Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1969, Jg. 2, H. 5-8)

Wie soll das Abgangszertifikat, Abschluß- oder Diplom- 
zeugnis, wie immer wir es nennen, zustande kommen, 
was soll es inhaltlich bedeuten? 
Die Adressaten eines Zeugnisses sind die Stellen, die die 
qualifizierte menschliche Arbeitskraft in den gesellschaft- 
lichen Produktionsprozeß einführen; für Architekten sind 
das Architekturbüros, die Bauabteilungen der Industrie- 
und der Wohnungsunternehmen und die öffentliche Bau- 
verwaltung (1). Ein sinnvolles Studium geht auf deren 
Anforderungen ein, wenngleich es keineswegs davon 
festgelegt sein darf, um die Möglichkeiten der Weiter- 
antwicklung sowohl der individuellen Arbeitskraft, wie 
der bestehenden Verhältnisse zu sichern. Haben nun für 
diese Stellen Diplomzeugnisse mit Einzelnoten und Ge- 
samtnote einen Wert? 
Eine kleine Befragung von Architekturbüros durch die 
Verfasser, nach welchen Kriterien Hochschulabsolventen 
bei der Einstellung bewertet würden, zeigte, daß sämt- 
liche Architekturbüros den Einzelnoten des Diplomzeug- 
nisses keine Bedeutung zumessen. Die Gesamtnote wird 
am Rande notiert. Die eigentliche Urteilsbildung über 
Eignung und Person eines Stellenbewerbers erfolgt immer 
über die Begutachtung seiner Arbeiten. Dazu kommt 
mehrfach, daß der Bewerber aufgefordert wird, seine 
Arbeiten zu referieren. 
Von den Hochbauverwaltungen dagegen wissen wir, daß 
sie Bewerber vorwiegend nach Noten beurteilen (2). Die 
Intention ist natürlich, daß dieses Verfahren objektiv 
und gerecht ist. Für eine Prüfung bringt es aber ein 
Moment mit sich, das wenig mit der rationalen Funktion 
der Prüfung, aber viel mit einer Entscheidung über die 
zukünftige Existenz eines Menschen zu tun hat. 
Prüfung, Beurteilung, Beratung 
Was soll an die Stelle der bisherigen Prüfungen und 
Benotungen treten? 
Wenn wir Prüfungen als "Feststellungen von Verhaltens- 
weisen, Kenntnissen, Fertigkeiten usw." (3) definieren, 
so haben sie ihre vernünftige Funktion darin, daß sie 
Information und Beratung für Prüfling und Prüfer ermög- 
lichen. In der gegenwärtigen Praxis sind Prüfungen so 
gut wie ohne Konsequenzen für den Prüfer. Das Versagen 
von Studenten geht allein zu Lasten der Studenten, es 
wird als individuelles Versagen bewertet. Inwieweit 
Studienbedingungen die Ursache sein können, wird nicht 
gefragt. Die Rückkopplung der Prüfungsresultate auf die 
Lehre ermöglicht eine Kontrolle, ob die in sie gestellten 
Erwartungen erfüllt werden. L. Huber formuliert dazu: 
"Die wissenschaftlichen Hochschulen haben, indem sie 
den Prüfungen die Funktion der Rückmeldung vorenthalten 
haben, in ihrer Lehre ein entscheidendes Indiz für Wis- 
senschaftlichkeit, nämlich Institutionalisierung der Kritik 
und Selbstkritik verloren" (4). Wird nun die Prüfung als 
Einrichtung mit Informations- und Beratungscharakter für 
alle Beteiligten begriffen, so muß die einseitige Hand- 
habuna der Beurteilung und Bewertung entfallen. 
