Full text: Architektonische Monatshefte, VI. Band (1900)

Heft‘ 1 ARCHITEKTONISCHE MONATSHEFTE VL Jahrgang 
  
schwerfälligen, unbequemen und geschmacklosen Constructionen | der Olbrich’schen Wohnungsausstattung wie folgt, äussert: »Der 
plagen "konnte! Instinkt des richtigen Handgriffes, des dienlichen Verfahrens 
Ludwig Hevesi hat zu Olbrich’s »Ideen« eine geistvolle | macht diesen Künstler auch zum Handwerker; er findet in sich 
Einleitung geschrieben, in der er sich über die zwingende Logik | Alles, was zur Gesammtleistung gehört. 
Ein Olbrich’sches Haus ist ein lebender 
Organismus, und jeder Raum darin ein lebendes 
Organ. Wie es wirkt und klappt, das ist seine 
Erfindung; vom ersten bis zum letzten Nagel 
zeichnet er Alles selbst und lehrt noch die Hand- 
werker, ihre Werkzeuge auf neue Art zu ge- 
brauchen. In der That, er erzieht ein‘ neues 
Handwerk. Er emancipirt es von dem her- 
kömmlichen Druck gewisser Fabriken und Unter- 
nehmer. Seine Fenster und Thüren sind nicht 
aus der Fenster- und Thürenfabrik, seine Spiegel 
und Rahmen nicht aus der Spiegel- und Rahmen- 
fabrik, der Tapetenfabrikant und der Tapezierer 
verlocken ihn nicht, ihre bewährtesten Papiere 
aufzukleben und ihre beliebtesten Draperien 
aufzuhängen. Selbst die allmächtige Jalousien- 
fabrik muss ihm weichen. Jedes Einzelne be- 
zeugt da, dass ein Kopf einen Gedanken gehabt 
hat, und eine Hand die Empfindung für diesen 
Gedanken ...« 
Darin liegt der nicht wiederzugebende Reiz 
eines solchen Heims: Alles entspricht genau 
seinem Zweck und bekennt ihn auch offen ein. 
Kein Gegenstand will anders oder mehr er- 
scheinen als er wirklich ist. Er hat dies auch 
nicht ‚nöthig. Die Hand des Meisters verlieh 
ihm bei aller Einfachheit soviel künstlerisches 
Gepräge, dass Zweck und Material durch die 
Form allein veredelt wird! 
Es ist unmöglich und nicht Zweck dieser Zeilen, die ganze Fülle von Gedanken und 
Ideen, welche dieses Buch birgt, auch nur andeuten zu wollen. Wer es durchblättert, dem 
dünkt es wie eine Offenbarung über das Wesen wahrer Kunst. Mehr noch, unter der grossen 
Zahl Schriften, die in den letzten Jahren für die modernen Bestrebungen eintraten, ist keine, 
die so überzeugend wirkt, wie Olbrich’s Buch. Und seine Argumente sind umso wuchtiger 
und unwiderstehlicher, weil er Worte verschmäht und allein durch — Thaten beweist! — 
Wahrlich, Hevesi hat Recht, wenn er seine Einleitung mit den Worten schliesst: 
»Man denke sich einmal die Sache umgekehrt: unsere Städte waren von jeher so gebaut, 
wie Olbrich baut, und wir hätten nie etwas Anderes gesehen, und plötzlich käme ein talent- 
loses, aber einflussreiches Baugeschlecht auf und überschwemmte uns mit all’ den Bauformen, 
  
  
Interieur, Villa Friedmann, Wien. J. M. Olbrich. 
  
Gitter für ein Kellerfenster. J, M. Olbrich, 
die wir jetzt thatsächlich um uns sehen. 
Welch’ ein Entsetzen wäre das über 
plötzliches Versiegen aller Schaffens- 
kraft, Eintrocknen aller Phantasie, Ver- 
sumpfen in Fälschung und Schablonen- 
thum. Man würde jammern: die Kunst 
ist zu Grunde gegangen!« 
  
EN J. M. Olbrich, 
Die Innenräume des „Cafe Lebmann‘“ in Wien. 
(Tafel 2.) 
Dieses Cafe befindet sich in dem Hause Kärntnerstrasse 18 und Neuer Mark 3, welch’ 
letzteres dem Wiener Bürgerspitalfonde gehört und nach den Plänen der Architekten Franz 
Freiherrn v. Krauss und J. Tölk erbaut wurde. 
Die ganze Anlage und decorative Ausstattung geschah nach den Entwürfen und. unter 
Leitung des Architekten F. v. Krauss. Für ein Haupterfordernis, nämlich ausgiebige Be- 
leuchtung, wurde in umfassender Weise Sorge getragen. Das Local besitzt sowohl gegen die 
Kärntnerstrasse als auch gegen den Neuen Markt eine Front mit je zwei Oeffnungen, von 
denen die grösste in der Kärntnerstrasse 6°20 m breit ist. 2 Eingänge vermitteln den Verkehr. 
Auch der Hof des Hauses ist durch Oberlichte zur Erhellung der Localitäten herbeige- 
zogen und wurde im Uebrigen für die Cafehausküche und Closetanlage, wie für den Cassen- 
raum ausgenützt. 
Bei der Decoration der Innenräume ist der Architekt in taktvollster Weise der Versuchung 
ausgewichen, durch Ueberladung im Detail wirken zu wollen. Die Einzelheiten der Ausschmückung Kachelofen: JM. Olbrich, 
  
— 2 — 
  
 
	        

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