Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1969, Jg. 2, H. 5-8)

Unklarheit geht schon aus dem Titel hervor. Städtebau- 
und Städteplanerausbildung werden scheinbar als syno- 
nyme Begriffe verwendet, obwohl dann doch auf die 
Städteplaner- und auf die Städtebauerausbildung einge- 
gangen wird. Eine allgemeine Definition dieser Begriffe 
ist zwar nicht möglich und auch nicht wünschenswert, 
eine Umschreibung wäre jedoch unerläßlich, damit der 
Leser überhaupt weiß, wovon die Rede ist. Die mit der 
Problematik vertrauten Leser wissen nicht, wovon die 
Autoren eigentlich sprechen und die mit der Terminologie 
nicht vertrauten Leser sind verwirrt. Eine kleine Befra- 
gung von Lesern beider Gruppen bestätigte dies. Fast 
alles, was jeweils über die Qualifikation der Städteplaner 
gesagt wird, trifft auch auf den Städtebauer zu, außer 
der Einblendung über die amerikanische Berufssparte des 
Urban Designers, wo es dem Leser überlassen wird, Urban 
Design mit Städtebau gleichzusetzen oder nicht. 
Die Forderung, daß zuerst geklärt werden müsse, wer 
"Planer" oder "Städtebauer" ist, bevor ein Aufbaustu- 
dium entworfen werden kann und die daraus resultierende 
Frage, was und wieweit der Städteplaner und der Städte- 
bauer planen sollen, ist dann um so verblüffender. For- 
derung und Frage lassen die Folgerung zu, daß die Auto- 
ren der Meinung sind, eine derartige Bestimmung der 
Funktionen und Aufgaben wäre möglich und wünschens- 
wert. Daß jede solche Fragestellung zu starren Systemen 
Führt, die der Entwicklung und der Dynamik in den Be- 
reichen Stadtplanung und Städtebau und besonders in der 
Ausbildung nicht gerecht werden, dürfte allgemein be- 
kannt sein. 
Die tabellarische Formalisierung von Aussagen ist sicher 
ein gutes Mittel, um Informationen vergleichbar anzubie- 
ten und eine Übersicht über verschiedene Studienpro- 
gramme zu vermitteln. Sie wird jedoch äußerst proble- 
matisch, wenn sie als alleinige Mitteilungsform ver- 
wendet wird und die Informationen so abstrahiert und 
gerafft werden müssen, daß der Informationswert für 
beide oben erwähnte Lesergruppen fast null wird. Wäh- 
rend die tabellarische Darstellung der Nach-Ausbil- 
dungsprogramme von Aachen, München, Zürich und 
Baden-Württemberg im ersten Teil in Heft 3 noch einige 
Informationen über Zielsetzung, Zulassung, Status der 
Teilnehmer und praktische Ausbildung enthält, sagen 
die rein quantitativen Informationen, die die Tabellen 
im zweiten und im dritten Teil enthalten, nichts aus, 
als daß es an den jeweiligen Schulen eine städtebau- 
liche Ausbildung innerhalb des Architekturstudiums 
bzw. als Sondergebiet Städtebau oder Stadt- und Re- 
gionalplanung gibt. Der Leser, der evtl. an einer dieser 
Schulen studieren möchte, kann mit der Anzahl Studien- 
fächer und zugeteilten Stundenzahlen nichts anfangen. 
Der mit der Problematik einigermaßen vertraute Leser 
kann aus den Tabellen bestenfalls herauslesen, daß alle 
aufgeführten Schulen Städtebau, Stadt- und Regional- 
planung als großmaßstäbliche Architektur, im Sinne einer 
künstlerisch-technokratischen Disziplin, verstehen mit 
den löblichen Ausnahmen der Sonder- und Aufbaupro- 
gramme von München, Zürich und Berlin. Methodische 
Ansätze, mathematische Methoden, Computer-Grafik, 
Simulationstechniken etc. fehlen meist ganz. Humani- 
stische Fächer werden, wenn überhaupt, als eine Art 
Vorspeise oder Nachtische angeboten. 
