Cl. Jäger als Dichter
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Beilage III
Clemens Jäger als Dichter
Man müßte sich wundern, wenn ein geistig so regsamer, aus dem
Handwerkerstand hervorgegangener Mann wie Clemens Jäger sich
nicht an dem in seiner Vaterstadt schon seit der Mitte des XV. Jahrhunderts
nachweisbaren Meistergesangs beteiligt hätte. In der Tat
finden wir ihn auch, als die Augsburger Singschule nach langem Darniederliegen
unter dem Einfluß der in den dreißiger Jahren des
XVI. Jahrhunderts ihrem Gipfelpunkt zusttebenden reformatorischen
Bewegung wieder emporkam^, unter den ersten, die sich in meistersingerischen
Dichtungen versuchten 3 und sich, ihrem Vorsatz gemäß,
an Stelle „der heidnischen Fabeln und Historien", die eine Zeit her
üblich gewesen, der Dichtung geistlicher „Lieder" zuzuwenden begannen.
Ihn mit den bedeutenderen Meistersingern von Namen
vergleichen zu wollen, verbietet schon die geringe Anzahl seiner auf
uns gekommenen poetischen Stücke, doch kann er sich, gemessen an
dem Durchschnitt der Mitstrebenden, was den „Wert" seiner Leiswngen
betrifft, immerhin noch sehen lassen. Entsprach ja doch
die geistige Eigenart, die dem Meistergesang sein Gepräge verlieh,
ganz Jägers individueller Auffassung von Gott und der Welt, die
auch in seinen historischen Werken und Schriften überall hervorkitt
und sich hauptsächlich äußert in einem stark entwickelten, durch die
kirchlichen Kämpfe der Zeit noch geschärften religiösen Sinn, bürgerlichem
Selbstbewußtsein, ernstem, würdigem, biedermännischem
Wesen, echter Liebe zum engeren und weiteren Vaterland, hoher
Wertschätzung der Geschichte und des „Buches aller Bücher", der
Heiligen Schrift, und einer verstandesmäßigen, hausbackenen Moral,
die Gott verpflichten möchte, Gutes und Böses schon in diesem Leben
„nach Gebühr" zu vergelten. Eigentliche poetische Schöpferkaft freilich
ist ihm, wie den allermeisten „Liebhabern des deutschen Meistergesangs",
nicht verliehen gewesen, sodaß er sich nicht einmal innerhalb
der heimischen Schule den Ehrentitel eines „Lichters" zu ersingen
vermochte.
1. R. Pfeiffer, Die Meistersingerschule in Augsburg und der Homer-Übersetzei
Johannes Spreng (München und Leipzig 1919), S. 1.
2. Ebenda S 3 ^ ,
3. Seinj, Ein Verzeichnis der Augsburger Meistersinger des XVI.^ayr-Hunderts
(München 1893), S. ö, Nr. 7.