Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1969, Jg. 2, H. 5-8)

Brigitte Wormbs 
NATUR ALS IDEOLOGIE 
Natürlich ist noch längst nicht alles natürlich, was man 
so nennt. Was einmal dafür gehalten wird, bleibt für 
eine Weile unumstritten. Im unbekümmerten Gebrauch 
des Wortes als Synonym von selbstverständlich offenbart 
sich seine an Beschwörungsformeln erinnernde Bedeutsam- 
keit. Der Sachverhalt, den sie verhüllt, kann fraglos nur 
so und nicht anders sein, es erübrigt sich, darüber nach- 
zudenken. 
Diese Fraglosigkeit stammt wohl noch aus der Auffassung 
von Natur als ewig beharrender Urgegebenheit, die man 
schließlich zur höchsten sittlichen Instanz erhob. 
Aufgebaut so hoch da droben ist Natur der Wirklichkeit 
entrückt. 
Doch als Leitidee macht sie seit je Geschichte. 
Als Vorbild virulent wird sie mit dem Naturbegriff der 
Aufklärung. Die Parole im Kampf gegen absolutistischen 
Anspruch auf Herrschaft über Mensch und Erde gibt eine 
Natur, die man im Prinzip als vernünftig zu verstehen 
sucht. 
Willkür und Obrigkeit sollen Vernunft und Natur wei- 
chen. Der Gedanke ist der Vater eines Wunsches, der 
auf Überwindung gegenwärtiger Mißstände zielt. 
Das Leitbild weist indessen Sprünge auf, Irrationales 
schimmert bereits durch. Natur als das Wesentliche und 
Wertbeständige in einer sich wandelnden Welt soll den 
Maßstab für alles bloß Künstliche und Zufällige mensch- 
licher Daseinsformen setzen. So wird das Essentielle 
statischer Natur vom Akzidentellen dynamischer Kultur 
geschieden, Verselbständigung von Natur als Ideologie 
eingeleitet. 
Nach ihrer Klassifizierung bleibt von den Erscheinungen 
nur leerer Wahn. Was man als unveränderlich wähnt in 
menschlicher und außermenschlicher Natur, ist oft 
längst schon Folge der Verknüpfung mit Kultur. 
Mehr und mehr entfernt sich der Naturbegriff von der pro- 
gressiven Tendenz in der Leitidee der Aufklärer, löst sich 
aus sozialem und politischem Zusammenhang. Über ratio- 
nalen Anfängen im Verhältnis zu Mensch und Natur schla- 
gen endlich die Wogen der sentimentalen Epoche zusam- 
men. "Quantitatives" Denken wird kompensiert im Pathos 
des Glaubens an eine göttliche Natur. Es bleibt mehr 
oder weniger bestimmtes Mißbehagen am Menschenwerk, 
Aber die ursprüngliche Erfahrung einer negativen Lage, 
zu deren Überwindung man sich an der Leitvorstellung 
von Natur orientierte, verblaßt in Konvention und Stim- 
mung. 
Rousseau’s effektvolle Aufforderung resultiert schon aus 
irrationaler Naturauffassung deutlich sentimentaler Prä- 
gung. Nicht mehr die Natur rational faßbarer Gesetz- 
lichkeiten, sondern‘ die urtümliche, unverfälschte Natur 
als Gegensatz zur Künstlichkeit der Kulturformen bildet 
den Hintergrund seiner education. 
Irrational, sentimental, nichts weniger als ursprünglich 
naiv ist auch die Begeisterung, mit der man ihm zurück 
zur Natur folgt, allerdings ohne auf jetzt als korrumpie- 
rend verabscheute Errungenschaften der Zivilisation im 
Ernst verzichten zu wollen. 
Die Kontroverse Mensch - Natur lebt fort, wenn auch 
von nun an mit vertauschten Vorzeichen. Herrschte noch 
zur Zeit des Absolutismus ungebrochener Drang, Natur 
zu erobern und auf Menschenmaß zu bringen, zu ver- 
edeln im Sinne damaliger Wertschätzung, so gilt nun 
Menschenwerk als minderwertig oder gar verderblich, 
vom Menschen unberührte Natur dagegen als edel, rein 
und gut. 
Über ehemals bebautes Land 1äßt man wieder Wildnis 
wuchern. In der Ruinenarchitektur des englischen Gar- 
tens gipfelt Sehnsucht nach Zerfall, Versinken in mythi- 
schen Urzustand. 
Archaisches sucht man allenthalben aufzuspüren, Er- 
scheinungsformen auf Urphänomene zurückzuführen, die 
man als "eigentliche Wesenheiten" aus geschichtlich 
Gewordenem glaubt isolieren zu können. Ein fiktiver 
Naturmensch, der sich in sogenannten natürlichen, also 
unveränderlichen Trieben und Grundbedürfnissen in je- 
dem Menschen erhalten haben soll, wird zum Vorbild, 
dem der naturverbundene Landbewohner am meisten noch 
zu gleichen scheint. 
Mit der Verherrlichung erhabener Natur wird Landschaft, 
vor allem wilde, unberührte, zum Erlebnis. Das Natur- 
gefühl schwillt mächtig an. Seine sentimentale Kompo- 
nente, der Naturferne städtisch-bürgerlicher Lebensweise 
und Mentalität entsprungen, nimmt überhand und wendet 
sich schließlich gegen die Stadt. 
ARCH +2 (1969) H. 6
	        

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