Metadaten : ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

Produktionsweise sich entwickelt, eine immer größere
Kapitalmenge nötig ist, um dieselbe mehr noch wachsende
 Arbeitskraft zu beschäftigen. Die steigende Produktivkraft
 der Arbeit erzeugt also, auf kapitalistischer
Grundlage, mit Notwendigkeit, eine permanente
scheinbare Arbeiterbevülkerung."
Gerade am Beispiel dieser zwei letzten Zitate sehen
wir, wie eine noch klarere Heraushebung der unterschiedlichen
 Ebenen der Darstellung, als sie im "Kapital"
selbst geschieht, notwendig ist, wenn wir nicht Marx
unterstellen wollen, daf er (auf zwei aufeinanderfolgenden
 Seiten) sich diametral widerspricht. Besonders
gilt dies für den 3. Band, in dem die Darstellung von
Marx nicht ausgearbeitet, sondern von Engels, der
diesen Unterschied nie mit der Marx' schen Grundsützlichkeit
 durchführte, zusammengestellt worden ist.
Der scheinbare Widerspruch zwischen der "Móglichkeit"
 im vorletzten Zitat und der "Notwendigkeit" im
letzten lóst sich auf, wenn wir erkennen, daf die "Móglichkeit"
 sich auf die historische Wirklichkeitsebene
(auf die "Oberflüche") der ókonomischen Basis der
kapitalistischen Gesellschaftsformation bezieht, wührend
 die "Notwendigkeit" sich im Kontext der "inneren
Gesetzmáfligkeit" der Wesensebene des kapitalistischen
Akkumulationsprozesses versteht. (D.h. was dort
"Móglichkeit" ist, ist hier "Notwendigkeit" .)

Damit erscheint aber auch die Differenz in der Behandlung
 der "fallenden Profitrate" und der "fallenden Beschüftigungsrate"
 zu einem anderen Licht. Wir sehen,
daß in dem von Marx ausgeführten Teil des 3. Bandes
wohl die "schrittweise Annäherung' an die Oberfläche
der ökonomischen Basis in bezug auf den "tendenziellen
 Fall" behandelt ist (vor allem in den Abschnitten
über die "entgegenwirkenden Ursachen'' des tendenziellen
 Falls), aber daß die Darstellung derselben Annäherung
 in bezug auf die !'fallende Beschäftigungsrate''
fehlt: in den beiden angeführten Zitaten (wie auch
in allen ausgeführten Abschnitten des "Kapitals" über
das Thema) geschieht die Behandlung dieser Extrembewegung
 der kapitalistischen Akkumulation auf der
"reinen" Ebene der "inneren Gesetzmiáfigkeit". (Da
ja die "Móglichkeit" der Wirksamwerdung des Gesetzes
in der verdinglichten Oberflüche der Basis nichts über
die tatsächlichen Formen und auch nichts über die
innere Komplexitüt ihrer Wirksamwerdung aussagt.)
Wenn wir nun Marxens Gesamtplan zum Aufbau des
"Kapitals" mit den ausgeführten Teilen vergleichen,
so verschwindet auch die scheinbare Grundsátzlichkeit
in der Differenz der Behandlung der beiden Bewegungen.
 Die Behandlung der strukturellen Wirksamwerdung
der fallenden Beschäftigungsrate nämlich, oder die
der wachsenden Pauperisierung, gehörte gerade in den
Kapiteln des 3. Bandes ("die Klassen"), auf deren
zweiten Seite die Darstellung des "Kapitals" abbricht.
Es sei hier nur am Rande bemerkt, dal die verzerrende
 Überbetonung der Problematik des "tendenziellen
Falls" in der ókonomischen Epigonenliteratur des
Marxismus (die sich bis zu unseren Tagen fortsetzt
und nicht nur bei den Baran und Sweezys, sondern auch bei
sonst klarsichtigen marxistischen Ókonomen wie E.
Mandel und E. Altvater) keinesfalls das Zufallsprodukt
der fehlenden Ausführung des 3. Bandes des "Kapitals"
sein kann. Sie ist vielmehr Bestandteil der noch nicht
endgültig überwundenen ókonomistischen Verkürzung
 der Marx’ schen Kritik der Nationalökonomie.

