Full text: Neubauten und Concurrenzen in Österreich und Ungarn : Organ für d. Hochbaufach u. seine Interessenten, I. Band (1895)

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‚Unternehmer und Lieferanten geniessen ein gesetzliches Vorzugs- 
  
recht für die ihnen aus Bauarbeiten oder Lieferungen erwachsende Forde- 
rung. Das Vorzugsrecht entsteht durch einseitig" erwirkten Eintrag des 
Unternehmers oder Lieferanten in's Pfandbuch, in welchem er die zu 
liefernde Arbeit und deren ungeführen Werth unter Vorbehalt der spüteren 
Feststellung derselben nüher bezeichnet. Das Vorzugsrecht rangirt vom 
‘Tage des ersten Eintrages, und zwar in der Weise, dass alle bei einer 
Bauausführung bbetheiligten Unternehmer und Lieferanten 
denselben Rang geniessen, einerlei zu welcher Zeit sie den ersten 
Eintrag erwirkten. Ist eine Liegenschaft, an welcher Bauarbeiten vor- 
genommen werden sollen, vor deren Inangriffnahme hóher belastet, als 
die ortsgerichtliche Schätzungscommission sie bewerthet hat oder bewerthet 
haben würde, so geht das für die Unternehmer und Lieferanten be- 
gründete Vorzugsrecht im Range allen Belastungen vor, soweit deren 
  
trag die vorgenommene, beziehungsweise noch vorzu 
  
hmende Schätzung des ursprünglichen Eigenschafts- 
verthes übersteigt.« 
Hierdurch wäre allerdings das, Princip durchbrochen, dass Hypo- 
    
nur nach erfolgter Eintragung und gem: 
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ss ihrer Reihenfolge 
  
Davon erwarten nun Manche Schwierigkeiten und drückende Be- 
ngungen bei Aufnahme von Baugeldern auch für solide Unternehmer, 
as wieder eine Einschränkung der Baulust und verminderte Beschäf- 
   
g der Bauhandwerker zur Folge hätte. Ein vermittelnder Vorschlag 
   
. das Pfandrecht der Bauindustriellen und Lieferanten auf die Werth- 
erhóühung zu beschränken, die das Grundstück durch ihre Arbeiten und 
Materialien erfahren hat. Die Wirksamkeit des Pfandrechtes wáre ab- 
rängig zu machen von einer binnen drei Monaten nach Vollendung des 
Baues zu geschehenden Eintragung im Grundbuche. Ein anderer Vor- 
schlag geht dahin, den Schwindel selbst und damit zugleich‘ die 
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htheiligen Folgen desselben fiir die Bauhandwerker zu bekämpfen. 
Der Bauunternehmer soll im Handelsregister protokollirt und zur Fiih- 
kaufmännischer Bücher verhalten werden, so dass ihm ein eventu- 
betrü 
   
erischer Bankerott nachgewiesen werden und ihm die Eintragung 
  
r neuen vorgeschobenen Firma unmöglich gemacht werden könne. 
  
  
   
