Klaus Pfromm
ADVOZIERENDE PLANUNG
Versuch zur Stadtplanungstheorie
Man wird heute so leicht niemanden mehr finden, der
die Nützlichkeit der Stadtplanung bestreitet. Dafür
taucht nun aber hie und da die Frage auf, wem sie nützt
Für wen plant die Stadtplanung?
Da die Planung einer der städtischen Prozesse ist, die sie
olant, ist sie hineingestellt in die städtische Gesellschaft
und muß ihren Wert oder Unwert am Gesellschaftsprozeß
überprüfen.
Die Wurzeln für die Notwendigkeit, sich heute auf die
gesellschaftspolitische Rolle der Planung besinnen zu
müssen, können in dem Entstehen der modernen Stadtplanung
überhaupt gefunden werden.
Der gesellschaftliche Umschlag in der industriellen Revolution
vollzog sich in der Stadt und vornehmlich mit
deren Hilfe. In der Stadt konkretisierte sich die soziale
Zerrüttung und wurden die Umstände des frühen Kapitalismus
unerträglich (1).
Aus dem Elend der proletarischen Massen in den Städten
schöpften die Sozialrevolutionäre ihren Auftrag zum gesellschaftlichen
Umschwung und die Sozialreformer ihr
stadtplanerisches Ziel (2).
Im Rahmen der bestehenden politischen Verhältnisse
sollte das Leben in der Stadt reorganisiert werden. Die
Arbeit der sozialreformerischen Stadtplaner zeigte einen
Weg auf, das Leben der städtischen kapitalistischen Gesellschaft
erträglich zu machen und die groben Mißstände
ungehemmter Ausbeutung zu beseitigen. Die bürgerliche
Gesellschaft integrierte die entstehende Stadtplanung.
Das bedeutet: Einerseits wurde die Pflicht zur fürsorglichen
Verbesserung offensichtlicher Mißstände anerkannt,
andererseits wurde die Planung als Instrument der bürgerlichen
Herrschaft hergerichtet. Der erste Satz in E. Howard’s
’ Garden Cities of To-Morrow’ zeigt den apolitischen
ausgleichenden Ansatz in unvergleichlicher Offenheit:
"In these days of strong party feeling and of keenly
contested social and religious issues, it might perhaps be
thought difficult to find a single question having vital
bearing upon national life and well-being on which all
persons, no matter of what political party, or of what
shade of sociological opinion, would be found to be fully
and entirely agreed."
Ein Kernstück dieses Integrationsprozesses, das auch direkt
zu den Problemen unserer Tage führt, ist die Tätigkeit
Hausmanns in Paris.
Einerseits gelang es Hausmann, seine Tätigkeit einigermaßen
aus dem politischen Kampf herauszuhalten und sie
als technische und administrative Maßnahme darzustellen,
die sich aus objektiven Notwendigkeiten ergäben (3).
Zum anderen aber wurden seine Vorhaben an entscheidender
Stelle integriert. Er beabsichtigte, die nach Gesetz
enteigneten Parzellen, durch die seine neuen Boulevards
liefen, neu zu überbauen und dann entsprechend
ihrem gesteigerten Wert zu verkaufen. Die Planungsgewinne
wären dem Staat zugefallen. Das bürgerliche
Stadtparlament vereitelte diesen Plan und setzte die Rückgabe
der Parzellen an die Eigentümer durch, deren
Grundstück an den neuen guten Straßen natürlich beträchtliche
Gewinne abwarfen (4). Die Integration der
sozialreformistischen Stadtplanung gelang so vollkommen,
daß die, unkritisch den bürgerlichen Kulturpessimismus
übernehmende Moderne (5) mit Verketzerung des Städtebaus
und Idealisierung der Kleinstadt, der Nachbarschaft,
sogar noch die Verirrungen des Nationalsozialismus abzudecken
schien (6). Ein wesentliches Mißverständnis der
Stadtplanung, bei E. Howard schon im Entstehen, hat sich
bis heute erhalten: Der Glaube, der von moralischem
Verantwortungsbewußtsein bewegte Planer diene der Gesellschaft
(7).
Von eben diesem falschen Anspruch aber geht eine eigentHümliche
Faszination aus. Hier scheint im Getümmel der
Sachzwängen gehorchenden, sich nach Marktgesetzen bekämpfenden
pluralistischen Gesellschaft einer, der auf’s
Wohl des Ganzen sieht.
So ungewöhnlich ist dieser Anspruch, daß selbst so kritische
Geister wie A. Mitscherlich (8) darin einen Ansatz
zur Besserung sehen bzw. dem Architekten und Planer die
Verantwortung für die Unwirtlichkeit unserer Städte geben
Diese eigentümliche Situation soll hier nicht ausgeforscht
werden, sondern die Erkenntnis nachgezeichnet werden,
daß dieser Anspruch, wenn er auch Hoffnung zu wecken
vermag, doch diese Hoffnung unerfüllt lassen muß.
Im Zuge der Verwissenschaftlichung weiter Arbeitsbereiche
der Gesellschaft hat auch die Stadtplanung auf Rationalisierung
und Verwissenschaftlichung ihrer Verfahren
Anspruch erhoben, zuerst einmal nur proklamatorisch und
nur in Ansätzen praktisch. Die in den frühen 60er Jahren
ARCH+ 2 (1969) H.8