Full text: Einladungs-Schrift der Königl. Polytechnischen Schule in Stuttgart zu der Feier des Geburtsfestes Seiner Majestät des Königs Wilhelm von Württemberg auf den 27. September 1861 (1861)

  
  
Ueber die Theorie der Erscheinungen der Capillaritát. 
l. Eine schwere Flüssigkeit hat im Zustande der Ruhe eine horizontale freie Oberfläche, wenn 
diese Oberfläche hinreichend weit von den begrenzenden Flächen der Wände des Gefässes, das die 
Flüssigkeit enthält, entfernt ist. Beobachtet man "aber diese Oberfläche in der Nähe der begrenzenden 
Wand, so sieht man, dass die freie Oberfläche zunächst bei dieser entweder in einer concaven Fläche an 
der Wand ansteigt, oder mit convexer Fläche abwärts geht, und nur in den seltensten Fällen, vielleicht 
nie bis an die Wand eben bleibt. Noch auffallender tritt diese Erscheinung auf, wenn man die Flüssig- 
keit in einem weiten Gefásse mit derselben Flüssigkeit in einem sehr engen Gefásse, etwa einem sehr 
engen Róhrchen, einem Haarróhrchen, communiciren lüsst. Statt wie diess nach den Gesetzen der 
Hydrostatik bei alleiniger Wirkung der Schwere folgt, in beiden Gefássen durch eine Horizontalebene 
begrenzt zu sein, steht die Flüssigkeit in dem Haarróhrchen entweder hóher oder tiefer als in dem 
weiteren Gefüsse, und die Oberfläche der Flüssigkeit ist dabei in dem engen Röhrchen im ersten Falle 
concav, im zweiten convex nach oben. Diese und verwandte Erscheinungen nennt man die Erscheinungen 
der Capillarität, und zwar spricht man von einer Capillarerhebung oder von einer Capillardepression, 
je nachdem die Flüssigkeit in dem engen Röhrchen höher oder niederer steht als in dem mit der Röhre 
verbundenen weiteren Gefüsse. 
2. Von einer Flüssigkeit mit vollkommener Beweglichkeit ihrer Theile lehrt die Hydrostatik, dass 
die freie Oberflüche in der Ruhe rechtwinklich stehen müsse auf der Richtung der Kraft, welche auf 
die Theilchen der Flüssigkeit in der Oberflüche einwirkt. Ist diese nur die Schwerkraft, so muss also 
diese Oberfläche horizontal sein. Diess ist aber bei den Flüssigkeiten in der Nähe der begrenzenden 
Wand nicht der Fall, dort ist die Oberfläche gekrümmt, entweder gegen die Wand ansteigend, concav 
nach oben, oder von der Wand abgekehrt, convex nach oben. Es muss also hier noch eine weitere 
Kraft neben der Schwere auftreten; der nächste Gedanke ist, eine anziehende Kraft der Wand auf die 
Flüssigkeit im ersten, eine abstossende Kraft im zweiten Falle anzunehmen. Dass eine solche Attraction 
zwischen der Materie der Wand und den Flüssigkeiten stattfindet, weiss man aus den Versuchen mit 
Adhäsionsplatten, welche man von den Flüssigkeiten, mit welchen sie in Berührung stehen, abzureissen 
sucht. Man weiss, dass hierzu eine ziemlich grosse, messbare Kraft erforderlich ist, man hat aber auch 
bei Glas und Quecksilber und andern Platten und Flüssigkeiten, bei welchen eine Capillardepression und 
keine Erhebung eintritt, immer eine Anziehung, niemals eine Abstossung bei den Versuchen mit 
Adhäsionsplatten gefunden. Nur zeigt sich ein Unterschied: bei den Platten, an welchen die betrachtete 
Flüssigkeit Capillaransteigung zeigt, ist bei dem Versuche über die Adhäsion die Platte nach dem 
Abreissen noch benetzt, mit einer Flüssigkeitsschichte überzogen, bei den Platten aber, an welchen 
 
	        

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