Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1969, Jg. 2, H. 5-8)

Durchschnittliche 
Eintrittswahrschein- 
lichkeit (in% ) 
In einer ganzen Reihe von Großstädten 
ist für einige Stunden am Tage jeder 
private Autoverkehr untersagt 
& 
55 
Es gibt kaum noch Frauen, die nicht 
berufstätig sind 
51 
Te 
Im folgenden sollen nun wenigstens richtungsweise einige, 
das soziale Verhalten betreffende Prognosen dargestellt 
werden, denen innerhalb eines Zeithorizonts von etwa 
dreißig Jahren eine recht hohe Realisierungschance zuge- 
sprochen werden kann. Sie ergeben sich aus biosozialen 
und sozioökonomischen Trends, aus der vergleichenden 
Analyse mit der Entwicklung in Ländern wie USA, Schweden 
oder Australien sowie aus einer größeren Reihe von Unter- 
suchungen im Bereich der Markt- und Meinungsforschung, 
bei denen u.a. den Erwartungen, Zielwerten und Ver- 
haltenstendenzen prognosewichtiger Bevölkerungsgruppen 
(Heranwachsende, "Innovators" und "Konsumpioniere"') 
nachgegangen wurde. 
Zunächst einige sozialkulturell bedeutsame Aspekte physi- 
scher Veränderungen des Menschen in der industriellen 
Großgesellschaft. Hier kann erwartet werden: 
eine weiter fortschreitende Akzeleration, die mit einer 
sich fortsetzenden Anhebung der durchschnittlichen 
Intelligenz verbunden ist 
ein weiteres Herausschieben des Klimakteriums, was zu 
einer tiefgehenden Umstrukturierung weiblichen Daseins 
in der modernen Gesellschaft führen wird 
eine weitgehende Beherrschung der großen Infektionskrank- 
heiten und der bösartigen Neubildungen, eine Entwick- 
lung, die gleichfalls die Lebenserwartung erhöht, vor 
allem aber ein verändertes Lebensgefühl schafft 
eine tiefgreifende Umgestaltung des physischen Alte- 
rungsprozesses, die den altersbedingten Vitalitäts- 
und Intelligenzabbau verlangsamt und damit die soziale 
Wertigkeit älterer Menschen in starkem Maße anhebt 
eine sehr verstärkte Abhängigkeit der sozialen Aktivität 
von physischem Wohlbefinden und eine auch die Wohn- 
raumgestaltung erheblich beeinflussende Steigerung des 
Komfortbedürfnisses. 
Es ist kein Zweifel, daß sich diese psychosomatischen 
Wandlungen bereits ankündigen, wie wir beispielsweise in 
einer Reihe von Erhebungen bei Ärzten ermitteln konnten. 
Unzweifelhaft aber bedingen diese physischen Veränderungen 
tiefgreifende Umgestaltungen des menschlichen Zusammen- 
lebens. Sie betreffen unmittelbar die funktionale Wertigkeit 
sowie wohl auch den subjektiven Berechtigungsgrad vieler 
überkommener, die Kommunikation im Intimbereich regelnder 
Institutionen. 
Bedeutsame Verhaltenswandlungen werden mit großer Wahr- 
scheinlichkeit ebenfalls im Gefolge der zu beobachtenden 
progressiven Entwicklung laufender Erfahrungsakkumulation 
und wachsender Innovationshäufigkeit in den Erfahrungs- 
wissenschaften, der Technik und der Wirtschaft ausgelöst. 
Vor allem führt die wissenschaftliche und technische Re- 
volution (Automation, ADV, Atomtechnik) zu einer zu- 
nehmenden Verkürzung der Arbeitszeiten in der industriellen 
Fertigung und der Bürokratie. 
