Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1969, Jg. 2, H. 5-8)

steigern und gleichzeitig den traditionellen, profunden, 
humanistischen Überblick über die gebaute Umwelt zu er- 
weitern (2). 
4. Die Aufgabe , der sich der Städtebau mit der Organisa- 
tion der räumlichen und gesellschaftlichen Umwelt gegen- 
übersieht, ist der Art, daß gegenwärtige Ausbildungen weit - 
hin unangemessen sind. Langfristiges Ziel könnte deshalb 
sein, Schwerpunkte in der Ausbildung der Fähigkeit allge- 
meiner Problemlösung zu sehen. Der Städtebauer muß fähig 
sein, Verfahren zu entwickeln und aufzustellen, Strategien 
für die Verwirklichung politischer Absichten aufzustellen 
und die Aktivitäten zu koordinieren, die zu einer Lösung 
führen. In der Zukunft wird dies mehr denn je notwendig 
sein (4). "Aufgabe einer noch zu konzipierenden ’Entwick- 
Iungsplanung” ist die Entwicklung von Strategien, die Be- 
stimmung möglicher bzw. angemessener Zielsetzungen. 
Ziele können weder als vorgegeben akzeptiert noch von 
globalen politischen Zielsetzungen oder Ideologien abge- 
leitet werden. War Stadtplanung bisher vom Zwang jeweils 
hinterherhinkender Korrektur oder Vermeidung bestimmt, 
so gewinnt sie auf der Stufe von Entwicklungsplanung einen 
durch präventive Vermeidungsstrategien bestimmten Charak- 
ter." (3) 
Didaktik als Voraussetzung effektiver Studienpläne 
Auch in der städtebaulichen Ausbildung besteht die Not- 
wendigkeit, die Vermittlung von Lehrinhalten wissenschaft - 
lich zu erforschen und nicht der Gewohnheit, dem Zufall 
und dem individuellen Belieben zu überlassen. 
Die Didaktik soll aufgrund der Erforschung von Voraus- 
setzungen und Bedingungen Modelle für eine effektive 
Lehre entwerfen. Das muß bedeuten, daß ständig die Ziele, 
Gegenstände und Verfahren der Lehre selbst auf ihre Rele- 
vanz überprüft werden. Es ist nicht Aufgabe der Didaktik, 
Rezepte an Dozenten auszugeben, wie herkömmliche In- 
halte im Blick auf herkömmliche Ziele im Rahmen bestehen- 
der Verwaltungs- und Autoritätsstrukturen ein wenig rei- 
bunasloser tradiert werden könnten. 
Der Entwurf und die ständige Überprüfung des Studienplanes 
ist auch das grundlegende Verfahren einer "Städtebau- 
Didaktik" mit folgenden Schritten: 
a) Erarbeitung allgemeiner und fachspezifischer Lernziele, 
b) Auswahl und Organisation der zu vermittelnden Inhalte 
(Grundbegriffe, Aufbau, spezielle Fakten, Methoden, 
Hilfsmittel etc.), 
:) Auswahl und Organisation der Lernsituationen und Lern- 
verfahren (Selbststudium, programmierter Unterricht, 
Gruppenarbeit, Projektmethode, Diskussion, Planspiel, 
Praktika, Vorlesungen, Beratung etc.) 
d) Auswahl und Organisation der Lehrstrategien (Anordnung 
des Stoffes, Umsetzung von Inhalten in Prozesse oder 
Aufgaben, geeignete Darstellungsmittel etc.), 
e) Bereitstellung von Verfahren zur Messung des Lehr- und 
Lernerfolages (5). 
