Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1969, Jg. 2, H. 5-8)

Dem Drang der Städter, Natur zu suchen, entspricht der 
Versuch, auch das Menschenwerk, die Stadt, mit der 
Idylle Natur zu veredeln. So kommt man auf die Garten- 
stadtidee. Bei aller Vernunft sozial-reformerischer Über- 
legungen bedeutet sie doch nicht Vermittlung in der 
Kontroverse Mensch - Natur, sondern deren ins Absurde 
führende Konsequenz. Sie hat, zumindest in ihrer deut- 
schen Fassung, zum Verlust urbaner Substanz und zur 
großen Landzerstörung beigetragen. Aus grauer Städte 
Mauern, zieh’n wir - immer noch - hinaus aufs Feld. 
Mit dem deutschen Naturgefühl verbindet sich der My- 
thos der Nation. Volk und Heimatnatur werden Objekte 
patriotischer Hingabe und nationalistischer Weihestun- 
den. 
1858 fordert W.H. Riehl, einer der Väter des Natur- 
schutzgedankens, zu Volks- und Heimatforschung auf. 
In seiner "Naturgeschichte des deutschen Volkes" 
schlägt er den "echten Waldton" an, preist die Mächte 
des Beharrens, die im Bauerntum ruhen, klagt über 
"Entartetes" und "Zersetzendes" vornehmlich in der 
Stadt. 
Ein völkischer Naturmythos gärt, den der geschichts- 
feindliche Chamberlain dann ins Heroische übertreibt: 
"Dieses sich Wenden an die Natur, eine Großtat der 
germanischen Seele... bedeutet... eine gewaltige, 
ja eine geradezu unermessliche Bereicherung des 
Menschlichen... Nunmehr trinkt der Mensch unmit- 
velbar aus der Quelle aller Erfindung, aller Geniali- 
tät... Nunmehr liegt er an den Brüsten der Mutter 
Natur. " 
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts weicht die sentimen- 
tale Haltung zur Natur, Pendant zur positivistischen, 
unter dem Druck von Industrialisierung und gesteigerter 
Naturausbeutung in sektiererische Formen aus. Zahl- 
reiche Vereine und Bünde zum Schutz der Natur und 
zur Organisation gemeinsamer Naturerlebnisse werden 
gegründet. Progressive Tendenzen mischen sich trüb mit 
reaktionärem "Gedankengut". Auch die Jugendbewegung 
weiß ein Lied davon zu singen. Mit ihr zieht die neue 
Zeit, ohne Zweifel. 
"Das Gefühl der Naturverbundenheit" sitzt "dem deut- 
schen Menschen als heiliges Erbgut tief im Blute". Nebu- 
lose Philosopheme und dubiose Volkstümelei bereiten den 
Boden für die faschistische Perversion der Naturideologie. 
In der sogenannten Weltanschauung der Nationalsozia- 
listen werden Blut und Boden kurzgeschlossen. 
Der Mensch, im wesentlichen auf seine biologischen 
Funktionen reduziert, ist dem "Walten" der Natur unter- 
worfen. Die "Gesetze des ewigen Kampfes und Ringens 
in der Natur" beherrschen ihn. Zeitgemäße Naturan- 
schauung, wie sie sich beispielsweise bei Moeller van 
den Bruck äußert, spricht der Wirklichkeit Hohn: "Die 
Natur ist konservativ, weil sie auf einer nicht zu er- 
schütternden Konstanz der Erscheinungen beruht, die sich 
auch dann, wenn sie vorübergehend gestört wird, immer 
wieder herstellt." Entwicklung als den Naturerscheinun- 
gen immanente Eigenschaft wird unterschlagen, Empfind- 
lichkeit natürlichen, dynamischen Gleichgewichts und 
Grenzen der Anpassungsfähigkeit an Unzuträgliches außer 
acht gelassen. 