Leider, liegen die Verhältnisse in Oesterreich und speciell in Wien 
nicht wesentlich anders als in Deutschland. — Zwar hat bei der lang- 
sameren baulichen Entwicklung Wiens und der österreichischen Städte 
der Bauschwindel nicht jene Höhe erreicht. und nicht jene bedenklichen 
Dimensionen angenommen, wie in.dem rapid gewachsenen und wachsenden 
Berlin und in anderen deutschen Städten. Allein die wirkende Ursache 
ist auch bei uns vorhanden: Die Befriedigung des steigenden Wohnungs- 
bediirfnisses durch Speculationsbauten. Und auch bei uns werden 
durch gewissenlose Bauspeculanten jührlich viele Hunderte von Bauhand- 
werkern um ihr Geld gebracht. Auch unsere derzeitige Gesetzgebung 
bietet dagegen keinerlei Schutz; denn auch bei uns herrscht das Princip 
der ausschliesslichen Begründung von Pfandrechten durch bücherlichen 
Eintrag und der Prioritit der Pfandrechte nach dem Zeitpunkte der Ein- 
tragung. — Und wenn der Bauhandwerker zur bücherlichen Eintragung 
gelangt, findet er in der Regel durch eingetragene »Kaufschillingsreste« 
und »Baucredite« den Werth des Bauobjectes erschopft, häufig das Bau- 
object schon in den Besitz eines Dritten übergegangen, dem gegenüber 
er eine Sicherstellung auf das Bauobject gar nicht erlangen kann, 
Thatsächlich hat. auch bei uns der Verband der Baugewerbetreibenden 
diese Verhältnisse und die Frage der Abhilfe gegen dieselben eingehender 
Erörterung unterzogen. Es wurde insbesondere auch. die Einräumung 
eines Vorzugspfandrechtes der Bauhandwerker — sei es eines gesetz- 
lichen, sei es eines durch Eintrag zu begründenden V orzugsrechtes — 
eingehend erörtert. Allein die Regierung hat sich gelegentlich. “der 
Besprechung dieser Frage im Abgeordnetenhause gegen die Schaffung 
einer derartigen Institution, welche die Principien unseres Hypothekar- 
rechtes durchbrechen würde, entschieden ausgesprochen. Es lässt sich 
auch nicht verkennen, dass der Schaffung eines Vorzugspfandrechtes der 
Bauhandwerker — in einer oder der anderen Weise — vom Standpunkte 
der Sicherheit der Hypothekar-Rechtsverhältnisse gewichtige Bedenken 
entgegenstehen. Allein wenn die Verhältnisse sich in der Richtung, 
welche sie . genommen haben, fortentwickeln, werden sie über kurz 
oder lang ein Eingreifen der Gesetzgebung in einer oder der. anderen 
  
Richtung gebieterisch fordern. Dr. M. 
BAU- UND KUNSTCHRONIK. 
hielt der technische Rath Architekt 
  
Aus Budapest. Kiirzlic 
Béla Ney im ungarischen Architekten- und Ingenieurvereine einen Vor- 
trag, in welchem er cine Parallele zwischen der baulichen Entwicklung 
    
n Wien und Budapest zog, nachdem die Nähe und vielfache Interessen- 
gemeinschaft der beiden Residenzen zu fortwährenden Vergleichen heraus- 
fordere. Der Vortragende entwarf ein prachtvolles Bild der alten Kaiser- 
stadt, die das Glück gehabt habe, sich seit Jahrhunderten unter den 
ten Bedingungen und unter umsichtigst 
günst 
      
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er Leitung zu entwickeln. 
Dem gegenüber habe die jüngere Schwesterstadt nichts aufzuweisen als 
   
  
ihre allerdings einzig schóne Lage, die aber doch nur ein Geschenk der 
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und nicht. Verdienst sei, während durch Uebereilung und Kleinlich- 
  
Budapest viel gesündigt und verdorben worden sel. 
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Der Redner hat hier entschieden die Lichter und Schatten ganz un- 
  
ig aufgetragen, um seinen sonst wohl begründeten Forderungen im 
Interesse Budapests mehr Nachdruck zu verleihen. In Wien pflegt man die um- 
gekehrte Behauptung aufzustellen und Budapest als leuchtendes Beispiel 
nelbewusster Entwicklung. zu rühmen. Wer hitte auch vor 25 Jahren, 
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da Ungarn staatliche Unabhängigkeit wieder errungen hatte und 
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Budapest damit aus einer Landeshauptstadt zu einer Reichshauptstadt ge- 
  
