Full text: Geschichte der Stadt Stuttgart

und Enttäuschung, in der wir beute den geschichtsnotwendigen Durchgang erkennen zum Ziele 
der Befreiung von all dem, was der nationalen Einigung und Entwicklung entgegengestanden. 
Varnbüler batte in der Kammer den Preußen ein vae victis (webe den Unterliegenden) zu 
gerufen, so sehr überschätzte er die Kräfte und die Kriegsbereitschaft Oesterreichs und — Würt 
tembergs. Die Ausbildung und Ausrüstung unserer üruppen war so mangelhaft, ihre Beförderung, 
zunächst nach Frankfurt zum Schutze des Bundestags, vollzog sich mit solchen Schwierigkeiten, 
daß den Teilungen bedeutet werden mußte, zu schweigen. Dann ein ratloses Hin- und ^er 
führen durch den Vogelsberg, wo die in Menge ausgesandten Lebensrnittel nie zur Stelle waren; 
daheim Streit der Parteien über die friedensanerbietungen Preußens nach seinen Siegen auf den 
böhmischen Schlachtfeldern. Jn einer großen Versammlung zu Stuttgart am 12. Juli bringt die 
Volkspartei einen Antrag auf Verständigung mit Preußen zu fall, nimmt aber mit den Preußen 
freunden eine Erklärung an gegen die Einmischung frankreichs und Aufrichtung eines neuen Rhein 
bundes; Einberufung der Landwehr; fahrt des Königs nach Cauberbifcbofsbeim, um durch sein 
Erscheinen die Truppen zu ermutigen (21. Juli); dort nach drei Tagen nutzloses Treffen gegen 
die unvermutet anrückenden Preußen, trotz mutiger Aufopferung — Prinz Wilhelm gab ein Bei 
spiel tapferen Ausharrens — mit einem Verlust von 60 Toten, 450 Verwundeten, etwa 160 
Gefangenen; weiterer Rückzug gegen Würzburg; Waffenstillstand; preußische Okkupation des 
nordöstlichen Württemberg; Rückkehr des Dimer Bataillons, das Hohenzollern mit dem „Hos- 
podar der obern Donaufürstentümer“, wie König Karl scherzte, besetzt, aber nicht gewonnen 
hatte; friedens- und Bündnisvertrag in Berlin am 13. August; Rückkehr der Truppen, Vorbei 
marsch vor dem König am Schloß 16. August; Auflösung des Bundes durch die von frank 
iert nach Augsburg verzogenen Bundestagsgesandten am 24. August; Genehmigung des Berliner 
Vertrags durch den Landtag 27. September, einstimmig in der Ersten, mit 86 gegen 1 Stimme 
in der Zweiten Kammer — welche fülle von weltgeschichtlichen Ereignissen innerhalb weniger 
Wochen! 
Aber der innere Kampf währte fort, wurde zielbewußter und daruifi zu Zeiten noch heftiger 
als früher. Am 7. August wurde in Stuttgart von Holder, Robert Römer und ihren freunden 
die Deutsche Partei gegründet, welche die Einigung Deutschlands durch den engsten Anschluß an 
den norddeutschen Bund erreichen wollte. Jbr und der Volkspartei, welche auf dem Gedanken 
des Südbundes bebarrte, obgleich weder Bayern noch Baden dafür zu haben war, stellte sich 
eine Mittelpartei, die sogenannte Liberale, gegenüber, geführt von Sarwey und Sick, dem Stutt 
garter Oberbürgermeister (in welchem die Stadt sich 1862 wieder einen Juristen zum Vorstand 
gewählt hatte, nachdem seit 1833 ein Dicbftudierter, Gutbrod, Stadtschultheiß gewesen war). 
Die frage der miltärifeben Einigung stand jetzt im Vordergrund: Militärkonferenz der süddeutschen 
Staaten in Stuttgart (3.-5. februar 1867); Krieg mit frankreich drohend wegen Luxemburg, 
daher Behanntgebung des geheimen Schutz- und Trutzbündniffes der Südstaaten mit Preußen 
(2Z. März); Ersatz der Minister v. Deuratb und Hardegg durch Mittnacht und v. Wagner 
(27. April); preußischer Militärbevollmächtigter in Stuttgart (Mai), Einführung der preußischen 
Exerzierart mit Zündnadelgewehr; Vertrag über einen neuen Zollverein mit Zollparlament 
(8. Juli), Während Kaiser Dapoleon auf der Durchreise zum Besuch fran; Josephs in Salzburg 
auf dem Stuttgarter Bahnhof am 17. August von einer betörten Schar lebhaft begrüßt wurde, 
sprach sich unmittelbar vor der Beratung der Zollvereins- und Bündnisverträge mit Preußen in 
der Kammer, am 27. Oktober eine große Bürgerversammlung unter dem Vorsitz des Oberbürger 
meisters für die Annahme der Verträge aus und die Kammer der Abgeordneten billigte am 
30. und 31. die letzteren, das Bündnis mit 58 gegen 32, den Zollverein mit 73 gegen 16
	        

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