Full text : Augsburg, Bd. 9 (1929 / 34)

Cl.  Jäger  als  Dichter

347

Beilage  III

Clemens  Jäger  als  Dichter
Man  müßte  sich  wundern,  wenn  ein  geistig  so  regsamer,  aus  dem
Handwerkerstand  hervorgegangener  Mann  wie  Clemens  Jäger  sich
nicht  an  dem  in  seiner  Vaterstadt  schon  seit  der  Mitte  des  XV.  Jahrhunderts ­
  nachweisbaren  Meistergesangs  beteiligt  hätte.  In  der  Tat
finden  wir  ihn  auch,  als  die  Augsburger  Singschule  nach  langem  Darniederliegen ­
  unter  dem  Einfluß  der  in  den  dreißiger  Jahren  des
XVI.  Jahrhunderts  ihrem  Gipfelpunkt  zusttebenden  reformatorischen
Bewegung  wieder  emporkam^,  unter  den  ersten,  die  sich  in  meistersingerischen
  Dichtungen  versuchten 3  und  sich,  ihrem  Vorsatz  gemäß,
an  Stelle  „der  heidnischen  Fabeln  und  Historien",  die  eine  Zeit  her
üblich  gewesen,  der  Dichtung  geistlicher  „Lieder"  zuzuwenden  begannen. ­
  Ihn  mit  den  bedeutenderen  Meistersingern  von  Namen
vergleichen  zu  wollen,  verbietet  schon  die  geringe  Anzahl  seiner  auf
uns  gekommenen  poetischen  Stücke,  doch  kann  er  sich,  gemessen  an
dem  Durchschnitt  der  Mitstrebenden,  was  den  „Wert"  seiner  Leiswngen
  betrifft,  immerhin  noch  sehen  lassen.  Entsprach  ja  doch
die  geistige  Eigenart,  die  dem  Meistergesang  sein  Gepräge  verlieh,
ganz  Jägers  individueller  Auffassung  von  Gott  und  der  Welt,  die
auch  in  seinen  historischen  Werken  und  Schriften  überall  hervorkitt
und  sich  hauptsächlich  äußert  in  einem  stark  entwickelten,  durch  die
kirchlichen  Kämpfe  der  Zeit  noch  geschärften  religiösen  Sinn,  bürgerlichem ­
  Selbstbewußtsein,  ernstem,  würdigem,  biedermännischem
Wesen,  echter  Liebe  zum  engeren  und  weiteren  Vaterland,  hoher
Wertschätzung  der  Geschichte  und  des  „Buches  aller  Bücher",  der
Heiligen  Schrift,  und  einer  verstandesmäßigen,  hausbackenen  Moral,
die  Gott  verpflichten  möchte,  Gutes  und  Böses  schon  in  diesem  Leben
„nach  Gebühr"  zu  vergelten.  Eigentliche  poetische  Schöpferkaft  freilich ­
  ist  ihm,  wie  den  allermeisten  „Liebhabern  des  deutschen  Meistergesangs", ­
  nicht  verliehen  gewesen,  sodaß  er  sich  nicht  einmal  innerhalb ­
  der  heimischen  Schule  den  Ehrentitel  eines  „Lichters"  zu  ersingen
vermochte.

1.  R.  Pfeiffer,  Die  Meistersingerschule  in  Augsburg  und  der  Homer-Übersetzei
Johannes  Spreng  (München  und  Leipzig  1919),  S.  1.
2.  Ebenda  S  3  ^  ,
3.  Seinj,  Ein  Verzeichnis  der  Augsburger  Meistersinger  des  XVI.^ayr-Hunderts
  (München  1893),  S.  ö,  Nr.  7.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.