Full text: Jahres-Bericht der Königl. Polytechnischen Schule zu Stuttgart für das Studienjahr 1867/68 (1867)

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Der Horizontalschub eines fertigen Gewülbes erwacht bei der Ausschalung desselben. Die Widerlager weichen 
demzufolge etwas zurück, der Scheitel senkt sich, die Druckcurve stellt sich steiler. .Diese mit dem Namen „Setzen“ 
bezeichnete Bewegung bedingt also eine Verminderung des Schubs, zugleich aber auch eine Vermehrung der Wider- 
standsfáhigkeit der Widerlager. Sie setzt sich so lange fort, bis vermöge beider gleichzeitiger Wirkungen der Gleich- 
gewichtszustand erreicht ist. 
Einfluss des Genauigkeitsgrades der Ausführung. — Welche: Druckeurve nun. diesem Gleichgewicht ent- 
sprieht, hángt, wie man sieht, in erster Linie vom Grade der Nachgiebigkeit der Widerlager und ihrer Fundamente 
ab; sodann kommt aber auch wieder die Bearbeitung der Gewólbsteine in Betracht, deren Einfluss hier noch be- 
deutender ist, als bei vorausgesetzter Beweglichkeit eines Widerlagers (nach Fig. 20), indem es nun nicht allein auf 
die Abschrágungswinkel, sondern auch auf die Dicke der Steine im Verháltniss zur gegebenen Entfernung der Wider- 
lager ankommt. Alle Ungenauigkeiten kann man sich am Schlussstein concentrirt denken; je dicker derselbe und 
je fester er eingetrieben wird, desto flacher stellt sich die Curve und umgekehrt. Es sollte bei Bearbeitung dieses 
Steines auch das wahrscheinliche Nachgeben der Widerlager bei der Ausschalung berücksichtigt werden. Bei grossen 
Gewólben kann dieses indessen nur unvollstündig geschehen, denn es ist unmöglich den Scheitelstein fest genug an- 
zutreiben; daher die Curve in diesem Falle eine mehr steile Form anzunehmen pflegt. Seltener und nur. bei kleineren 
Gewölben wird die Curve sich zu flach gestalten, durch allzu festes Eintreiben des Schlusssteines. 
Folgen einer ungünstigen Druekvertheilung im Gewölbe. — Da man nach dem Vorstehenden diese 
Vertheilung nur sehr unvollständig in der Hand hat, so drängt sich die Frage auf, welche Folgen eine ungünstige, 
an gewissen Punkten den Gewülbgrenzen zu nahe kommende Druckeurve schlimmstenfalls haben kônne. Es pflegt 
dann das.oft beobachtete Abspringen der Kanten der Gewblbsteine (in Württemberg ,Brennen* genannt) einza- 
treten, welches sich soweit in das Innere des Gewülbes fortsetzt, bis in Folge davon die Curve hinreichend zurück- 
gewichen ist. Der Uebelstand bringt also die Abhilfe selbst mit sich, und zwischen einem ungenau ausgeführten und 
einem statisch unstabil geformten Gewülbe findet der wesentliche Unterschied statt, dass die ebenfalls mit dem Ab- 
springen‘ der Kanten beginnenden, Bewegungen dieses letztern bis zum Einsturz sich fortsetzen, während sie im 
ersteren vom selbst wieder aufhören, nachdem die Curve eine günstigere, die Materialfestigkeit nirgends über- 
schreitende Lage angenommen hat. Jenes Gewölbe muss also einstürzen, dieses wird nur einzelne lokale Be- 
schädigungen zeigen. 
Mittel gegen das „Brennen“. — Das sicherste Mittel besteht darin, die Berührung der Gewölbsteine erst 
in einiger Entfernung von der betreffenden Gewólbgrenze (besonders von der Leibung, weil da die Schäden am 
meisten ins Auge fallen) beginnen zu lassen, entweder durch Anwendung sogenannter Refendfugen oder durch Be- 
freiung der #usseren Fugentheile von Martel, vor der Ausschalung.  Uebrigens ist die Gefahr um so geringer, je 
weicher der Mürtel bei der Ausschalung, indem schon das Nachgeben des letzteren die Concentrirung des Drucks an 
den Kanten verhindert. Daher die Regel, mit dem Aufwälben und Ausschalen môglichst zu eilen. 
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(LA) 
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| 8.5. 
: Maximalpressung in Tonnengewôlben. 
Günstigste Druckvertheilung. — Denkt man sich die Grösse und Lage sämmtlicher Fugendrücke gegeben, 
so kann nach $. 1 aus dem Angriffspunkte und der Normalcomponente jedes Drucks die grösste in der betreffenden 
Fuge stattfindende Pressung (welche an der den Angriffspunkten benachbarten Kante wirkt) bestimmen. Von den 
für die verschiedenen Fugen hiedurch erhaltenen Pressungen ist aber nur die grósste, welche sich auf eine Bruch-
	        

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