Full text: Ein Jahrhundert Württembergischer Verfassung

    
    
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kräftig, im besten Alter von erſt 46 Jahren. Seine pathetiſche Rede 
und seine parlamentarische Ironie boten selbst seinen Gegnern einen 
gewissen Genuß.!) Linden Ila rubte auf Schlayer als einen Reaktionär 
herabſsehen zu dürfen; aber er selbſt stand schon als Adeliger viel 
tiefer im Mißtrauen des Volkes als der kleinbürgerliche Schlayer, 
„der Parvenü“ wie er noch 1850 verächtlich von der Hofpartei . ge- 
ſcholten wurde. ?) Linden erstrebte nach außen „Wiedereinführung 
Wöürttembergs in eine geordnete St aatenge meinſchaft“ d. h. die Wieder- 
herstellung des Deutschen Bundes, nach innen Ausgleich der durch das 
Jahr 1848 hervorgerufenen Störungen, Widerſtand gegen Ubergriffe, 
aber Freiheit, soweit sie mit den Bundespflichten, den Rechten der 
Urone und der Regierung vereinbar sei. Uber die Grenzen dieser 
Vereinbarkeit gingen freilich die Anfichten CLindens und die der Volks- 
vertreter weit auseinander. 
Bei den Wahlen war die Teilnahme ganz flau, nur 30 "/o der 
Wähler stimmten ab, gegen 60 "/o bei der Ersten und 66 %o bei der 
Zweiten Landesverſammlung. Das Ergebnis war für die Regierung 
ebenso ungünſtig als letztmals. Die am 4#. Oktober 1850 eröffnete 
Dritte Candesverſammlung erhielt zwei vollständige Verfaſsungsentwürfe . 
vorgelegt, einen vom Ausschuß der CLandesverſammlung und einen von 
der Regierung, die damit einem von Schlayer versagten Wunſch ent- 
egenkam. 
Hes Der Ständiſche Entwurf bequenmte sich jetzt ebenfalls zu 
zwei Kammern. Die Mitglieder beider wären darnach von den 
64 Oberamtsbezirken in allgemeiner und geheimer Wahl gewählt 
worden. Wahlberechtigt sollten ſein alle 25 Jahre alten, direkte 
Staatssteuer zahlenden Staatsbürger im Lande, wählbar jeder Staats- 
bürger ohne Rücksicht auf Wohnsitz und Steuerleist: mg. Der Unter- 
ſchied beſtand nur darin, daß die Wahlen für die 2. Kammer direkt, 
für die 1. indirekt gedacht waren, daß die Gewählten in der 2. Kam- 
mer 25 Jahre, in der |. Kammer 40 Jahre alt sein, daß die 2. Kam- 
mer aus 64 Abgeordneten, die 1. nur aus 32 bestehen und daß alle 
3 Jahre die 2. Kammer ganz, die 1. nur zur Hälfte neu gewählt 
werden sollte. Berufen mußte der Landtag jährlich werden; auch 
der Ständiſche Ausschuß konnte ihn ausnahmsweise berufen. Das 
Recht der Präſidentenwahl und des Geſetzesvorſchlages stand jeder 
Kammer zu. An die Stelle des Geheimen Rates als oberſter beratender 
Behörde sollte das Gesamtministerium treten; die Ernennung und 
Entlassung seiner Mitglieder war wieder der freien Entſchließung des 
KUsnigs vorbehalten. 
Der Entwurf der Regierung ſetzte ebenfalls beide Kammern 
nur aus Gewählten zuſammen; also gar keine Mitglieder kraft der Ge- 
" Ludwig Pfau: Politiſches und Polemiſches (1896) S. 126. 
(ss: Ü. grit. Schöttlen:] Württemberg in den Jahren 1848 und 1849. Stuttg.
	        

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