Wanderung und Wachstum der Kontinente
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kreide unmittelbar zusammengehangen zu haben; hat die Öffnung des Atlan-
tiks unmittelbar danach begonnen, so ergibt sich aus den ca. 120 Mill. Jahren
seither und der heutigen Breite dieses Ozeans von rund 5000 km eine mittlere
Öffnungsgeschwindigkeit von etwas mehr als 4 cm im Jahr, die recht gut zu
den paläomagnetisch bestimmten Beträgen paßt. Die Erde wird also offenbar
rings von einem ozeanweiten System aktiver Dehnungsspalten vom Typ der
untermeerischen Schwellen umgürtet, längs derer ‚die Erdkurste um Zenti-
meterbeträge pro Jahr auseinanderklafft.
Kontraktion, Expansion oder Volumenkonstanz der Erde?
Hatte man in diesem System der untermeerischen Rücken mit Dehnungs-
tendenz einen Beweis für die Expansion des Erdballs zu sehen? In der Tat
fällt in diese Zeit mit dem Erscheinen von P. JorDans „Expansion der Erde“
(1966) eine Wiederbelebung der „Krustensprengungs-Hypothese“ im Sinne
von O. C. HILGENBERG (1933), die allerdings damals keinen nennenswerten
Anklang in der Geologie gefunden hatte, Auch L. EGYED hatte 1956 keinen
Erfolg mit seinem Expansionsmodell, zu deutlich treten doch im Bereich der
kontinentalen Orogenzonen die Anzeichen der Erdkrustenverkürzung in Er-
scheinung: Kaum ein Gebirge, das sich nicht durch Einengungsformen in
Gestalt von Falten oder gar Deckenüberschiebungen auszeichnet.
Immerhin konnte P. JOoRDAN die Expansion der Erde dadurch auf eine neue
physikalische Grundlage stellen, daß er sie mit der Diracschen Theorie einer
sehr langsamen Abnahme der Gravitationskonstante umgekehrt proportional
zum Weltalter in Zusammenhang brachte (aus rein theoretischen Erwägun-
gen heraus soll das Verhältnis von elektrostatischer und Gravitationskraft
zweier Protonen, in der Größenordnung 10°, dem Betrage nach dem Welt-
alter entsprechen, wenn man dieses in „elementaren“ Zeiteinheiten ausdrückt,
in welchen das Licht eine Weglänge vom Durchmesser eines Elektrons zu-
rücklegt). Bekanntlich wird auch die Rotverschiebung der Spektrallinien sehr
weit entfernter astronomischer Objekte (wenn auch nicht ganz unwiderspro-
chen) als Doppler-Effekt gedeutet und mit einer Expansion des Kosmos in
Verbindung gebracht.
Läßt man den Erdradius auf etwa die Hälfte schrumpfen, so schließen sich
die Kontinente zu einer praktisch geschlossenen leichten Krustenschale zu-
sammen, die den dichteren Mantel völlig umspannt. Hätte sich die Erde aber
innerhalb der letzten 120 Mill. Jahre um einen solch gewaltigen Betrag aus-
gedehnt, so wäre dies sicher nicht ohne nachhaltigste Änderungen der Kon-
sistenz, Dichte, Temperatur und des Druckes im Erdinnern abgelaufen, d. h.
die Erde vor dieser Zeit wäre im physikalischen Sinn ein völlig anderer Him-
melskörper als die heutige Erde. Es zeigt sich aber, daß die endogene Dyna-
mik der Erde in dieser Zeit, ja praktisch seit dem frühen Präkambrium, kei-
nem so grundlegenden Wandel unterworfen war, daß man mit derartig ein-
schneidenden Veränderungen rechnen müßte und könnte: Insbesondere das
vulkanische Geschehen mit einer augenfälligen Temperatur- und Druck-
abhängigkeit zeigt keinen entsprechenden Effekt. Wir kennen ganz ähnliche
vulkanische Schmelzen aus praktisch allen Abschnitten der Erdgeschichte.
ıh. Ges. Naturkde, Württ. 126 (1971)