Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1969, Jg. 2, H. 5-8)

DISKUSSION 
Franz Kerschkamp 
EDU - CREATION 
Ein Buch von Paul Ritter 
Im Zusammenhang mit der notwendigen Reform des Studiums 
ist das Buch 
"Educreation - education for creation, growth and change" 
(Paul Ritter, Pergamon Press, 380 $‘,, London 1966) 
von grundlegender Bedeutung, da es eine der seltenen Ab- 
handlungen ist, die die gesamte Problemstellung aufgreift. 
Paul Ritter wurde 1925 in Prag geboren, 1939 emigriert er 
nach England, 1965 zieht die Familie mit sechs Kindern 
nach West-Australien. Der Autor hat mehrere Disziplinen 
studiert, seine praktische Tätigkeit reicht vom Bergbau 
über die Landwirtschaft zu mehreren Jahren Lehre und 
Praxis in Umweltgestaltung. Seine Forschungstätigkeiten 
bezogen sich unter anderem auf Erziehungs- und Wohnung 
bauten. Außerdem wirkte er beim Board of Architectural 
Education des Royal Institute of British Architects mit, Er 
ist zur Zeit Stadtplaner und Architekt von Perth in West- 
Australien. 
Das Buch umfaßt eine kritische Darstellung der bestehenden 
Ausbildungstechniken und die Suche nach alternativen 
Verfahren, die einem Zeitalter, das erhöhten Bedarf an 
ständiger Erweiterung, Veränderung und Kreativität auf- 
zeigt, besser angepaßt sind. Davon ausgehend führt der 
Autor über allgemeine Auswirkungen seines Konzepts zu 
speziellen Anwendungen in Ausbildungsstätten für Archi- 
t+ekten und Umweltaestalter . 
Der Begriff "educreation'" wird vom Autor begründet mit 
der neuen Begriffskoppelung von Selbstregulierung - 
Kooperation - therapeutische Sicht der Problemstellung 
statt Zwang - Wettbewerb - moralistische Beurteilung. 
An allgemeinen Auswirkungen des Konzepts "edu- 
creation" sind vor allem folgende Punkte hervorzuheben. 
(1) Das erste Semester bzw. das erste Jahr sind ausschlag- 
gebend für die Einstellung des Studenten zu seinem Studi- 
um, vor allem durch die Entwicklung des Bewußtseins 
seiner Motivationen. 
(2) Die zwei hauptsächlichen Funktionen des Lehrens müs- 
sen klargestellt und dementsprechend verteilt werden. 
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a) Lehren durch Tutoren: ständiger, vollzeitlich anwesen- 
der Stab, der sich mit der integrierten Entwicklung von 
Einzelnen und von Gruppen beschäftigt. 
b) Beraterstab: zeitweilige Inanspruchnahme des Reser- 
voirs an Information und Lehrfähigkeit der Berufs- und 
Gesellschaftsgruppen in Bezug auf spezielle Objekte und 
Fertigkeiten. 
(3) Vorlesungen und Wissensprüfungen werden ersetzt 
durch Lernen an Projekten, schriftliche Berichte und 
Diskussionsseminare . Das Hauptgewicht liegt auf der 
Fähigkeit, Fragen zu stellen, auf kritischem Bewußtsein, 
nicht auf gespeicherten Antworten. Verfahren der Zu- 
sammenarbeit werden eingesetzt. Die Beurteilung basiert 
auf der laufenden ständigen Arbeit der Studenten, nicht 
auf einmaligen Prüfungen. 
(4) Lehrhilfen müssen kreativ genutzt werden. Hilfen wie 
Schreibmaschine, Film, Telephon, Photo, Bibliothek 
müssen Bestandteil aller Phasen der Ausbildung sein. Lehr- 
maschineneinsatz wird vorsichtig vorgeschlagen. 
(5) Die wichtige Rolle der studentischen Wohnung bzw. 
ihrer Umwelt, sowie deren Auswirkungen auf eine selb- 
ständige Gestaltung, wird auch in Bezug auf das sexuelle 
Verhalten der Studenten diskutiert. 
(6) Die Verwaltung muß ein Management für die ständige 
Erneuerung der Ausbildungsstätte werden und nicht für das 
ständige Verharren. 
(7) Die jetzigen üblen Auswirkungen der Gesellschaft auf 
die Umstände des Studierens werden daraufhin untersucht, 
wie sie durch eine therapeutische Betrachtungsweise richtig 
gestellt werden können. 
Spezielle Auswirkungen und Anwendungen auf Ausbildungs- 
stätten für Architekten und Umweltgestalter werden in 
Fülle angeführt. Daraus einige: 
- Auswahl der Studenten 
Aus dem Konzept der "educreation" folgt, daß es nicht 
darum geht, möglichst solche Studenten zu selektieren, 
die Architekten werden können, sondern denjenigen, 
die Architekten werden wollen, dabei zu helfen. Das 
bedingt bei Platzmangel der Ausbildungsstätte, daß 
nicht ein Verfahren angewendet wird, das bestimmte 
Merkmale der Studenten herauszufiltern versucht, son- 
dern eines, das ein reines Auslosungsverfahren ist, 
Professoren sollten Tutoren sein. Alle Professoren, die 
jetzt noch nicht ständig den Studenten zur Verfügung 
stehen können, würden viel bessere Berater ergeben. 
Die Ausbildungsstätten sollten vertikal in Großgruppen von 
150 Studenten (mit einem Professor als Tutor) und in Klein- 
gruppen von höchstens 18 Studenten aller Semester (mit 
ständigem Tutor) organisiert werden. Dabei ist jeder Stu- 
dent Projektleiter für ein Projekt (Entwurf oder Arbeit 
anderer Art) und Helfer bei einem anderen Projekt. 
Vorteile sind: 
- Kennenlernen einer ganzen Reihe von Arbeiten, 
Kennenlernen der Vorgehensweise von anderen, 
Differenzierungsmöglichkeiten in der Gruppe, 
Anwendung der Kooperation statt Weiterführung der 
schulischen Wettbewerbssituation. 
Eine Fülle weiterer konkreter, zum Teil durchgeführter 
Experimente bestimmen dieses Buch zur Lektüre aller in der 
Studienreform engagierten Personen; trotz der stellenweise 
durch die Fülle der Sprache und des Materials bedingten 
Längen und Verständigungsschwierigkeiten. 
ARCH +2 (1969) H.5
	        

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