Full text: Ein Jahrhundert Württembergischer Verfassung

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So viel geschehen war, es hätte die Regiecung die Gunſt der 
Zeit und die Willfährigkeit der Stände doch besser ausnützen, und es 
hätte auch die 2. Kammer kräftiger auftreten, ihren Wünſchen und 
Beschwerden mehr Nachdruck geben sollen. So manche Sätze des 
Grundgesetzes waren Embryonen geblieben und nicht zur Entwicklung 
gekommen. Schwer vermißt wurde auch von Anhängern der Regierung, 
wie Weishaar und Gmelin, ein Gesetz über das Recht Waffen zu 
tragen, ein Preßgeſelz, das die Zensur entbehrlich machen sollte, u. a. 
Vicht einmal die Verabschiedung des Wahlgeſetzes war mit Ernst be- 
trieben worden. Im Unterrichtswesen war außer dem Universitäts- 
statut gar nichts zuſtande gekommen; das dringend nötige Strafgeſetz- 
buch und die Strafprozeßordnung waren von der Regierung wohl fort- 
gesetzt vorbereitet, aber nicht vorgelegt worden. Auch in Verbesserung 
der wirtschaftlichen Zustände hätte mehr geschehen können. Der Ver- 
kauf unrentabler Domänen und der Ubergang von der kostspieligen und 
das Volk beläſtigenden Naturalwirtſchaft des Staates zu der schon 
i. J. 1817 angenommenen Geldwirtschaft wären viel nachdrücklicher 
zu betreiben gewesen. Die ehedem ständigen Klagen über Wildſchaden 
waren wohl verstummt bei den königlichen Forsten, aber sie dauerten 
unvermindert fort gegenüber den adeligen Gütern. Denn der Adel 
war weit entfernt den bauernfreundlichen Maßnahmen König Wilhelms 
nachzueifern; und wenn ein Standesherr einmal zu Schadenerſatz und 
stärkerem Abſchuß verurteilt wurde, trieb er ſeine Rekurſe bis zum 
Geheimen Rat.') Die Standesherrenkammer hielt es sogar für an- 
gemeſſen, den König wiederholt zu bitten um Ausschluß der Gemeinden 
und der einzelnen Bürger und Bauern bei der Verpachtung der 
Staatsjagden; König Wilhelm freilich beharrte bei dem bisherigen 
als wohltätig erprobten Pz tert. Nicht länger erträglich dünkte 
auch der Druck des Adels bei den Feudallaſten, dann der Druck des 
Beamtentums, der alles gängelnden Regierung und des „Mäuſefraßes “ 
der Vielſchreiberei. Selbst die Genoſſen im Zollverein konnten nicht 
genug staunen über die pedantiſche Formſeligkeit der württembergiſchen 
Beamten.?) Die Vielregierung und die Vielſchreiberei hatten zum Teil 
ihre Ursache in dem „Unglück, daß dem Land die Ehre zuteil ge- 
worden ein UKsnigreich zu werden“.!) Denn zu oft wurden die Ein- 
richtungen nach dem Maßstab eines suveränen Königreiches getroffen. 
Auch Minister Piſchek meinte i. I. 1911, daß eine gewiſſe Uber- 
schätzung der Bedeutung des neuen Königreichs bei der Einführung 
der Ureisregierungen mitgewirkt habe.*) Es war nämlich das über- 
') Geh. Rats Protokoll vom 25. Oktober 1833. 
?) Eingaben der 1. Kammer vom 30. Juni 1827, 23. März 18530, 20. Juni 1833 : 
Geh. Rzts] rtl ' et§z Zzvsr. 1851, 22. Inni 1853. 
z t) [Zahn, Heinr. :] Beſuch_am V ~nkenbette des Vaterlandes, 1831. Ähnlich 
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