Wahl- und Differenzierungsmöglichkeiten im Studienplan 
- selbstverantwortliches Studium anstelle von Dienstlei- 
stungsorientierung 
Der Student sollte weitgehende Möglichkeiten erhalten, 
ohne Diktat eines Studieninhalts - jedoch innerhalb eines 
gegebenen Rahmenplanes - den Inhalt seines Studiums zu 
wählen. Der Grad, bis zu welchem er dies tut, reflektiert 
seine Fähigkeiten und seine Verantwortung. Dieses Erzie- 
hungskonzept akzeptiert den Studenten als gleichwertigen 
Partner und der Erfolg eines solchen Konzeptes hängt stark 
von dem schöpferischen Beitrag der Studenten ab. Freiheit 
in Studienprogrammen hält diese fern von doktrinären 
Schlingen, in welche neu entwickelte Programme immer 
wieder fallen. Obwohl ein nur lose strukturiertes Programm 
Unsicherheitsfaktoren sowohl für den Studenten als auch 
für den Lehrkörper mit sich bringt, ist es in sich selbst eine 
wertvolle Analogie zur und eine Simulation der realen Welt 
Strengere Unterrichtung und Verfahren verschieben nur das 
Erscheinen und die Auflösung von Konflikten auf spätere 
Zeit. Die Studenten dienen deshalb als das stärkste Instru- 
ment der Veränderung im Studienprogramm entsprechend der 
nicht vorhandenen Steuerung von oben (4). 
Die Anwendungen und Manifestationen der Umweltgestaltung 
sind in sich so komplex, daß auch die angebotenen Wahl- 
möglichkeiten in den einzelnen Studienplänen sehr vielfältig 
sein müssen. "Ein selbstverantwortliches Studium zielt auf 
die Vergrößerung der Wahlfreiheit der Studierenden. Diese 
kann sich jedoch nicht nur auf einen beigeordneten Katalog 
von Nebenfächern beziehen, die untereinander und in bezug 
auf konkrete Projekte unvermittelt bleiben, sondern auf 
spezifische Aspekte im Zusammenhang eines konkreten Pro- 
jekts oder Problems, die auch kontinuierlich weiterbehandelt 
werden können" (3). 
Erweiterung der Lernfähigkeit und Innovation als 
Ausbildungsziel I a. 
Das heutige Ausbildungswesen - besonders auch die Städte- 
bauerausbildung - beschäftigt sich weithin noch damit, 
Fertigkeiten zu vermitteln, anstatt "Sinnesausweitung und 
Erfindungspraktiken zu entwickeln, um bestehende Klischees 
zu durchbrechen. Städtebauausbildung muß sich ändern von 
der Instruktion zur Erforschung und Entwicklung. Wir müssen 
aufhören, die heutigen jungen Leute mit den Konzepten 
von gestern, mit den Werkzeugen von gestern und mit der 
Wiederholung des gestrigen Leitbildes zu unterrichten, 
indem wir die gestrigen Fragen stellen" (7). Da die konk- 
reten Inhalte (Faktenwissen, Techniken usw.), die im 
Gegensatz zu theoretisch-methodischen Kenntnissen dem 
rasantesten Verschleiß ausgesetzt sind, in einem langfristi 
gen Sinne nicht definiert werden können, kann die Ver- 
mittlung von Faktenwissen nicht mehr selbst Zweck der 
Ausbildung sein, sondern vielmehr die Erweiterung der 
Lernfähigkeit, also das Lernen des Lernens (3). 
Städtebauausbildung mit technischer Ausstattung des 
Raumfahrtzeitalters anstelle uneffektiven Amateurdaseins 
Die Möglichkeiten und Ausstattungen für städtebauliche 
Unterrichtung müssen revolutionär umgestaltet werden. Die 
Grundausstattung für Städtebauunterricht sind normalerweise 
bei weitem überfüllte Übungssäle, in denen längst nicht 
jeder Student einen eigenen Arbeitsplatz beanspruchen 
kann und eine antiquierte Bücherei. Das wäre analog der 
Unterrichtung der Herz-Transplantation mit dem Taschen- 
messer . 
Gegen das uneffektive Amateurdasein in traditionellen 
Ausbildungssystemen gibt es viele Argumente . 
Übungsräume für Städtebaustudenten sollten laboratorien- 
ähnlich sein. Das müßte zur Folge haben, daß Daten wirk- 
sam gesammelt werden, überprüft und durch Xerox- oder 
Magnetbänder oder andere Techniken vervielfältigt, aus- 
getauscht und gespeichert werden könnten. Es könnte eine 
Atmosphäre herrschen, in der ernsthaft versucht wird, 
zwischen Tatsache und Mutmaßung, quantifizierbaren und 
ARCH + 2 (1969) H.5
	        

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