Full text: Ein Jahrhundert Württembergischer Verfassung

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sffnen nach Bereinigung der beanſtandeten Abgeordnetenwahlen, um 
für dieſe seine Stimme nicht zu verlieren, so daß die Leitung: der Ge- 
schäfte einen Monat lang den Händen des schwachen Alterspräſidenten 
überlaſſen blieb, oder vielmehr der Oppoſition, die sie „an ſich ge- 
riſſen“.!)) Freilich war auch Gaisberg dem Präsidentenamt in dieſen 
. stürmiſchen Tagen nicht gewachſen; \o0 manchesmal erhob sich dann 
mitten im Chaos der geniale Schlayer, um an des Präsidenten Stat! 
mit kecker, aber feſter Hand den Wirrwar zu entwirren. Wild braust: 
es dann aus der Oppoſition durch den Saal, der Präsident möge 
sein Amt nicht durch den Minister verwalten laſſen; aber im ſtillen 
war igt Scſarer tot dankbst. Un betrifft, ſo war bei allen die 
Rechtslage zweifelhaft. Frh. v. Wangenheim, deſſen Eintritt auch der 
Geheime Rat als Gewinn begrüßt hätte, hatte keinen Wohnsitz in 
Württemberg. Daß ein ſolcher für den Gewählten notwendig ei, 
war zwar in der Verfaſſungsurkunde damals nicht so ausdrücklich 
gesagt, wie ſeit 1906, aber aus § 147 mit guten Gründen zu ſchließen; 
die Wahl Wangenheims, der ſich zudem inzwischen durch Indiskretion 
die Gunſt des Uönigs verſcherzt hatte, wurde denn auch mit 43 gegen 
57 Stimmen für ungültig erklärt. Noch schwieriger war die Ent- 
scheidung bei den 4 übrigen Anhängern der Opposition. Sie waren 
i. IJ. 1825 wegen Teilnahme an einer hochverräteriſchen Verbindung 
(nämlich der Burschenschaft!) zu Feſtungsſtrafe mit angemesſener Be- 
ſchäftigung verurteilt worden und hatten dadurch die Fähigkeit zum 
"Ständemitglied eingebüßt, wie ſ. Z. Liſt; ſie waren aber nachgehends 
vom Usnig begnadigt und in alle bürgerlichen Ehrenrechte wieder 
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der Urone gelegen gewesen, dem königlichen Gnadenakt die ausge- 
dehntere Wirkung zu geben. So hat auch die Kammer felbſi i.. I. 
1848 bei ihrer Wiederwahl entschieden, ohne ein Wort darüber zu 
verlieren. Aber i. I. 1833 wünſchte die Regierung vor allem die 
Opposition zu schwächen durch Ausschluß der vier Beanstandeten, zu- 
mal zwei davon, Rödinger und der „wilde“ Tafel, als Leiter des 
Hochwächters, des entschiedenen Oppositionsblattes, ihr besonders un- 
willkommen waren; sie verlangte alſo ihren Ausſchluß. Selbſt der 
preußische Gesandte fand es unbegreiflich, daß die Regierung in blinder 
Wut ſich ſelbſt ſo ins Fleiſch schnitt.) Nach lebhaftem, mit giftiger 
Erbitterung geführtem Streit in- und außerhalb der Kammer der 
Schwäbische Merkur brachte allein 15 Artikel für und wider ~ wurden 
die Vier mit 47 gegen 37 Stimmen ausgeſchloſſen. Für den anderen 
  
  
1) Nach dem Urteil des auf Seiten der Opposition stehenden Artikels [Guſt. 
Schwats] im Lonverſatongler on Ir "Vettgenofen 1835, . “8]6t. 
» Treitſchte : D. Geschichte 4, c zetor 1698. S. ss/sf. 
 
	        

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