Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1968, Jg. 1, H. 1-4)

Bernd Wendland 
Entwerfen mit Kostenanalyse und Kostenplanung 
1.1 Die Aufgabe des Architekten 
Vor kurzem wurde an der Universität Stuttgart (TH) ein 
Lehrstuhl für"Architekturtheorie"gegründet. Ein weiterer 
an der Technischen Universität Berlin soll folgen. 
Diese Entwicklung spiegelt das Unbehagen im Selbstver- 
ständnis der Architekten wieder, ist eine erste Antwort 
auf die immer deutlicher zutage tretende Tatsache,dass 
die Architekten ihrer Aufgabe,d.h. dem,was man von ih- 
nen erwartet, nicht mehr voll genügen können. Man muss 
die Geschichte des Berufsstandes zurückverfolgen, um sei- 
ne heutige Lage zu verstehen. Architekt bedeutet ursprüng- 
lich" Oberhandwerker" , Als solcher war er nur selten 
mehr als ein Vorsänger im Chor der Bauleute. Mit der Re- 
naissance kam der Architekt als Dirigent, als selbstbewuss- 
ter "Künstler". Jedoch erst im 19. Jahrhundert, als das 
Zeitalter des Handwerks schon zu Ende ging und das In- 
dustriezeitalter heraufkam, gewann das Bild vom "Künst- 
ler"-Architekten Allgemeingültigkeit, zu einer Zeit also, 
da das Handwerk, aus dem heraus die Architekten kamen, 
bereits von der Industrie allmählich abgelöst wurde.Schon 
im 18. Jahrhundert hatte sich diese Entwicklung angekün- 
digt, damals wurden deshalb auch die ersten Unterrichts- 
stätten für Architekten gegründet. Aber noch blieb die 
Architektur der Vergangenheit verhaftet, im Historismus 
Fasste sie gleichsam die europäische Architekturge- 
schichte noch einmal zusammen, bis schliesslich heute die 
moderne Architektur versucht, der Gegenwart und ihren 
Forderungen zu entsprechen. Aber sie pflegt noch immer 
das Künstler-Ideal der Renaissance. Auch wenn die an den 
technischen Hochschulen und Universitäten ausgebildeten 
Architekten inzwischen den Titel "Ingenieur" ‚und das 
heisst soviel wie"Erfinder " ‚erhalten - zu Recht,denn auch 
sie haben wie die rein technischen Fächer ständig neu zu 
erfinden - herrscht doch an diesen Fakultäten mehr oder 
weniger versteckt ein antiwissenschaftlicher Geist, aus 
Furcht,durch wissenschaftliche Kriterien könnte die schö- 
pferische Freiheit eingeschränkt werden. Das erscheint un- 
verständlich, denn wer könnte heute auf einer Ebene, wie 
der der Architekten-Arbeit erfinderisch sein ohne Wissen- 
schaften als Grundlage? So aber ist es kein Wunder, dass 
es kaum Bauforschung an Architektur-Fakultäten gibt, dass 
Gegensätze zu den Bauingenieur-Fakultäten bestehen oder 
gar gepflegt werden, dass das Entwerfen als Refugium und 
Tummelplatz der Irrationalität ängstlich gehütet wird.Das 
läuft darauf hinaus, eine geistesgeschichtliche Entwicklung 
aufhalten zu wollen,die nicht aufzuhalten ist: die ständi- 
ge Erweiterung menschlichen Bewusstseins und dadurch das 
ständige Wachsen des rationalen Entscheidungs- und Ge- 
staltungsbereichs. Mit ihrem Verhalten aber ziehen sich die 
Architekten aus der Geistesgeschichte zurück und unter- 
liegen Willkür, Beliebigkeit und Modeerscheinungen an- 
stelle folgerichtiger Entwicklung. Gleichzeitig verändern 
die Human- und Naturwissenschaften die Welt, und die 
Architekten sehen sich gezwungen, dieser veränderten Welt 
Gestalt zu geben, menschlichen Arbeits- und Spielraum zu 
bewahren und ihn für die kommende, weltweite Bevölke- 
rungsexplosion in den nächsten Jahrzehnten in gewaltigem 
Umfang neu zu "erfinden" , Trotzdem haben sie die Wissen- 
schaften so gut wie noch gar nicht zu Hilfe geholt, ge - 
schweige eigene wissenschaftliche Methoden entwickelt, 
haben noch kaum gemerkt, dass der verhältnismässig kleine 
Chor der Bauleute inzwischen eine stattliche Ergänzung 
durch ein Orchester mit zahlreichen neuen Instrumenten 
erhalten hat, mit dem zu arbeiten von ihnen erwartet wird. 
Die Architekten sind so in einen bedrohlichen Rationali- 
tätsrückstand geraten, während in der zunehmend komple- 
xer werdenden Welt der Wirtschaft und Technik immer 
mehr rationale Entscheidungen notwendig werden. 
1.2 Entwerfen als Wissenschaft 
Wenn heute Architekten mit Rang und Namen erklären, 
man brauche zwanzig bis dreissig Jahre Berufserfahrung, 
bis man in seinen Entscheidungen sicher sei,so zeigt das 
nur zu deutlich, wie es um diesen Beruf steht. Es müssen 
Wege sachlicher, nachvollziehbarer, eben "rationaler" In- 
formation gesucht und gefunden werden, die es ermögli- 
chen, laufend auch die individuellen Erfahrungen zu sam- 
meln, auszuwerten, durch gezielte, wissenschaftlich kon - 
trollierte Experimente zu ergänzen und zugänglich zu 
machen, Informationen, die die für sichere Entscheidungen 
notwendige praktische Berufserfahrung auf zwei bis drei 
Jahre verringern. Auf diese Weise könnte aus der Architek- 
tur eine leistungsfähige Wissenschaft von der Gestaltung 
des menschlichen Lebensraums werden,Eine solche Entwurfs 
Wissenschaft hätte alle Ergebnisse aus den Wissenschafts- 
zweigen zu übernehmen, die zu ihrer Erweiterung und Ab- 
sicherung beitragen können. Neben den wenigen, bisher 
(mangelhaft) berücksichtigten, vorwiegend technischen 
ARCH + 1(1968)H1
	        

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