Volltext : ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1968, Jg. 1, H. 1-4)

Eckhard Schulze-Fielitz
Anmerkungen zum Stadtbau

Die Gesellschaft von morgen bildet sich mit beängstigender
 Geschwindigkeit, ihr Gefäß, der menschliche
Lebensraum, die Stadt, ist krank,

Einige der wichtigsten Trends, die diese rapiden Änderungen
 in nur einer Generation bewirken, seien im
folgenden aufgezählt:

EXTRAPOLATION DER TENDENZEN

Die sogenannte Bevölkerungsexplosion,
eine phantastische Vermehrung der Weltbevölkerung
führt von 0,5 Milliarden im Jahre 1650, 1 Milliarde im
Jahre 1800, 2 Milliarden im Jahre 1930, 3 Milliarden
im Jahre 1960 zu 6 bis 7 Milliarden Menschen im Jahre
2000.

Die totale Urbanisation der Erde ist zwingend,
 Wenn heute 50 % der Menschheit in Städten
lebt, so werden es gegen Ende des Jahrhunderts 80 -
70 % sein. Wenn sich also die Bevölkerung der Erde
mehr als verdoppelt, so vervierfacht sich die Zahl der
Stadtbewohner,

Die Bevölkerungsprogression beschränkt sich außerdem
in erster Linie auf die vorhandenen Großstädte und Ballungsräume,
 Kleinstadt und Dorf stagnieren oder sterben
qUS .

Herman Kahn vom Hudson Institute prognostiziert, daß
50 % der US Bevölkerung in drei Riesenstädten leben
werden, er nennt sie Boswash von Boston bis Washington,
Chipitts von Chicago bis Pittsburg, Sansan von San Francisco
 bis San Diego,
Eine Reihe von Städten haben heute bereits die Zehn-Millionen-Grenze
 überschritten,
Die Agglomerationen nehmen eine Größenordnung an,
die neue Stadtkonzepte provozieren müssen,

Schwer vorhersehbare Änderungen der Sozialstruktur
 beschreibt z.B, Margaret Mead
als einen neuen Stil "mit der Betonung auf sehr kleinen
Familien und hoher Tolerierung kinderloser Paare, in
dem Elternschaft begrenzt ist auf eine kleinere Zahl von
Familien, deren Hauptfunktion die Erziehung von Kindern
 ist, während der Rest der Bevölkerung zum ersten
Mal in der Geschichte als Individuen lebt, Dies wäre
das Resultat einer weltweiten Geburtenkontrolle und

dem massiven Fehlschlag der heutigen Familienstruktur,
ersichtlich aus jugendlicher Aggression, offener männlicher
 Homosexualität, weiblicher Promiskuität, Alkoholismus,
 Rauschgift und psychosomatischen Schwierigkeiten
 bei beiden Geschlechtern. Zusammenleben für Arbeit,
 Spiel und Sicherheit wird auf vielen verschiedenen
Kombinationen basieren, mit oder ohne Geschlechtertrennung,
 in verschieden großen Gruppen von Individuen."


In Los Angeles proben die Hippies, in Berlin experimentieren
 die ersten Kommunen neue Lebensformen, okkupieren
 den sozialen Wohnbau und lassen erste Zweifel
am Leitbild vom "familiengerechten Wohnen" aufkommen,


Industrialisation und Automation,
das heißt die Anwendung der Wissenschaft in der Technik,
 befreit den Menschen von der Arbeit, Die erste
industrielle Revolution ersetzte die menschliche Muskelkraft
 als Arbeitsfaktor, die zweite beginnt das Gehirn
 zu ersetzen.

Die Folgen waren eine zunehmende Abwanderung der
Menschen aus Landwirtschaft und Industrie in den sogenannten
 "tertiären Sektor", die Folgen der zweiten industriellen
 Revolution, die Übernahme von immer mehr
der quantifizierenden, lenkenden, regierenden Tätigkeit
 durch den Computer, steht noch aus. Fourastier
sagt voraus, daß der Mensch nur noch 40,000 Stunden in
seinem Leben arbeiten wird.

Die Folge dieses Trends ist die Freizeitgesellschaft.
 Die von Arbeit freie Zeit ergibt sich
als Folge von weniger Arbeit pro Tag = mehr Feierabend,
weniger Arbeit pro Woche = längere Wochenenden, weniger
 Arbeit pro Jahr = mehr Urlaub, weniger Arbeit im
Leben = längere Ausbildung vor dem Beruf und längere
freie Zeit nach dem Beruf, dies noch verstärkt durch die
rapide wachsende Lebenserwartung, das zweite Leben
der alten Menschen,
Dieses Problem schlägt von einem quantitativen in ein
qualitatives um: Hinter der Freizeit, der freien Zeit von
Arbeit steht die Frage der Freizeit, der Freiheit wozu?
Dem müßte schon heute die Erziehung Rechnung tragen,
wenn man private und kollektive Identitätskrisen vermeiden
 will.

ARCH + 1(1968)H1
            
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