Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1968, Jg. 1, H. 1-4)

Gebieten wären ohne Anspruch auf Vollständigkeit etwa 
folgende zu nennen: 
1.Sozialwissenschaften 
2. Psychologie 
3.Verhaltensforschung 
4. Medizin 
5.Biologie 
6. Volkswirtschaft 
7 ‚Betriebswirtschaft 
3 .Systemtheorie 
Davon nehmen Volks- und Betriebswirtschaft, aufs Bauen 
bezogen als "Bauwirtschaftslehre" ‚eine Schlüsselstellung 
ein. Überraschenderweise aus sozialen Gründen ;denn je 
leistungsfähiger diese Disziplin,desto mehr qualitative 
oder quantitative Forderungen der anderen Gebiete kön- 
nen ohne Mehraufwand erfüllt werden. Es würde also eine 
Produktivitäts-Steigerung eintreten,die allen zugute käme. 
Deswegen scheint es sinnvoll, zu untersuchen, ob und wel- 
che Entwurfskriterien dieses Fach als rationale Elemente 
der Entwurfswissenschaft beisteuern könnte. 
1.3 Die Rolle des Rechnungswesens 
Alle Forderungen, die ein Bauwerk erfüllen soll, führen 
letztlich zu der Frage nach den Kosten, und zwar schon im 
frühesten Stadium der Überlegungen. Hier müsste die Bau- 
wirtschaftslehre Antwort geben können.Bisher kann sie se 
nur mangelhaft, denn sie hält an einem traditionellen Ab- 
rechnungsschema fest, das für einfache Verhältnisse geeig- 
net sein mochte,den heutigen vielfältigen und komplizier- 
ten Bedingungen aber nicht mehr entspricht:das Abrech- 
nungssystem nach Gewerken (DIN 276 und VOB) ermög- 
licht präzise Kostenauskünfte erst nach Abschluss von Pla- 
nung und Ausschreibung, wenn die Unternehmer ihre Ange- 
bote abgegeben haben. 
Das bewirkt, dass die Folgen der zahlreichen Entwurfsent- 
scheidungen des Architekten für die entstehenden Kosten 
nicht oder nur sehr mühsam und mangelhaft erfasst werden 
können. Fallen die Kosten höher aus als erwartet, muss er- 
neut überlegt werden, wo gespart werden könnte, muss um- 
geplant werden und zwar unter Zeitdruck ,so dass meist am 
falschen Ende gespart wird oder durch die Umarbeitung der 
Entwürfe erhebliche Nachteile hingenommen werden müs- 
sen. Einziges Hilfsmittel für den Architekten zur Ermittlung 
der zu erwartenden Baukosten ist der statistisch von mehr 
oder weniger vergleichbaren Bauten gewonnene Durch- 
schnittspreis des Kubikmeters umbauten Raumes. Aber damit 
ist nur eine sehr grobe Kostenschätzung möglich,eine an- 
gemessene Handhabe zur Beeinflussung der Kosten bietet 
er nicht. Er ist ein zu plumpes Werkzeug für den äusserst 
empfindlichen, von vielerlei Abhängigkeiten bestimmten 
"Kostenapparat' ‚der gewissermassen mit feinmechanischen 
Instrumenten behandelt werden müsste 
Merkwürdigerweise nehmen die Architekten diesen Zustand 
ihrer Hilflosigkeit in Kostenfragen nach wie vor hin, ja vie- 
le versuchen, ihre missliche Lage zu verteidigen, indem sie 
sich auf die künstlerische Freiheit berufen, die Wirtschaft- 
lichkeitsüberlegungen oder Rentabilitätsberechnungen 
nicht vertrage. So entsteht die Kette laufender Frustra- 
tionen für den Architekten, das Gefühl,von der "Welt" 
verkannt oder nicht verstanden zu werden, obwohl doch 
die besten Absichten vorliegen, die Welt,genauer gesagt, 
die Umwelt zu verbessern. Auf der anderen Seite muss man 
einmal gehört haben, wie z.B. Wirtschaftsingenieure sich 
untereinander über die Arbeitsweise von Architekten er- 
ARCH + 1(1968)H1 
regen und lustig machen, um zu verstehen, warum Industrie 
und andere mächtige Bauherren wo es nur irgend geht auf 
die Mitarbeit von Architekten verzichten. Die zunehmend 
rationale Welt der Wirtschaft und Technik verträgt nur 