In der Apostrophierung von Natur als "ewiger Substanz", 
geschichtsloser "Urgegebenheit" werden die Verflechtun- 
gen von Natur und Geschichte negiert. Das "Naturhaft- 
Organische", worunter so verschwommene Begriffe wie 
die "Mächte des Blutes" und des "Bodens" verstanden 
werden, ist als ein Erstes und Letztes aller Rechtfertigung 
enthoben. Ein unkritischer Naturbegriff, der den Blick 
für wirkliche Zusammenhänge trübt, ist an der Tagesord- 
nung, ist verordnet. "Das deutsche Naturgefühl, wie es 
sich in der Liebe zu Tier und Landschaft immer wieder 
gezeigt hat, ist in den letzten Jahren wieder stark her- 
vorgebrochen. Eine nationalsozialistische Kunstpflege 
wird diese Entwicklung mit allen Mitteln fördern, ist sie 
doch nur ein Ausdruck des allgemeinen deutschen We- 
sens, das sich in weltanschaulichen Bekenntnissen durch 
alle Zeiten ebenso deutlich ausgesprochen hat wie inder 
biologisch-rassenkundlichen Gesetzgebung des Dritten 
Reiches" (A. Rosenberg 1938). Vom Walten bis zum Ver- 
walten der Natur ist es nicht weit. Der "Naturschutzge- 
danke", vor allem aus der "Sorge um die Erhaltung" von 
Naturdenkmalen, deutschem Wald und deutscher Art ge- 
boren, findet sein System und seine Durchführungsver- 
ordnungen. Die ihm von Anfang an eigene Irrationalität 
pervertiert in eine Scheinrationalität, sanktioniert im 
Reichsnaturschutzgesetz von 1935. 
Das Gesetz dient einer "straffen Durchführung aller Hei- 
mat- und Naturschutzobliegenheiten" und "erstreckt" 
sich auf schutzwürdige Pflanzen und Tiere, Naturdenk- 
male und ihre Umgebung, Naturschutzgebiete und "son- 
stige Landschaftsteile in der freien Natur, deren Erhal- 
tung wegen ihrer Seltenheit, Schönheit, Eigenart oder 
wegen ihrer wissenschaftlichen, heimatlichen, forstli- 
chen oder jagdlichen Bedeutung im allgemeinen Interesse 
liegt". Kleine Schubladen! Von einigen blumigen Flos- 
keln über Schutz und Pflege der gesamten Landschaft und 
Pflege der gesamten Landschaft und drohenden Gefahren 
abgesehen, bleiben Sorge und Vernunft im Detail stecken 
Das Ganze der Kulturlandschaft, das im Zusammenspiel 
aller natürlichen und kultürlichen Faktoren unsere Um- 
welt und Existenzgrundlage ausmacht, wird in seinen 
Beziehungen und Wechselwirkungen weder begriffen 
noch berücksichtigt. 
Das Reichsnaturschutzgesetz ist unter "Auslassung einiger 
für die Zeit seines Erlasses bezeichnender Eigentümlich- 
keiten" (Hellmich) in der Art eines Rahmengesetzes heute 
noch gültig. Als Landesrecht hat das Naturschutzrecht 
zwar an neuen Verordnungen zugenommen und an "Straff- 
heit" eingebüßt, den alten Rahmen zu sprengen, scheint 
indes nicht möglich. Naturstein bleibt Naturstein. Das 
"Gedankengut" des Reichsnaturschutzes überwintert in 
der Sprache der "Bewegung", die eine merkwürdige Mi- 
schung bürokratischer, militaristischer und religiös-sek- 
tiererischer Ausdrucksweisen ist. Da wird Materialge- 
rechtigkeit gepredigt, Ehrfurcht vor der erhabenen Na- 
tur verordnet und Furcht vor der Rache der Geschände- 
ten beschworen. Das "Althergebrachte", Bodenständige, 
die "Naturhaftigkeit", gleichbedeutend mit Wahrhaf- 
tigkeit, sind Werte an sich, "aufbauende Sachen", würde 
der Herr Karl sagen. Die "Zeugen unserer Vergangenheit" 
erweisen sich als unverwüstlich. "Wenn der Erdkreis 
zerbrochen zusammenstürzt, werden die Trümmer einen 
Unerschrockenen erschlagen." So Alwin Seiferts Lebens- 
losung. Er wurde nicht erschlagen. Unerschrocken be- 
kennt er noch heute, daß er sich in seinem "Leben für 
die Landschaft"... "viel mehr von einem eingeborenen 
Gefühl... als vom Verstand" leiten ließ. Er schloß sich 
früh dem Wandervogel an, "jener kraftvollen, von kei- 
nes Gedankens Blässe angekränkelten Urzelle alles des- 
sen, was man später als Jugendbewegung bezeichnet hat" 
So steht auch der rauhe Olympier moderner Landschafts- 
ARCH +2 (1969) H. 6
	        

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