Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1969, Jg. 2, H. 5-8)

Dem bereits differenzierten Angebot realisierbarer Mög- 
lichkeiten stehen also fest in überkommenen Traditionen 
verankerte affektive Sperren gegenüber. Diese Tatsache 
wird von Stadtplanern und Architekten unzweifelhaft viel 
zu wenig gesehen und berücksichtigt. 
Es ist dringend erforderlich, daß die Erwartungen und 
Ansprüche an das Wohnen, aber auch die Bereitschaften 
zur Akzeptierung neuartiger Wohn- und Lebensformen 
immer wieder verdeutlicht und bewußt gemacht und daß 
sie in motivorientierten Studien erhoben werden. Es ist 
nicht mehr vertretbar, daß weiter wie bisher - und das 
Märkische Viertel in Berlin ist hier ein höchst warnendes 
Beispiel - an den Gefühlen, Erwartungen und Ansprüchen 
der Menschen vorbeigebaut wird. Starke soziale Spannun- 
gen, wie sie sich beispielsweise in den Vereinigten Staaten 
herausgebildet haben, lassen erkennen, welche potentielle 
Explosivität durch die Vernachlässigung dieser wichtigen 
Forderung bereits geschaffen worden ist und weiter produ- 
ziert wird. Die vitalen und sozialstrukturellen, vor allem 
aber die psychischen Schäden eines als Folge einer nur an 
"Bedarfsdeckungsprinzipien" ausgerichteten Stadtplanung 
und Bautätigkeit sollten ein hinreichendes Motiv darstel- 
len, sich nun in großem Ernst auch mit dem Problem zu 
beschäftigen, wie Menschen zu Wohnidealen gebracht 
werden können, in denen sowohl die vielfältige technische 
Entwicklung als auch die Möglichkeiten never, indivi- 
dueller Entfaltung und Kommunikation akzeptiert sind. 
Die systematische empirische Klärung der Bedürfnisse und 
Ansprüche des einzelnen an seinen Wohnraum stellt eine 
nicht hintergehbare Voraussetzung dafür dar, daß Wohn- 
bereiche und Wohnungen entstehen können, die der 
Struktur und Dynamik der modernen Gesellschaft gerecht 
werden und die den gegenwärtig dominierenden, aber 
auch den für die nächste Zeit zu erwartenden Ansprüchen 
an ein entlastetes und sinnerfülltes Dasein zu entsprechen 
vermögen. Hinderlich ist hier zweierlei: Die Tatsache, daß 
Stadtplaner, Architekten und Designer kreativ sind in 
Richtung auf Ideale, Zielwerte und Nutzenfunktionen, 
denen eine latente Anthropologie, Psychologie und So- 
ziologie zugrunde liegt. Nicht selten handelt es sich 
dabei um eine recht zufällige Mischung von privaten oder 
gruppengebundenen Ideologien mit einleuchtenden aber 
unzutreffenden Plausibilitätsannahmen und einer mehr oder 
weniger zufälligen Selektion rückständiger Psychologie 
oder Soziologie. Die Disfunktionalität neugeplanter Stadt- 
teile und Grünstädte zeigt dies ebenso deutlich wie die 
mangelnde Akzeptanz vieler Leistungen des Designs im 
Bereich des Wohnens. 
Wenn hier nicht eine rasche Wandlung in Richtung auf 
eine Planungstechnik und Entwurfsarbeit einsetzt, die sich 
durch eine stetige und wohlfunktionierende Rückkopplung 
an Anspruch, Urteil und Verhalten der "Betroffenen" 
auszeichnet, besteht kaum eine Chance, ein entfaltungs- 
begünstigendes und befriedigendes Wohnen in Gegenwart 
und Zukunft zu realisieren. 
Die empirische Analyse der Erlebnisbedeutungen und der 
Funktionen der Wohnung zeigt in den unterschiedlichen 
Gruppen und Schichten der Gesellschaft ein sehr viel- 
fältiges Bild, so daß es kaum möglich ist, hier eindeutige 
zusammenfassende Aussagen zu machen. Allenfalls lassen 
sich hier Schwerpunkte und Tendenzen hervorheben: 
Für nur sehr wenige Menschen bedeutet Wohnung (noch 
oder schon wieder) das notwendige "Dach über dem 
Kopf" 
Für eine große Gruppe vermittelt die Wohnung vor- 
rangig Geborgenheit, "Gemütlichkeit" sowie einen 
vertrauten, gefühlsmäßige Sicherheit gewährenden 
Daseinsraum. (Diese Motivation der Wohngestaltung 
betont äußerste "Privatheit'", folgt dabei aber einem 
ausgeprägten Konformismus .) 