schwer die Sprachlosigkeit des Architekten auf diesen Ge- 
bieten, geschweige, dass sie den häufig anzutreffenden 
Iyrischen Architekten- Träumereien,die nur zu oft von Re- 
alitätsferne zeugen, zu folgen vermöchte. So gerät der 
Architektenberuf zunehmend in Bedrängnis:von betroffen- 
en Zeitgenossen wird er mitleidig belächelt, verständnis- 
los beiseite geschoben oder kopfschüttelnd und resignie- 
rend hingenommen als was er heute erscheint, als ein Be- 
rufsstand, der die Zeit verpasst hat,der noch einem längst 
veralteten Künstler-Ideal anhängt, dessen Arbeitsweise 
anachronistisch und vorsintflutlich anmutet und der sich 
unfähig erweist, sich mit seinen Partnern verständlich zu 
machen, 
Wenn die herkömmliche Bauwirtschaftslehre in unserem 
Lande bisher dem Architekten keine brauchbaren Hilfs- 
mittel geben konnte, so bleibt zu untersuchen, ob nicht 
in anderen Wissenschaftsbereichen oder andernorts Metho- 
den entwickelt wurden,die geeignet sein könnten, der 
Architekten- Tätigkeit die Realisationsbezogenheit zu ver- 
schaffen, derer sie bedarf. 
In den Vereinigten Staaten wurde etwa seit 1950 für die 
Industrie eine Methode zur Kostensenkung entwickelt,die 
unter dem Namen "Wertanalyse" (Value Analysis) be- 
kannt geworden ist. Ein nicht unwesentlicher Bestandteil 
dieses Verfahrens ist die Schaffung eines der jeweiligen 
Kostenstruktur so anzupassenden Rechnungssystems, dass 
aussagefähige Informationen zur Entscheidungsvorberei- 
tung gegeven werden können, Es gibt zahlreiche Rech- 
nungssysteme für die verschiedensten Zwecke. Um unter- 
schiedliche Lösungen kostenmässig vergleichen zu können, 
benötigt der Architekt Angaben über die Kosten,die von 
seinen Entwurfsentscheidungen verursacht werden, Erst wenn 
wenn er diese Möglichkeit hat, ist Entwerfen unter Kosten- 
gesichtspunkten möglich. Da seine Entwurfsentscheidungen 
überwiegend von zu erfüllenden Funktionen ausgehen, ist 
es nötig, die Kosten der funktionellen Bauteile, aus denen 
sich ein Gebäude zusammensetzt, etwa Wände, Decken, 
Dach, Fenster, Türen, Installationen usw. , jeweils für sich 
insgesamt und in Einheitspreisen zu erfassen. 
Ein solches Kostenschema wurde etwa gleichzeitig und 
offensichtlich unabhängig von der "Wertanalyse" durch 
das Ministry of Educa$jon in London für den englischen 
Schulbau entwickelt.“ Die Tabelle 1 zeigt, wie grund- 
sätzlich anders die Kostengliederung nach Bauteilen ist 
als die traditionelle nach Baugewerken, Eine grössere An- 
zahl von Schulen wurde in England nach dieser Methode 
analysiert, um die Verteilung der Bauteilkosten zu ermit- 
teln, Daraus konnten Richtwerte für jedes Bauteil bei ver- 
gleichbaren Bauten gewonnen werden, die gestatten, 
schon in recht frühem Stadium sehr differenzierte Kosten- 
angaben zu machen ‚nicht zu vergleichen mit der Kubik- 
metermethode.Diese Richtwerte werden bezogen auf den 
Quadratmeter Nutzfläche,könnten aber auch andere Be- 
zugsgrössen erhalten, 
Die Kostenanalyse bietet die Informationen für die Kosten- 
planung. Mit Hilfe der Richtwerte für Bauteilkosten können 
die Kosten so gesteuert werden, dass jedes Bauteil nach 
seiner Funktion einen angemessenen Teil der Gesamtkosten 
enthält, Kostenplanung ermöglicht und zwingt zugleich 
dazu,das Bauwerk sehr viel genauer als Ganzheit zu durch- 
denken und zu gestalten, Das führt zu ökonomischer Dis- 
ziplin.Das einseitige Vorherrschen einer "Bau-Idee" zu- 
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