worden war, den Aufschwung dieser Stadt voraussehen kónnen, der in 
Europa nur mit dem Berlins seit 1871, am treffendsten aber mit dem 
Wachsthum amerikanischer Stüdte verglichen werden kann! Sind im 
Laufe der Entwicklung auch unzweifelhaft Fehler begangen worden, so 
sind diese zumeist auf Rechnung der durch die immense Steigerung der 
Bedürfnisse bewirkten Hast zu setzen. Es ist auch ganz begreiflich, dass 
der vor einem Vierteljahrhundert entworfene Stadtplan heute absolut un- 
brauchbar ist für eine eben mehr als doppelt so stark bevóolkerte Stadt. 
Die Forderung nach einem neuen R egulirungsplane ist darum 
vollkommen begründet und wird jetzt allgemein erhoben, und da in 
Ungarn die öffentliche Meinung ein sehr bedeutsamer und berücksichtigter 
Factor ist, so ist es sicher, dass derselben bald entsprochen werden wird 
und ein interessanter Wettbewerb in Aussicht steht. Was dem Budapester 
Stadtplan als Fehler anhaftet, ist der Mangel der Querstrassen, wodurch 
der Verkehr. so unendlich complicirt ist. Die Andrassystrasse, diese zu 
den. herrlichsten Strassen der Welt zählende, hätte auf die Axe der 
des derzeit monumentalsten Baues von Budapest, gelegt werden 
Basilica 
sollen. um dann zu beiden Seiten derselben sich zu gabeln. Auch die 
  
  
Platzanlagen sind in Budapest zumeist verunglückt und ist es in dieser 
Jeziehung tief bedauerlich, dass die Umgebung des prüchtigen, der Voll- 
endung sich nühernden Parlamentsgebüudes heute schon als verfehlt be- 
zeichnet werden muss. 
Unter den grossen Regulirungsarbeiten, die ihrer Lósung entgegen- 
gehen, befindet sich auch die Regulirung des Platzes vor der Mathias- 
kirche in Ofen und die Durchführung einer grossen Avenue durch die 
innere (alte) Stadt. Die Mathiaskirche ist die bedeutendste Kirche von 
Budapest, welche nach einer fast einem Neubau gleichkommenden, Jahr- 
zehnte dauernden Restaurirung nun endlich fertiggestellt ist. Architekt 
Professor. Schulek legte dem stüdtischen Baurathe ein von grossen Ge- 
danken erfülltes Project zur Regulirung des an eine alte Bastei an- 
stossenden Kirchenplatzes vor. Doch müssen wir leider befürchten, dass 
der schóne Gedanke an den grossen Kosten scheitern werde. Dagegen 
wird an der Durchquerung der Stadt bereits gearbeitet und mach Æauss- 
manmschem Muster Alles demolirt — wenn es auch erst vor einem Jahr- 
zehnt entstanden ist —' was der Verbindung des Boulevards mit der 
Donau im Wege ist. Auch sonst nimmt die Bauthütigkeit in Budapest 
noch stetig zu, trotz der immensen Zahl von Neubauten. Den äusseren 
Anstoss hierzu bietet die im Jahre 1896 stattfindende Millennium s- 
Ausstellung, welche die Krónung der Feier des tausendjihrigen Be- 
standes des Konigreiches werden soll. 
Aus Anlass dieser Ausstellung wird eine elektrische Untergrund- 
bahn von der Donau zum Ausstellungsterrain geführt, welche die ganze 
Stadt durchquert. Wie fabelhaft schnell in Budapest gearbeitet wird, 
möge daraus‘ ersehen werden, dass der durch die nahezu 3 #m lange 
Andrassystrasse führende Theil des Tunnels seit der Ende August d. J. 
stattgehabten Concessionirung der Bahn in Tag und Nacht ununter- 
brochener Arbeit nahezu fertiggestellt ist, 
Die einfache Aufzählung der im nächsten Jahr neben der grossen 
Zahl von Privatbauten auszuführenden öffentlichen Bauten möge diesen 
Brief beschliessen, indem es zugleich ein Bild gebe von der Pester Bau- 
thätigkeit, die gewiss geeignet ist, den Neid der Collegen vom Baufache 
allerwärts zu erregen. 
Für 1895 sind an öffentlichen Bauten in Budapest unter Anderem 
in Aussicht: der Bau zweier Donaubrücken, von fünf Kasernen, ferner 
   
eine grössere Anzahl von Schulbauten, städtische Markthallen, ein neues 
 
	        

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