Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1969, Jg. 2, H. 5-8)

Elisabeth Walther 
ABRISS DER SEMIOTIK 
In unserer modernen Zivilisation spielen Information und 
Kommunikation eine immer größere Rolle. Es ist daher 
nur natürlich, daß sich Informationstheorie und Kommu- 
nikationsforschung in den letzten Jahren rasch entwik- 
kelten und heute - verbunden mit den Grundlagen der 
Kybernetik - unter dem Terminus "Informatik" zusammen- 
gefaßt einen neuen Studienzweig unserer Hochschulen 
bilden. Nun beruhen aber Information und Kommunika- 
tion nicht nur auf technischen Vorgängen und mathema- 
tisch-physikalischen Methoden, sondern auch auf logi- 
schen, erkenntnistheoretischen und vor allem semiotischen 
Voraussetzungen. 
Unter Semiotik verstehen wir die Lehre von den Zeichen 
oder die Zeichentheorie im allgemeinen, nicht nur die 
speziell kunsttheoretische, medizinische oder linguistische 
Semiotik. Obwohl es seit der Antike immer wieder Unter- 
suchungen über Zeichen gab und auch der Titel "Semio- 
tik" schon 1764 von Johann Heinrich LAMBERT für den 
3. Teil seines "Neuen Organon" verwendet wurde, 
haben wir erst seit knapp 100 Jahren eine wissenschaft- 
lich exakte und praktikable Semiotik, die den Erforder- 
nissen der Informatik genügt. Sie wurde von dem ameri- 
kanischen Naturwissenschaftler, Mathematiker und 
Philosophen Charles Sanders PEIRCE begründet. Leider 
hatte Peirce seine Untersuchungen nicht zu einem Buch 
zusammengefaßt, so daß es erst mit dem Erscheinen seiner 
Collected Papers (1935-1958) möglich wurde, seine 
Theorie zu studieren. Ich möchte betonen, daß alles, was 
im folgenden ausgeführt wird, auf Peirce zurückgeht 
oder Erweiterungen darstellt, die von Charles W. Morris 
und von Max Bense stammen. An den entsprechenden 
Stellen wird darauf hingewiesen werden. Da die Peirce- 
schen Begriffe, obwohl aus dem Zusammenhang gerissen, 
schon weit verbreitet sind, aber nur hier in Stuttgart 
semiotische Forschung im Sinne von Peirce getrieben 
wird, soll dieser Beitrag nebenbei auch dazu dienen, 
auf Peirce als den Begründer der modernen Semiotik hin- 
zuweisen. 
1 
Zeichen als triadische Relation 
a) Unter einer triadischen Relation verstehen wir eine 
Relation mit drei Gliedern oder Korrelata. Ein Zeichen 
ist etwas, das zwischen einem Objekt und einem Subjekt 
vermittelt, das einem Subjekt ein Objekt repräsentiert. 
Oder mit den Worten von Peirce: "Ein Zeichen ist etwas, 
das von einem Objekt determiniert wird und gleichzeitig 
eine Idee in einem Bewußtsein determiniert. Ein Zeichen 
hat daher eine triadische Relation zu seinem Objekt und 
zu seinem Interpretanten." Das Zeichen als triadische 
Relation besitzt die Korrelate "Objekt", "Zeichen" und 
"Interpretant" oder, wie wir heute in Stuttgart sagen, die 
Korrelate "Objekt", "Mittel" und "Interpretant". Etwas 
ist also nur dann ein Zeichen, wenn es einen Mittelbezug, 
einen Objektbezug und einen Interpretantenbezug auf- 
weist. Ein Zeichen, das keinen Objektbezug hat, das 
also nichts "bezeichnet", ist ebensowenig ein Zeichen 
wie etwas, das keinen Interpretantenbezug hat, also 
nichts "bedeutet". Nur wenn alle drei Bezüge vorhanden 
sind, sprechen wir von Zeichen, was aber nicht heißen 
soll, daß man bei einer Zeichenanalyse nicht von dem 
einen oder dem anderen Bezug absehen kann. Die alte 
Unterscheidung (die allerdings auch heute noch in der 
Fachliteratur gelegentlich vertreten wird) von Zeichen, 
die etwas bezeichnen und bedeuten einerseits, und Zei- 
chen, die zwar bezeichnen, aber nichts bedeuten, oder 
bedeuten, aber nichts bezeichnen andererseits, kann 
selbstverständlich bei der Einführung des Zeichens als 
triadische Relation nicht aufrecht erhalten werden. Auch 
eine Variable in der Mathematik, um ein Beispiel zu 
nennen, ist ein Zeichen im relationalen Sinne: sie steht 
für "etwas", auch wenn dieses Etwas allgemein oder un- 
bekannt ist, und hat eine Bedeutung für jemanden. Ein 
Zeichen läßt sich arafisch so darstellen: 
PL 
Wir definieren dementsprechend ein Zeichen als triadische 
Relation allgemein, wie es Bense vorschlug: 
Z=R(M,O,1) def. 
ARCH+ 2 (1969) H.8
	        

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