Full text: Heimatgruß der Technischen Hochschule Stuttgart an ihre Studierenden im Felde (1916)

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Siebeln und Firften; alle beherriht vom mächtigen Dach des 
Sotteshaufes. Der Surm der Kirche ift der Stolz ber Bürger, 
bie Durd) gleidjen Gottesbienjt und gleiche bürgerliche Ziele 
eine fefte Ginbeit bildeten. SS gab wohl große Gegenjäte 
don Reich und Arm, Bornehm und Gemein, aber der Bürger 
feiner Stadt fand Halt und Geltung in ihr; nur der Fremde 
tar redtlos und verlaffen. Gine folde Stadt war eine fleine 
Belt für fi mit allen Reizen perfönlicher Leiftungen und 
Grinnerungen. 
Sin ganz anderes Bild bieten jene feudalen Siedelungen 
be8 18. Jahrhunderts, wo ein Königs- oder Fürftenjhloß den 
optijdhen und politifjdhen Mittelpunkt einer Stadt bildete. Man 
denkt an Karlsruhe, Mannheim, Ludwigsburg. Strafen und 
Häufer lagen unter den Augen des Regenten. Sr gebot über 
die Art, wie die Häufer zu bauen feien, er regierte über Handel 
und Wandel, über Rechte und Pflichten Des Gemeintvefens, 
beflen Sinheit in ihm verförpert war. 
Sann fam eine Zeit, da fidh Städte und Länder gegen 
ben laftend gewordenen Druck diefer Sinrichtung und gegen 
QBillfür der Verfônlibhfeiten auflepnten. Frankreich ging voran, 
unb Deftete 1789 auf feine Fahnen die Worte: Freiheit, 
®leidhheit und Briiderlichfeit, und verkündete fie aller 
Belt als ein neues Svangelium. Das bewirkte große Ber- 
änderungen. Seit dem Auszug der Fürften und ibrer mute 
willig feftlichen Sejelljchaft verloren die Schlöffer ihr Gigen- 
leben; fie wurden zu Mumien, die man als Mufeen freudlos 
weiterpflegte; ihre Bedeutung als Mittelpunkte des Semein- 
wefens verloren fie. Nun mußten fich auch die Städte um- 
prientieren. Die es nicht taten, wie 3. B. Berfailles, verfielen 
jelbft in einen Dornröschenjhlaf. Auch in Deutjdland begann 
man fíd) auf bie gemeinblid)e Celbjtánbigfeit früberer Geiten 
zu befinnen. Die Revolutionskriege brachen mit ihrem Gefolge 
überall die abjolutiftiihe Madt der ftaatliden und firhliden 
Sjüupter. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichteit wurde gum 
Wahlipruch pon gang Suropa. 
Qlber fdhon nach wenigen Jahrzehnten ftellte es fich heraus, 
bab die fhönen Worte zur „Phraje“ geworden waren, oder
	        

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