IJ. H. Dannecker 105
m ſseinen geſtorbenen Vogel trauerndes Mädchen, fand
< damals kein Marmorauftrag, obwohl ~ oder viel-
eicht weil? ~ die Figur eine an die Tanagra-Statuetten
rinnernde Naivetät der Empfindung zeigt.
Als Schiller im Jahre 1798 in die Heimat kam,
traf er den Freund verdrießlich über die vielen dekora-
tiven Aufträge des Herzogs und von Heimweh nach
Italien erfüllt. Aber gerade dieſer Beſuch führte den
Künstler auf ein neues und für ihn bald ſehr gedeih-
iches Feld. Schiller, dem der Umgang mit dem Schul-
kameraden gar wohl that, und der bekannte, viel von
ihm, „dem in Italien gereiften Kunstgenie“, zu lernen,
ließ es ſich gerne gefallen, daß der Freund seine Büſte
modellire. Sie kennen sie, diese Büſte, von welcher sich
noch einige Abgüſſe hier finden, während die erſte
Marmorausführung die Bibliothek in Weimar ziert.
Goethe rühmte ihr eine ſolche „Wahrheit und Ausführ-
lichkeit" nach, daß sie wirklich Erstaunen errege. Ja,
„Ausführlichkeit“, das anscheinend ſeltſame Wort, trifft
den Kern von allem, was über dieses wunderbare Wert
zu sagen iſt. Es steht ausführlich, Zug um Zug, alles
darin, was die Natur an diesem Kopf eigentümlich an-
gelegt und was sein eigener Geist hinein- und heraus-
gebildet hat, auch das, was früher harte Lebenssſtürme
und damals Gattenglück und Vaterfreude darauf ein-
geschrieben hatten. Und dabei der Hauch von griechischer
Kunst, der über dem Ganzen, zumal über den herrlich
geworfenen Haaren ſpielt!
Zwischen Dannecker und Schiller, wie auch zwiſchen
ihren Frauen erhielt ſich ein überaus freundlicher Ver-
kehr. Die Freude über jedes neue Werk von Schiller,