Für eine differenzierte Notengebung ist kein rechtes 
Argument anzuführen, es sei denn, man übersehe die 
fehlende Vergleichsbasis und man bejahe das Konkurrenz- 
streben und die damit verbundene Vereinzelung der 
studentischen Arbeit, Historisch betrachtet wurzeln 
solche Einstellungen im liberalen Denken aus der Zeit 
des Konkurrenzkapitalismus, als das Individuum als Wirt- 
schaftssubiekt auftreten konnte. Heute, im Zeitalter der 
sozialen Massendemokratie, in der die Arbeit im Team 
geleistet wird, und die Interessen der einzelnen nur durch 
den Zusammenschluß sozialer Gruppierungen und die 
solidarische Aktion zu vertreten sind, entlarvt sich das 
Konkurrenzdenken als Ideologie. Es ist allenfalls geeignet, 
sinn- und wirkungslose Verhaltensmuster zu entwickeln. 
Für Prüfungen, die inhaltlich ernst machen mit der Ge- 
meinschaft der Lehrenden und Lernenden kommt als end- 
liches Urteil nur ein "Ausreichend" oder "Nicht aus- 
reichend" (5) in Frage. 
Wir möchten noch weitergehen: Die Beurteilungen sollten 
von Dozenten und Studenten gemeinsam durchgeführt 
werden. Voraussetzung einer Beteiligung der Studenten 
an der Beurteilung ist, daß sie ihre gegenseitigen Lei- 
stungen kennen. Voraussetzung dafür ist, daß die Studen- 
ten miteinander und aktiv lernen; das bisher weitgehend 
rezeptive Lernen muß auf sein notwendiges Maß abgebaut 
werden. 
Umgekehrt ist die gemeinsame gegenseitige Beurteilung 
notwendige Grundlage, um Gruppen- und Projektarbeit 
überhaupt erfolgreich einführen zu können. 
Diese neuen Formen des Lernens werden vielleicht imstande 
sein, die heute so starke sekundäre Lernmotivation abzu- 
lösen durch die primäre: "Die umfassende persönliche 
Identifizierung mit dem Arbeitsbereich" (6). Notwendig 
gehören zum aktiven Lernen in Gruppen die gemeinsame 
Wahl der Objekte, an denen Kenntnisse und Fertigkeiten 
erarbeitet, abgearbeitet und erprobt werden. Im Laufe 
solchen Studiums wird der Grad der Selbständigkeit der 
Studenten zunehmen: absurd wäre es da, durch eine Prü- 
fung alten Stils den Studenten am Ende des Studiums 
wieder in ein totales Abhängigkeitsverhältnis zu stellen. 
Schließlich ist noch die Frage nach dem Diplom als End- 
Abschluß zu steller. Allgemein ist ein begrüßenswerter 
Abbau der Diplom-Zuerkennung als Zeremonie festzu- 
stellen: In Stuttgart wird z.B. eine größere Studienarbeit 
zur Diplomarbeit lediglich ausgebaut, an der TU Berlin 
können Diplomarbeiten von Studentengruppen verfaßt 
werden. 
Grundsätzlicher ist ein Vorschlag von E.v. Weizsäcker: 
Er empfiehlt ein Studium, in dem einzelne Studienab- 
schnitte ihrem Schwierigkeitsgrad entsprechend mit Punk- 
ten bewertet werden. Es gibt keinen definierten Studien- 
abschluß: Der Student verläßt die Hochschule, wenn er 
sich ausreichend qualifiziert glaubt. Er kehrt zurück, 
wenn er sich weiter aualifizieren will (Kontaktstudium) 
(7). 
Dieses Modell wird die größten formalen Schwierigkeiten 
zu überwinden haben. Sachlich ist es auch für das Archi- 
tekturstudium vorstellbar. Die vorher vertretenen Vor- 
schläge sind völlig mit dem Modell v. Weizsäckers ver- 
einbar. 
Zusammenfassung in positiven Thesen 
1. Prüfungen bisheriger Art sollen ersetzt werden durch 
gemeinsame Beurteilungen von Lehrenden und Lernenden. 
2. Beurteilt wird auch die Lehre, 
3. Noten sollen entfallen, an ihre Stelle tritt die Aussage 
"Ausreichend" oder "Nicht ausreichend". Diese Beurtei- 
lung wird für jede einzelne Studieneinheit gegeben. 
4, Gruppenarbeiten erhalten eine Beurteilung für alle 
Teilnehmer. 
5. Abgangszeugnisse geben eine stichwortartige, voll- 
ARCH+ 2 (1969) H.7
	        

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