Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1968, Jg. 1, H. 1-4)

Paul Seitz 
vollständig zu revidieren. Halbe Reformen genügen nicht 
mehr. Man muss ab sofort die wirtschaftlichen und politi- 
schen Gründe unserer Misere angehen. 
Der Kapitalismus akzeptiert Forschung insoweit, als sie 
finanziell rentabel ist. Nun ist das bei der Forschung 
aber nicht immer ganz sicher. Der Zeitpunkt ihrer Renta- 
bilisierung ist nicht voraussehbar. Vom kapitalistischen 
Standpunkt aus gesehen, bringt die Forschung nicht ge - 
nug oder garnichts ein. Sie ist zu riskant. Sofortiger und 
grösserer Profit ist zu erwarten aus der Spekulation, der 
Herstellung und dem Verkauf von Konsumgütern oder aus 
technischen Detailverbesserungen. Allein die Finanzie- 
rung der Forschung durch den Staat kann diese ausrei - 
chend rentabel machen. Aber die kapitalistische Regie- 
rung lässt die öffentliche Finanzierung für irgendeinen 
Zweck nicht zu. Die öffentliche Finanzierung, durch die 
Massen ermöglicht, soll den Konzernen mindestens so 
grossen oder grösseren Profit bringen, als die Produktion 
für den privaten Bedarf. Der einzige Weg, das zu errei- 
chen, besteht darin, den Staat dazu zu bringen, Produk- 
tionen zu unterstützen, die der Öffentlichkeit nicht ver- 
kauft werden können, Produktionen, die an den Staat 
selbst zu Monopolpreisen verkauft werden: die Raketen, 
die Düsenjäger, die Bomben, das ganze Arsenal für das 
grosse Gemetzel. Was sollen wir tun, um diese wahnwit- 
zige Situation zu ändern.Es muss darauf gedrängt wer- 
den, dass ein Teil der Gewinne der Unternehmen zur Fi- 
nanzierung der Forschung verwendet wird. Das könnte in 
Form einer Steuer geschehen. Einer Steuer, mit er auch 
Gewinne aus nichtproduktiven Tätigkeiten belegt werden 
könnten (Spekulation, Dividende usw.).Es muss weiter die 
Kürzung des Rüstungsetats gefordert werden, und dass ein 
Teil dieser freiwerdenden Mittel der Forschung zuge führt 
wird. Das ist m.E. eine der drinaendsten Aufaaben, die 
vor uns steht. 
Zu Frage 1: 
vA 
Die Begriffsbestimmung Architektur muß meines Erach- 
tens von der Aufgabe ausgehen, die der Architektur ge- 
stellt ist, 
Zweifellos unterliegt dieser Aufgabe Wandlungen, die 
sich aus Veränderungen der Auftraggeberschaft, der 
technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten und des 
gesellschaftlichen Selbstverständnisses ergeben, 
2 
Mit dem Gesagten wird deutlich, daß es keine Defini- 
tion des Begriffes Architektur geben kann, der absolute 
Gültigkeit beanspruchen könnte, unabhängig von Zeit- 
punkt und Umwelt, Den Versuch einer Begriffsbestim- 
mung Architektur möchte ich daher auf unsere Umwelt 
und den von uns überblickbaren Zeitraum beschränken. 
1,3 
Des weiteren erlebt der Architekt, der beruflich viel 
mit anderen Disziplinen zu tun hat, daß Architektur von 
Wirtschaftswissenschaftlern, Juristen, Soziologen, Me- 
dizinern, Sozialpsychologen und selbst von Städtebauern, 
Tiefbauern, Landesplanern und Architekten jeweils un- 
terschiedlich gesehen wird, Trotzdem soll der Versuch 
einer Begriffsbestimmung Architektur gewagt werden, wo- 
bei die Relativität des Beariffs nochmals betont wird, 
1,4 
Zunächst handelt es sich bei Architektur um Gebautes, 
Architektur wird gebaut von Bauherren, Architekten und 
Unternehmern mit den jeweiligen Baustoffen und Bau- 
techniken für die zukünftige Benutzung durch bekannte 
und unbekannte Benutzer, Architektur ist also gebaut, 
d, h. menschgemacht, im Gegensatz zu natürlich Ge- 
wachsenem. Sie ist in ihrer Aussage nicht geistig/ab- 
strakt, sondern konkret/materiell. Und sie ist in der Re- 
gel nicht zwecklos und selten ein Produkt bloßen Spiels, 
sondern den Zwecken und Bedürfnissen von Benutzern 
bestimmt. 
1.5 
Darüber hinaus ist für die Begriffsgestimmung von Archi- 
tektur von Bedeutung, daß Raum und Gesellschaft sich 
in wechselseitiger Beeinflussung befinden, Der Raum, in 
dem die Menschen leben und lieben, arbeiten und sich 
ARCH + 1(1968)H1
	        

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