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erblichen Abänderungen infolge meist unbekannter Ursachen beruhen soll,
die als Mutationen bezeichnet wurden, Solche sprunghafte Änderungen
waren schon oft beobachtet worden („sports“ der Gärtner, „single
variations“ Darwın's), und besonders DE Vrıss hatte ihr Auftreten
unter zahlreichen von ihm gezogenen Nachkommen der Nachtkerzenart
Oenothera Lamarckiana eingehend studiert. Wenn er nun auch insofern
Pech gehabt hat, als das von ihm gezüchtete Material sich nachträglich
ebenfalls als Aufspaltungsprodukte ehemaliger Bastardbildung erkannt
wurde, so erwies sich doch der seiner Theorie zugrunde liegende Ge-
danke als gesund und lieferte, ausgebaut durch die namentlich während
der letzten Jahre durch die Morcan’sche Schule in Amerika ausgeführten
Untersuchungen, eine befriedigende Erklärung für die Veränderung der
Organismen. Als maßgebend für das Auftreten der charakteristischen
Eigenschaften einer Art sieht man demnach gewisse letzte (relative)
Einheiten des Keimplasmas, sog. Erbeinheiten oder Gene an, die ähnlich
wie die letzten Einheiten der Chemie, die Atome, durch verschiedenartige
Kombination eine große Mannigfaltigkeit der Formen liefern. Diese Gene,
die man als chemische Stoffe, und zwar als eine Art Enzyme aufzufassen
hat und deren Sitz die bekannten Zellkernbestandteile, die Chromosomen
sind, sind — wie man das ja neuerlich auch von den Atomen weiß —
nicht konstant, sie unterliegen der Veränderung und können wie jene
zertrümmert werden. Wird nun ein Gen durch irgend einen Einfluß so
verändert, daß eine neue Einheit entsteht, so hat dies eine Mutation zur
Folge. Diese Änderung der (Gene kann qualitativer oder quantitativer
Natur sein, und wie es beispielsweise gelungen ist, beim Koloradokäfer
YJurch künstliche Beeinflussung seines Keimplasmas erbliche Variationen
(Mutanten) hervorzurufen, so ließ sich anderseits nachweisen, daß ge-
wisse auffällige Mutationen wie Riesenwuchs u. dgl. mit einer deutlichen
Vergrößerung oder Verkleinerung, oder auch mit Vermehrung oder Ver-
minderung der Gene verbunden waren. Redner legte eine Reihe von
bemerkenswerten Blattmutanten, geschlitzte Blätter von Buchen, Erlen,
Eichen, Linden usw. vor, die aus den Normalformen offenbar durch
Änderung nur weniger Gene hervorgegangen sind.
Nach Schluß des mit großem Beifall aufgenommenen Vortrags, der
eine Arbeitsrichtung kennen lehrte, die in’ Zukunft eine große Rolle
spielen dürfte, begab man sich in den Botanischen Garten, wo Redner
noch nähere Erläuterungen zu seinem Vortrag gab und auch sonst noch
vielerlei Interessantes vorzeigte. Nach einem lohnenden Besuch der
Schloßkuppel vereinigten sich die Teilnehmer auf der Terrasse der Speise-
meisterei, wo beim Vespertrunk der Vereinsvorstand O.Reg.Rat Entreß
namens der Gäste den Dank für das Dargebotene zum Ausdruck brachte.
E.
Sitzung am 14. September 1921.
Landesgeologe Dr. Bräuhäuser sprach über die einstigen Kohlen-
funde im Triasgebiet Württembergs und ihren Abbau in
früherer Zeit.