Full text: Ein Jahrhundert Württembergischer Verfassung

  
  
  
  
  
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nacht als von allen Seiten des Hauſes bekämpft. Payer, der Führer 
der Volkspartei, der eben erst durch Nachwahl in die Kammer ein- 
getreten war, lehnte „mit berechtigtem Hohn“ das Gebotene als zu 
wenig ab und erklärte jede Reform für unannehmbar, die nicht für 
die 2. Kammer die reine Volkskammer aus allgemeinen direkten gleichen 
Wahlen bringe; auch jede,Vertretung von Sonderinteressen, der Ersatz 
der Privilegierten durch ÖOkonomie- und Kommerzienräte, werde ab- 
gelehnt; die Beseitigung der Privilegierten aus der 2. Kammer könne 
die Regierung erreichen, sobald sie ernstlich wolle; die 1. Kammer ſei 
unnstig und zu beseitigen; „wenn wir sie heute beseitigen könnten, 
würden wir es tun“ ; wenn die Volkspartei gleichwohl beschloſſen habe, 
„sie zum Trost ängstlicher Gemüter zur Zeit stehen zu lassen, so fehlt 
es uns nicht am guten Willen, sondern wir müſsſen sie eben stehen 
laſſen, weil wir sie nicht werfen können“. Auch die Stärkung der 
1. Kammer durch das von ihm vorgeſchlagene Hinüberbefsördern der 
Privilegierten der 2. Kammer würde die Volkspartei in den Kauf 
nehmen in dem Trost, daß eine Einrichtung, die nur in geschichtlichen 
Vorrechten und nicht im Rechtsbewußtsein des Volkes wurzle, doch 
über kurz oder lang weichen müsſe. Konr. Haußmann aber machte, 
wie Rob. Mohl i. J. 1850, dem Adel den Vorwurf, daß er schädliche Ge- 
setze zuſtande gebracht, nützliche Anträge niedergestimmt, die Regierung 
aber von vornherein von fortschrittlichen Vorlagen zurückgeſchreckt und 
abgehalten habe. Auf der anderen Seite wollten die Ritter nichts 
nachgeben ; Frh. Edmund v. Ow und Schad sprachen gar wieder von 
vertragsmäßigen Rechten, die die Ritterſchaft aus Art. 14 der Bundes? 
akte besitze und die die Regierung verletze ohne vorherige Vereinbarung 
mit den ritterſchaftlichen Familien. Der Anspruch war um so unge- 
heuerlicher, als dazumal tatsächlich nur 113 Mitglieder der Ritterschaft 
vorhanden waren, die das Wahlrecht für die 13 Sitze der Ritterschaft, 
d. h. für 14 °/o sämtlicher Kammersitze, ausüben konnten; \1 Abgeord- 
neter fiel auf 1091| Ritter, aber erst auf 5400 Wähler des allge- 
gemeinen Wahlrechtes (bei 377 099 Wählern i. J. 1889). Dabei hatten 
einzelne dieser Wähler nur geringfügige Anteile an Rittergütern; auch 
die Gesamtſteuerleiſtung der Ritterschaft hatte i. I. 1885/80 von 
13,823 Millionen nur 0,158 Millionen, d. h. nur 1,15 "/) betragen.!) 
Selbst Mittnacht hielt es für nötig, die Ritter zu warnen vor dem 
Worte: zu spät! Die Geistlichen spielten sich auf als Hüter des Kirchen- 
gutes. Die Nationalliberalen erklärten sich gegen die bisherigen Privi- 
legierten und gegen ihren Ersatz durch andere Privilegierte in der 
2. Kammer. Selbst Leibbrand von der Landespartei wollte von den 
Privilegierten wenigstens die Vertreter des Adels ganz aus der 2. Kam- 
mer ausſcheiden, sie aber ersetzen durch Vertreter größerer wissenschaft- 
licher und wirtschaftlicher Interesſenkreiſe. Das Zentrum, das ſich ſeit 
Beginn dieses Landtages im stillen gebildet hatte, 1rat nun mit 15 Mit- 
1) Nach den Akten des Geheimen Rates. 
 
	        

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