Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1968, Jg. 1, H. 1-4)

Hans Finsterlin 
Architektur ist plastische Form, in und an welcher sich 
sym- und asymetrische Eigenwilligkeiten gegenseitig nicht 
stören, sondern harmonisch ergänzen. 
Als Bergformationen, Kristall- oder Mineralgebilde, Pflan- 
zen und Blütenteile, Nieder- und Hochtierformen und Or- 
gane oder ihre Ausschwitzungen.Im Menschen als geistge- 
borene Materie gewordene "Architektur" - elementare 
oder differenzierte Form von unergründlichen Bildekräf- 
ten not- oder spielwendig gestaltet, 
Jeder projezierte Um-Raum hat seinem Projektor adäquat 
zu sein. Eine Radiolarienschale, ein Schneckenhaus (wenn 
noch so kunstvoll, ein Wespennest, usw.) ist etwas anderes 
als ein Haus für Götter und Menschen .Wer das vergisst, 
baut nur mehr Immobilien. 
Architektur ist Kunst und Kunst ist Ästhetik, Ästhetik ist 
keine Mode und keine Weltanschauung, sondern Naturge- 
setz des Lebensfähigen.Es gibt primitive und geistig hoch- 
stehende Ästhetik .Es gibt. Augenweiden und Augenleiden. 
Wollen wir weiterhin für die Hölle bauen oder für den 
Himmel? Das ist die Frage! 
Im Orient, in der Antike wie im Mittelalter wäre "For- 
schung" in der Architektur deplaziert erschienen . -Man 
baute nicht mit Grosshirnrinde ‚sondern mit Geist, 
Architektur war Kunst,nicht Wissenschaft - war Geist, 
nicht Intellekt. 
Das technische Zeitalter wird, wenigstens im allgemeinen, 
um den Umweg Über die wissenschaftliche Forschung, vor 
allem in biologisch-technischer Hinsicht nicht herumkom- 
men, wenn sie die lange Sackgasse endlich verlassen und 
die grosse Strasse der Evolution der Form wieder erreichen 
und weiterführen will. 
Der Gedanke Frei Otto’%, eine biologische Forschungsab- 
teilung in den TH s einzubauen, ist ein begrüssenswerter, 
schöpferischer Schritt dazu. Solche, wenn auch vielleicht 
langwährende Forschungsarbeit dürfte letzten Endes frei- 
lich nur als "Anlasser" dienen, um das rudimentär gewor- 
dene Organ der Intuition in den Erbmassen künftiger Ge- 
nerationen wieder zu entwickeln. 
Hermann Henselmann 
Zu Frage 1: 
Unter Architektur verstehe ich die räumliche Organi- 
sation der Lebensweise der Menschen, Sie ist sowohl 
passives als auch aktives Mittel der materiellen und 
geistigen Kommunikation, Als Bestandteil der geistig- 
kulturellen Kommunikation wirkt sie als "Zeichen" und 
Medium der geistig und psychisch bestimmten Inhalte 
der Individuen ebenso wie der Büragergemeinschaft, 
Zu Frage 2: 
Die sozialistische Gesellschaft erkennt den Prozeß der 
Umgestaltung aller Lebensbereiche als einen bewußt 
und planmäßig gesteuerten Gestaltungsakt an mit dem 
Ziel der Herausbildung eines neuen Menschenbildes, 
Diese Bewußtheit setzt Forschung auf allen Gebieten 
voraus, auch eben auf dem Gebiet der räumlichen Or- 
ganisation dieser erneuerten und veränderten Lebenswei- 
se, Das zielt nicht nur auf die Integration der Bauwissen- 
schaften, sondern auch der Naturwissenschaften und Ge- 
sellschaftswissenschaften im weiten Verstand ab, Selbst- 
verständlich ist hier auch die Mathematik und die Ky- 
bernetik einbegriffen, indem die Stadt als ein dynami- 
sches und selbstregulierendes System aufgefaßt wird, 
das Störungen im weitesten Sinne nicht vermeidet, son- 
dern verarbeitet. Der Grad der Kompliziertheit eines 
solchen Systems besteht aus dem Netz seiner möglichen 
Beziehungen und jedes System ist kompliziert und zu- 
gleich komplex. Diese Bedingtheit zwischen Kompli- 
ziertheit und Komplexität kann abstrahiert, verallge- 
meinert und durch mathematisch-kybernetische Modell - 
belegung dem Vermögen des Menschen entsprechend 
übersichtlich gestaltet werden. 
Es geht also auch um die Modellierung dieser Systeme 
und das gerade setzt Forschung voraus, um alle Teil- 
systeme, die sich in dem räumlichen Gesamtsystem ver- 
einigen, deutlich zu konturieren und auch mit dem Ge- 
samtsystem zu verbinden. 
Ebenso ist die Untersuchung der semantischen Mittel 
notwendig, welche die Architektur besitzt, um ihren 
Gestaltungen, dort wo es notwendig ist, ikonographi- 
sche Bedeutung zu geben. Auch das ist ein noch unbe- 
ackertes Feld, 
Im ganzen gibt es eine Wissenschaft der Architektur 
noch nicht. Sie beginnt sich, soweit ich es übersehen 
ARCH + 1(1968)H1
	        

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