Für einen erheblichen Teil der Menschen hat die Themati- 
sierung und Gestaltung der Freizeit schon heute ein Ge- 
wicht, das dem der beruflichen Tätigkeit nahezu gleich- 
wertig ist. Diese Entwicklung ist jedoch erst in ihren 
Anfängen. Dennoch hat sie bereits zu einer Wandlung der 
gesamten Lebenseinstellung geführt, die im heutigen Über- 
gangsstadium oft als Verunsicherung bestehender Werte 
spürbar wird. 
Das mit der bürgerlichen Gesellschaft korrespondierende 
traditionsgestützte Menschenbild wird sich schon in kurzer 
Zeit - bezogen auf die Daseinsbedingungen und Erforder- 
nisse der modernen industriellen Gesellschaft - als über- 
wiegend negativ und disfunktional auswirken. 
Aber auch der "außengeleitete'" Mensch, der sich in 
seinem Verhalten vorwiegend nach den Erwartungen und 
Angemessenheitsnormen seiner Umwelt richtet, verliert 
zunehmend seine sozialstrukturelle Basis. Konformismus 
wird immer mehr zu einem sozialen Wert mit negativem 
Prestige. 
Unzweifelhaft ergibt sich aus der Umstrukturierung der 
Arbeitswelt und der steigenden Verfügbarkeit über Freizeit 
eine weitgehende Veränderung der Beziehungen des Men- 
schen zur Welt überhaupt. Im ganzen Verlauf der über- 
blickbaren Geschichte war ja die Arbeitswelt für die 
meisten Menschen jener Bereich, in dem sich die Umgangs- 
erfahrungen mit der Realität überwiegend formten und 
sich das soziale Schicksal des einzelnen entschied. 
Infolge der 2. industriellen Revolution und ihren Konse- 
quenzen werden Freizeiterwartung und Freizeitverhalten 
für einen großen Teil der Menschen zu einem zentralen 
Daseinsbereich, der von einem starken Bedürfnis nach 
bisher unbekannter persönlicher Entfaltung und Selbstver- 
wirklichung geformt wird. 
Damit erfahren dann fast alle menschlichen Bedürfnisse 
eine folgenreiche Neubewertung. Gegenwärtig bedarf die 
Freizeit vom Erlebnishorizont der innerweltlichen Askese 
(Max Weber) her noch immer der Rechtfertigung, die in 
der Erhaltung und Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit 
gefunden wird. Im Grunde sucht man dabei ein "altes" 
Schuldgefühl abzuwehren, das viele Menschen in unserer 
Gesellschaft noch immer begleitet. Cbwohl Freizeit sozial 
gebilligt ist, stempelt sie das "schlechte Gewissen" der 
Tradition noch immer zum ethisch mißbilligten Müßiggang. 
Auch jüngere Rechtfertigungsversuche, die sich als päda- 
gogisch organisierter oder als geltungsbetont-aufwendiger 
Freizeitbetrieb darstellen, signalisieren noch jenes latente 
Schuldgefühl, das Freizeit in den Dienst "ernsthafter" Ziel- 
werte zu stellen sucht. 
Bereits die erste industrielle Revolution hatte durch die mit 
ihr verbundene Umgestaltung der großgesellschaftlichen 
Strukturen zu einer krisenhaft verlaufenden Neuformierung 
der Institutionen auch des Intimbereichs geführt. In den 
Erschütterungen der Kriegs- und Nachkriegszeit hat sich 
dann die von manchen autoritären und anachronistischen 
Elementen befreite Familie zunächst als eine der wenigen 
verläßlichen und haltgebenden Institutionen erwiesen . 
Dagegen wird im Alltagsleben einer sich entfaltenden 
Wohlstandsgesellschaft der Zusammenhalt der Familie 
allmählich immer mehr gelockert. Hierbei spielt eine 
wichtige Rolle, daß die soziale Schutzfunktion der Familie 
sowie ihre Garantien für Erziehung und sexuellen Kontakt 
durch eine sehr wirksame Verminderung des Realitätsdrucks 
und damit in Wechselwirkung stehend auch des ethischen 
und normativen Drucks kontinuierlich entwertet werden. 
ARCH +2 (1969) H.5
	        

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