Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1970, Jg. 3, H. 9-11)

ter Baustellenorganisation erhoben. "Mitunter kann man 
nämlich auch alte Produkte in neuen Kleidern weit besser 
verkaufen und damit die Konkurrenz hinter sich lassen, 
wenn diese es nicht versteht, die Produkte... ebenfalls 
mit einem dem Verbraucher ansprechenden Image auszu- 
statten (12)." Die partielle Rationalisierung bleibt die 
Rationalisierung der in der Bauindustrie sich reproduzie- 
renden Rückständigkeit. Da sie hauptsächlich Optimie- 
rung des Mehrwertes und damit der Aneignung von Mehr- 
arbeit ist, haben ihre Kosten die Masse der unmittelba- 
ren Architekturproduzenten (in der BRD 1.558.000 
Arbeiter im Bauhauptgewerbe) zu tragen; vermittelt 
über die in die Mieten eingehenden, überhöhten Bau- 
preise, die gesamte Arbeiterklasse (13). Der Produkti- 
vitätsfortschritt des Baugewerbes, mit dem Widerspruch 
unproduktiver Arbeit gekoppelt, hat die Exploitation 
der Bauarbeiter verschärft, da er sich im Rahmen nahezu 
unveränderter Betriebsgrößen vollzog, wodurch die 
Mechanisierung der Arbeit mit der Überwachung der 
kontinuierlichen Nutzung der Arbeitskraft gekoppelt 
werden konnte (14). Die innerbetriebliche Kooperation 
die der Architekt durch die Entwicklung der Standardi- 
sierung und Normierung der Bauproduktion vorantreibt, 
zeigt schon heute die Tendenz einer zum Generalunter- 
nehmertum entwickelten Bauwirtschaft, die Bauherrn und 
Architekten zu einer trinitarischen Interessensgemein- 
schaft zusammenschließt. "Dann werden in enger Zu- 
sammenarbeit die Landeinkäufe, die Finanzierungspla- 
nung und die Marktforschung betrieben (15)." Der 
Architekt in der Charge des Generalunternehmers im 
Dienste disparater Kapitalgruppen ist die Wahrheit des 
Berufsbildes, das Jansen projizierte. 
Das Phänomen der objektiven Rückständigkeit der Bau- 
industrie und ihres Produktes, der Architektur, wurde 
sicherlich vom Architekten als Organisator verschärfter 
Mehrwertschöpfung und Mehrwertverwertung mitbedingt. 
Sie bleibt jedoch unerklärlich, solange sie nicht als 
Resultat eines historischen Konfliktes von Industrie- und 
Grundeigentum einerseits, von diesen und der Lohnarbeit 
andererseits verstanden wird. In diesem Konflikt spielt 
der Staat die Rolle des Vermittlers, der die Rate der 
Verteilung des gesellschaftlich produzierten Mehrwertes 
festlegt. 
Die Bauindustrie hat, abgesehen von der unmittelbaren 
Befriedigung spezifischer Bedürfnisse durch den im 
Tauschwert eingeschlossenen Gebrauchswert, für den 
Monopolkapitalismus die Funktion, die Grundrente zu 
optimieren und zugleich seine krisenfreie Entwicklung 
zu beschleunigen. Erfüllt sich ersteres im besonderen 
Interesse des Grundeigentums, so umgreift letzteres die 
Interessen der Großindustrie. Der Bauindustrie ist von 
beiden Kapitalfeldern eine zueinander teilweise antago- 
nistische Funktion zugedacht, die der Staat durch ge- 
setzliche Eingriffe und Aufträge zu kanalisieren trachtet 
Im Monopolkapitalismus ist die Produktionskapazität der 
Großindustrie im Normalfall nicht ausgelastet, da die 
"effektive Nachfrage" fehlt, um die vorhandene Ar- 
beitskraft und Produktionsanlagen auf die Dauer voll zu 
nutzen. Es entsteht die Schwierigkeit, das erzeugte wie 
auch das brachliegende Surplus zu absorbieren. Durch 
den Eingriff des Staates zugunsten des Industriekapitals 
wird die Bauindustrie neben der Rüstungsindustrie zum 
geeigneten Instrument, das Surplus zu absorbieren und 
gleichzeitig die Effektivnachfrage zu verstärken. Die 
Absorption vollzieht sich nicht auf Kosten des durch die 
Privatindustrie erzeugten Surplus, sondern wird diesem 
hinzugefügt. Die Steuern, die für die staatlichen In- 
vestitionen eingetrieben werden, erhöhen indirekt die 
Profite des Privatkapitals, da die Kaufkraft für seine 
Güter steigt, die Steuern selbst auf die Arbeiterklasse 
abgewälzt werden können. In den exportintensiven 
Ländern wie der BRD wird die Bauindustrie zum Mittel, 
der durch Kapitalexport inflationären Entwicklung der 
Wirtschaft entgegenzuwirken; als Mittel staatlicher 
Konjunkturpolitik eingesetzt, soll sie den für das System 
dysfunktionalen Gegensatz von Boom und Depression in 
eine organisierte "schleichende" Inflation verwandeln. 