ARCH+ 15 (1971-3)

die, wie schon bemerkt, sowohl ihre deterministische
wie auch ihre positivistische Variante hat. Diese Verkürzung
 bezeugt zur gleichen Zeit die Wirkung der
Perspektiven und Problematisierungen in der marxistischen
 Epigonenliteratur, die von der bürgerlichen
 Ökonomie herstammen. Bei der letzteren hat
die Wichtigkeit des "tendenziellen Fall" (als die Seite
der Extrembewegung des kapitalistischen Akkumulationsprozesses,
 die unmittelbar das Kapital betrifft)
einen guten und notwendigen Grund. Schon Marx hat
auf die sorgenvolle Behandlung dieses Themas von
seiten Ricardos ironisch reflektiert. (Malthus war dagegen
 ein nicht allzu ernst genommener Außenseiter
der bürgerlichen Ókonomie.)

Diese Präzisierung der Differenz der Behandlung der
zwei in Frage stehenden Problemkomplexe hilft uns
aber zunächst nicht in der Frage weiter, inwieweit das
obige Zitat aus dem 3. Band über die Durchsetzungsform
 des Gesetzes der fallenden Profitrate als (scheinbar
 reale) Tendenz uns die Modi der Wirksamwerdung
der "reinen Gesetzlichkeit' der kapitalistischen Akkumulation
 innerhalb der historischen Wirklichkeit der
ökonomischen Basis adäquat durchleuchtet.
Kehren wir zur Behandlung dieser Frage zunächst zum
1. Band des "Kapitals" zurück, zum oben zitierten
"absoluten, allgemeinen Gesetz der kapitalistischen
Akkumulation". An die Formulierung dieses Gesetzes
schlieft Marx dort (Seite 674) die folgende Bemerkung
an: "Es (d.h. dies absolute, allgemeine Gesetz) wird
gleich allen anderen Gesetzen in seiner Verwirklichung
durch mannigfaltige Umstünde modifiziert, deren Analyse
 nicht hierher gehórt." Wenn wir nun die hier zitierte
 "Verwirklichung des Gesetzes" analog zu dem
üblichen Verständnis der "Verwirklichung des tendenziellen
 Falls" auffassen (wozu die weiter oben zitierte
und eigentlich unprüzise Marx' sche Aussage über das
Wirksamwerden dieses Gesetzes als reale Tendenz
in "langen Perioden" eine punktuelle Legitimation ist),
so könnte sich die folgende Interpretation anbieten:
Das "absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen
Akkumulation'' ist, ihrer Verwirklichung nach, eine
in die Ebene der historischen Wirklichkeit der ökonomischen
 Basis der Gesellschaft direkt hineinwirkende,
sich dort allmählich durchsetzende Tendenz. Sie wird
dergestalt durch die Einwirkungen (oder auch Gegenwirkungen)
 von ihren äußeren Umständen, nicht in ihrer
Wirkungsmodalität wesentlich qualitativ modifiziert,
sondern nur in ihrer de facto-Auswirkung zeitlich und
Srtlich gebremst, behindert.

Genau besehen ist aber diese Interpretation nicht nur
mit der allgemeinen Konzeption des "Kapitals" unvereinbar,
 sie widerspricht auch den prüziseren
und ausgeführteren Darstellungen der Komplexität des
'"tendenziellen Falls" im 3. Band.

Mit der allgemeinen Konzeption des "Kapitals" ist
diese Interpretation, wie teils schon gesehen, darum
unvereinbar, weil sie letzten Endes die (eigentlich nur
zeitlich verschiebbare) direkte Verlängerung der Notwendigkeit,
 d.h. der Form der inneren Gesetzmäßigkeit
 des reinen Strukturmodells, in die verdinglichte
Oberfläche der ökonomischen Basis der kapitalistischen
Gesellschaft bedeutet. Wir haben aber gesehen, daß
der innere Bewegungsmechanismus dieser Basis, an
Sich, nie die ihr äußere Grenze der kapitalistischen
Produktionsweise überschreiten kann. Streng genommen

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