Beruhigend ist, daß die Autoren im vierten Teil, in dem 
sie sich mit künftigen Tendenzen der Ausbildung be- 
schäftigen, einige Leitsätze aufstellen, die ihren Forde- 
rungen und Fragestellungen nach Abklärung von Funk- 
tionen und Aufgaben widersprechen. Im wesentlichen 
beschränkt sich jedoch die Darstellung der zukünftigen 
Tendenzen auf eine arbiträre Aufzählung von Hinweisen 
die einer Zeitschrift entnommen wurden, ohne sie in 
Beziehung zu den in den ersten drei Teilen enthaltenen 
Auffassungen und Begebenheiten zu setzen. 
Einer der wichtigsten Aspekte, der beinahe unerwähnt 
blieb, sind die an einem Bildungsprozeß beteiligten 
Partner. Der Anspruch, daß ein Bildungskonzept den 
Studenten als gleichwertigen Partner akzeptiert, allein 
genügt nicht. Er hängt auch nicht so stark vom schöpfe- 
rischen Beitrag der Studenten ab, sondern ganz wesent- 
lich von der sozial-politischen Auffassung und Haltung 
der Lehrer und von ihrer Qualifikation als Pädagogen 
und Wissenschaftler. Damit bin ich bei einem Thema, 
das bei den meisten Diskussionen über Studienprogramme 
nie direkt angegangen wird. Solange die Mentalität 
vorherrscht, wonach in solchen Fachgebieten wie Städte- 
bau und Städteplanung nur unterrichten kann, wer sich 
in der Praxis bewährt hat, dürfte in bezug auf Reform 
zwar viel geschrieben, aber wenig erreicht werden. 
Henry Liu’s Forderung, daß Städtebau-Dozenten jung, 
unter 40, sein sollen, ist als Verallgemeinerung sicher 
nicht ernst zu nehmen. In seiner Argumentation liegt 
aber doch einiges drin: "Young in age must be accom- 
panied by young in spirit. There is nothing more deadly 
than a young old man. The majority of the faculty should 
be recruits fresh out of school, preferably former dis- 
satisfied but bright students who have no vested interest 
in preserving the established system." Bevor das "Pro- 
Fessorenunwesen" nicht gelöst wird und keine dynamische 
flexible Lösung für die Lehrkräfte gefunden wird, ist jede 
Studienreform akademische Spielerei. Die traditionelle 
Auffassung von einer akademischen Laufbahn muß einer 
neuen Haltung gegenüber der Lehre Platz machen, die 
es ermöglicht und fördert, daß jeder qualifizierte Wis- 
senschaftler seine Fähigkeiten während seiner kreativsten 
und produktivsten Jahre der Lehre und der Forschung 
widmen kann und nicht, wenn er, in seinem Bestreben, 
einen Lehrstuhl zu bekommen, sich entweder abgeschuftet 
hat oder vor lauter Opportunismus korrupt geworden ist. 
Jeder Lehrer muß sich klar werden, daß eine Universi- 
tätslehrstelle nicht eine Lebensstelle ist, sondern nur ein 
Job für wenige Jahre oder höchstens für solange, bis er 
von einem Gremium, in dem alle Interessengruppen ver- 
treten sind, nicht mehr wiedergewählt wird. Dies würde 
wiederum eine erhöhte Attraktivität der Lehrtätigkeit 
voraussetzen und der Übertritt von der Lehrtätigkeit in 
die Praxis oder in die Nur-Forschung dürfte nicht als 
gesellschaftliche Niederlage bewertet werden, sondern 
als der Abschluß einer bestimmten Etappe in der beruf- 
lichen Tätigkeit. 
Bevor die Autoren die Bearbeitung ihres angekündigten 
Studienplanes für ein eigenständiges Städtebaustudium 
abschließen und ihn - wie angekündigt - in dieser Zeit- 
schrift publizierem, schlage ich vor, daß dieser Themen- 
bereich "Professorenunwesen" in einem der nächsten 
Hefte von verschiedenen Fachleuten und aus verschiede- 
nen Perspektiven ausführlich behandelt wird. Ansätze 
dazu sind im Beitrag von J. Schoeller und St. Waldraff 
"Freier Wettbewerb in Forschung und Lehre" enthalten. 
Jedes Ausbildungsprogramm steht und fällt mit den Leh- 
rern. Die Bemühungen, die formalen Organisationsstruk- 
turen von Schulen zu verbessern, sind zwar lobenswert, 
aber wenig effektiv, sie zeigen höchstens die Ohnmach* 
in der sich die Initianten dem Hauptproblem gegenüber 
befinden. 
ARCH+ 2 (1969) H.7
	        

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