Ihre instrumentelle Funktion, in der die Bauindustrie und 
ihre Produktion zum Zweck an sich wird, dokumentieren 
der relativ geringe Gewinn, mit welchem sie in der Zeit 
hoher Kapazitätsauslastung der Großindustrie an der 
allgemeinen Prosperität teilnimmt, und die restriktiven 
"Maßnahmen", die sie bei geringer Kapazitätsauslastung 
härter als andere Produktionszweige trifft (16). 
Bleibt die Bauindustrie in dieser Funktion ihrem eigent- 
lichen Gegenstand dem Inhalte nach gleichgültig, so 
wird ihre Produktion der Form nach in dieser Funktion 
bestimmt: Als Mittel zur Erzeugung von Kaufkraft durch 
massive Anwendung menschlicher Arbeitskraft muß sie 
lohnintensiv, als Mittel zur Surplusabsorption quantitativ 
extensiv sein, als Mittel kurzfristiger Konjunkturplanung 
darf sie nur kurzfristig sich amortisierende Investitionen 
wagen, ihr Kapital bleikt von geringer organischer Zu- 
sammensetzung. 
Die Funktion der Bauindustrie als Mittel staatlicher Kon- 
junkturpolitik reproduziert also ihre historisch tradierte 
Struktur, die wir als vorindustrielle charakterisiert 
haben; ihre technologische Rückständigkeit, die durch 
ihre Arbeitsintensität und durch den Zwang zur geplanten 
Vergeudung gesellschaftlich produzierten Surplus vom 
Staat her zu ihrem Wesen erklärt wird. Die Kapitalstruk- 
tur ist der Spiegel ihrer ökonomisch-politischen Aufgabe, 
"Bereitschaftsgewerbe" zu sein: Da ihre Investitionen 
nicht langfristig abgeschrieben werden können, investiert 
sie wenig, um sich bei der Wendung der Produktion in 
die Depression auf die ursprüngliche Stufe des manufak- 
turellen Betriebes ohne Schaden wieder zurücksinken 
lassen zu können. Sie überbrückt die Schwankungen der 
Bauaufträge durch Ausleihen von Geräten und durch ver- 
mehrte Ausbeutung der Arbeiter durch Akkord und Über- 
stunden. Ihre Flexibilität besteht darin, kurzfristig 
Arbeiter, meist Gastarbeiter, aufzunehmen und zu ent- 
lassen (17). 
Da sie für die Staatsaufträge zuallererst "reine" Produk- 
tivität sein muß, ist ihr bevorzugter Baustoff der nur 
halbindustrialisierbare Beton. 
Im Bewußtsein ihrer Bedeutung für das Funktionieren der 
kapitalistischen Gesamtwirtschaft sieht die Bauwirtschaft 
zugleich das Mißverhältnis ihrer durch Unsicherheit und 
Kapitalschwäche charakterisierten Stellung, in der sie 
vom Staat gehalten wird. Sie forderte daher in der jüng- 
sten Expansionsphase des westdeutschen Kapitals ver- 
stärkten Anteil an den Gewinnen, die sie der Großin- 
dustrie indirekt zu produzieren geholfen hatte. Diese 
Forderung könnte sich, nach den Vorstellungen der 
Bauindustrie, durch die staatliche Garantie für langfri- 
stige und umfangreiche Aufträge realisieren. Durch 
Großinvestitionen könnte der Sprung in die Großindustrie 
gelingen, letztlich auch das Ausland als Markt erreicht 
werden. 
ARCH+ 3 (1970) H. 9?
	        

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