik  gemachten  Vorwürfe  nicht  nur  keinen  Beweis  erbracht,  sondern  es  sprechen  zahlreiche ­
  Thatsachen,  darunter  die  iii  der  Schrift  selbst  angeführten  Beispiele,  gegen  die  Richtigkeit ­
  seiner  Behauptungen.
Damit  wäre  die  wirtschaftliche  Seite  der  Frage  erledigt  und  wir  können  jetzt
übergehen  zum  wichtigsten  Teile  der  Schrift,  den  Abänderungsvorschlägen.
Um  eine  Verbesserung  des  Projekts  in  wirtschaftlicher  Beziehung  herbeizuführen  verlangt ­
  Dr.  Rettich  in  erster  Linie  möglichst  intensive  Ausnützung  von  Grund  und
Boden,  und  zwar  durch  Aufhebung  aller  Bauverbote,  Beseitigung  der  Hausabstände ­
  und  Vermehrung  der  Gebäudehöhen  im  gesamten  Erweiterungsgebiete  um
ein  weiteres  Stockwerk,  also  mit  anderen  Worten:  geschlossene  Bauweise  und  Mietskasernen.
Stuttgart  soll  nun  plötzlich  von  dem  fortschrittlichen  Wege,  den  es  vor  vielen  Jahrzehnten
auf  Anraten  der  obersten  Medizinalbehörde  betreten  und  den  es  vorbildlich  für  andere
Städte  seither  ohne  nennenswerte  Anstände  verfolgt  hat,  zurückkehren  zu  dem
mittelalterlichen  System  der  geschlossenen  Häuserreihen  und  auf  die  „natürliche“  offene  Bauweise ­
  mit  allen  ihren  technischen,  hygienischen  und  sozialen  Vorteilen  völlig  verzichten!
Man  denke  sich  einmal  das  eigentümliche  Bild  unserer  Stadt,  wenn  die  Rettich’schen
Vorschläge  zur  Verwirklichung  kämen!  In  der  Mitte  die  Altstadt  mit  der  dort  historisch
begründeten  zusammengedrängten  Bebauung,  um  dieselbe  herum  einen  breiten  Ring  mit  offener
zum  Teil  weiträumiger  Bebauung  und  an  den  Bergen  wiederum  z  usammengedrän  gte
Häuserreihen,  vom  Westbahnhofe  bis  zum  Kriegsberge  die  Stadt  von  einer  mehrfachen
F  e  s  t  u  n  g  s  m  a  u  e  r  u  m  rahmt!
Was  würde  wohl  unser  heimatlicher  Dichter  Gerok,  der  Stuttgart  „als  güld’nes  Kleinod
gefasst  in  grünem  Samt“  so  schön  besungen,  zu  einem  solchen  Bilde  sagen?
Man  vergegenwärtige  sich  ferner  die  Schwierigkeiten  der  Durchführung  dieser  Bauart
an  unseren  Bergabhängen  mit  den  vielen  gewundenen  und  steilen  Strassen  und  dem  abschüssigen ­
  Terrain!
Und  wäre  nicht  vom  hygienischen  Standpunkte  aus  die  geschlossene  Bauweise  ein
schwerer  Fehler  und  offenbarer  Rückschritt?  Sind  wir  denn  in  unserem  Thalkessel  nicht
schon  mehr  als  genug  von  Bergen  eingeschlossen,  klagt  man  nicht  jetzt  schon  allgemein  im
Sommer  über  die  unerträgliche  Hitze,  die  jeden,  der  nur  kann,  von  hier  forttreibt?!  Und
nun  sollen  alle  Lücken  und  Durchzüge  in  der  Stadt  vollends  zngesperrt  werden,  nahezu  alle
Vegetation  in  der  Stadt  und  an  unsern  Bergabhängen  verschwinden  und  an  den  letzteren
(dazu  noch  im  Westend)  mehrfache  hohe  Steinwände  errichtet  Werden,  welche  der  von  den
Bergen  kommenden  frischen  Luft  den  Eintritt  in  die  Stadt  verwehren  und  im  Sommer  eine
Glühhitze  ausstrahlen!
')  Architekt  (t.  Rössler  kommt  in  seinem  Werke:  „Zur  Bauart  deutscher  Städte“  nach  Aufstellung
detaillierter  Entwürfe  sogar  zu  dem  Resultate,  dass  Einzelhäuser  weniger  Baukosten  erfordern.
*)  P.  h-  bei  einem  Bodenpreise  von  8  Mk.  pro  qm  oder  25  OCO  Mlc.  per  Morgen,  zu  welchem  auch  in
Stuttgart,  allerdings  in  den  aussen  gelegenen  Teilen  der  Markung,  wie  z.  B.  hei  Gablenberg  und  Gaisburg,
auf  der  Feuerbacher  Heide,  bei  Heslach  noch  ziemliches  Areal  erhältlich  ist.
            
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