Für eine zweite, gleichfalls große Gruppe hat die 
Wohnung unverkennbar kompensatorische Funktionen: 
Sie ermöglicht es, diejenigen Zielwerte und Grundbe- 
dürfnisse symbolisch und scheinbar dauernd durch die 
Auswahl und "Präsentationsform' von Möbeln, Vor- 
hängen, Teppichen und Kunstwerken (von der Meter- 
ware in Gebirgslandschaft bis zum Barockengel oder den 
Buffet-Drucken) zu realisieren, die in den sozialen 
Interaktionen des Berufes und des öffentlichen Wirkens 
ungelebt bleiben mußten. 
Im ersten Falle ist die Wohngestaltung also instrumentell in 
den Dienst des Behagens, der emotionalen Entlastung und 
sicher auch des gefühlsmäßigen Zusammenhalts der Familie 
gestellt. 
Im zweiten Fall ist die Wohngestaltung instrumentell dem 
Ziel untergeordnet, das faktisch "ungelebte Leben", ins- 
besondere die nicht realisierten Status- und Positionser- 
wartungen symbolisch zu realisieren. 
Untersucht man genauer, so wird deutlich, daß die Außen- 
gelenktheit der Wohngestaltung heute und sicher auch für 
mindestens die nächsten zehn Jahre in zwei sehr unter- 
schiedlichen Formen auftritt: 
Einmal in der bereits hervorgehobenen Tendenz zur symbo- 
lischen Verwirklichung unbefriedigter Status- und Positions- 
ansprüche. Zum anderen aber in einer Richtung, die sich 
am charakteristischsten wohl als "normativer Hedonismus" 
kennzeichnen läßt. a a 
Diese Form der Außenlenkung manifestiert sich in der Kon- 
formität mit den Idealen der "fun-society". Im wachsenden 
Komfortanspruch manifestiert sich dieses neue Ideal des 
Zusammenlebens ebenso wie in der weitgehenden Ab- 
lehnung bisher akzeptierter Leistungs- und Verzichts- 
forderungen (Protestbewegungen, APO) sowie in einer 
forcierten Betonung der Daseinsbedeutung optimierter 
sexueller Befriedigüngen. (Insgesamt dürfte es übrigens 
recht fraglich sein, ob der normative Hedonismus für viele 
Menschen nicht ebenso belastend und anstrengend ist wie 
die Anforderungen der jetzt noch dominierenden Daseins- 
formen der Leistungsgesellschaft .) 
Auf jeden Fall positiv aber ist an der Tendenz zur Fun- 
Society die Bereitschaft, Wandlung und Erneuerung der 
individuellen Daseinsformen und des Zusammenlebens zu 
akzeptieren. Langfristiger gesehen dürften die Ideale der 
technologisch ermöglichten Wohlstands- und Konsumge- 
sellschaft Daseinsformen des Übergangs darstellen. Die 
Erhöhung des konsumtiven Standards und die Liberalisierung 
des institutionellen Lebensrahmens erschwert gleichzeitig 
und vor allem die Chance einer Individualisierung des 
Daseins mit Hilfe wachsender Freizeit und auswählenden 
Konsums. Experimentelle und kreative Einstellungen und 
Interessen werden weit häufiger werden, als dies gegen- 
wärtig vorstellbar ist. In diesem Zusammenhang wird es sehr 
bedeutungsvoll, daß die Wohnung nicht mehr wie früher 
als eine Außenhülle seines Lebens gewissermaßen ein für 
allemal gestaltet wird, so daß das Mobiliar beispielsweise 
für den Rest des Lebens zur immer gleichbleibenden Umwelt 
wird. Wohnung und Möblierung werden vielmehr zum Feld 
einer fast spielerischen, experimentellen Aktivität bei der 
ARCH +2 (1969) H .5
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.