Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1970, Jg. 3, H. 9-11)

Nachteil, weil polit-ökonomische Überlegungen nicht 
berücksichtigt wurden. Die Darstellung der Lebens- 
lageproblematik von Minderheiten in einem Modell 
rivalisierender Klassengegensätze ist notwendig und 
bleibt späteren Arbeiten vorbehalten. 
Die Beschreibung der Lebenslageproblematik von 
Minderheiten wird exemplarisch dargestellt an der 
Situation alter Menschen. 
Diese Beschreibung wird bestimmt auf einer sozial- 
psychologischen und einer politisch-ethitischen 
Basis. Beide werden in den ersten Kapiteln des 
Essays erläutert. 
Der Zustandsbericht wird sich nicht in Wertfreiheit 
gefallen. Nicht engagierte Rede von gesellschaftli- 
chen Phänomenen diskriminiert jede Befreiung, in- 
dem sie Unmenschlichkeit durch Neutralität ver- 
schleiert, Menschlichkeit nicht provoziert. 
Wertfreiheit widerspricht der faktifizierenden Macht 
von Sprache. Jede Rede befestigt. Neutrale Sprache 
ist angesichts der Gewalt pseudo-neutral und re- 
pressiv, weil sie Gewalt stabilisiert, ihre Sprache 
nicht im Sinne einer Weigerung gegen Gewalt '"mora- 
lisiert'. ist. 
Moralisierung bedeutet Politisierung. 
Politisierung der Universität hieße dann: Verzicht 
auf die pseudo-neutralen Züge der Akademie und 
ihre Moralisierung im Sinne einer humanen Gesell- 
schaftstheorie. 
Die Gruppe versteht ihren Beitrag zum Problem der 
Altenfürsorge als einen Beitrag zur Politisierung der 
Hochschule. 
Die Universität wird in Zukunft stärker strukturales 
Wissen vermitteln. Innerhalb einer entsprechenden 
Pädagogik wird zu unterscheiden sein zwischen dem 
Training übergeordneter struktureller Fähigkeiten, 
die wir als gesellschaftliches Bewußtsein bestimmen 
und untergeordneten strukturellen Fähigkeiten, die 
handlungsbezogen als formale Strategie der Realisa- 
tion und als Prozessanalyse innerhalb der problem- 
bearbeitenden Gruppe zu bezeichnen sind. 
Die Kapitel III und IV versuchen die stoff-logische 
Struktur (Planungsmethodik) und die gruppen-logische 
Struktur in eine sinnvolle Abhängigkeit zu bringen. 
Die Präferenz dieser Abhängigkeit wird von den 
Überlegungen der Gruppendynamik abhängig gemacht. 
Das erscheint als politische Notwendigkeit. Eine 
Abhängigkeit von der Sache gegen die Einsicht des 
Bearbeiters stabilisiert ein autoritätsfixiertes Be- 
wußtsein, schwächt Selbstbestimmung, stärkt Fremd- 
bestimmung. 
"Der erste Gegenstand der Gruppendynamik ist dann 
nicht ein x-beliebiger Stoff, sondern ist die eigene 
Gruppe, ihre Dynamik: sie gilt es zu reflektieren. 
Soll aber der Gruppenprozess in Gang kommen, kann 
nicht die Fremdbestimmung dominieren. ' (3) 
Dann gilt die Einsicht, "daß niemand auf die Dauer 
mit einer Gruppe konstant und befriedigend arbeiten 
kann, solange ihm innerhalb dieser Gruppe die ab- 
laufenden Prozesse und seine eigene Rolle in diesen 
Vorgängen verborgen bleibt''. (4) 
5Q 
[ ZUR SOZIALPSYCHOLOGIE DES ALTERNS 
Die Verdrängung des Todes aus dem Bewußtsein 
der gegenwärtigen Gesellschaft ist umfassend und 
organisiert wie nie zuvor. 
Sie hat sich wie ein geheimer Terror ausgebreitet 
und den Menschen schon vor dem leiblichen Tod 
sterben lassen in der Gewaltsamkeit von Markt- 
mechanismen. Das Ausmaß organisierter Todesver- 
drängung wird belegt 
—- erkenntnistheoretisch durch den Primat instru- 
menteller Vernunft und die ihr implizite Ideologie 
der Widerspruchsfreiheit 
- psychologisch durch die wachsende Abhängigkeit 
des Bewußtseins von Leistungsattrappen 
- physisch durch die Mechanisierung der Sozialfür- 
sorge in den gängigen Einrichtungen der Wohl- 
fahrtspflege. 
Der psychologische und physische Aspekt von 
Todesverdrängung wird vertieft. Der erkenntnis- 
theoretische Aspekt wird mit dem Hinweis auf 
Max Horkheimer, Zur Kritik der instrumentellen 
Vernunft, New York, 1946. übergangen. 
"Die Lage der Person in der vom Markt definer- 
ten Ordnung sei schnell wiedererkannt, sagte er. 
Es sei die Lage der Minderheit. Wie dieser werde 
der Person nicht fehlerhaftes Verhalten vorgewor- 
fen, sondern fehlerhaftes Sein. ... Wie bei jedem 
Angehörigen der Minderheit werde dadurch die 
Oberfläche der Person ständig irritiert und ent- 
sprechend genau überwacht. Sie höre nicht mehr 
auf, sich zu waschen, gehe zu Achselstiften über, 
zu Porenreinigung, zum Tag und Nacht wirksamen 
Pflegesystem. Kleider kämen ins Benzin, würden 
mit Mitteln immer lauter gepriesener Riesenkraft 
behandelt. Und wieder wie bei jeder Minderheit 
vereitelten sich alle Versuche zur Anpassung von 
selbst. Denn je mehr sich die Person ihrem Ideal 
nähere, um so anstößiger trete der restliche Unter- 
schied doch nur hervor, während sie im gleichen 
Maß immer weiter von sich selbst entfremde. Sie 
bekomme das Gefühl, als gehöre sie nirgendwo mehr 
hin, als habe sie keinen Ort, keine Sicherheit, und 
in der Tat sei es abzusehen, wann sie überflüssig 
und nicht mehr benötigt sei, wann sie eingespart 
werden und ins Ghetto könne, das in der Vorstadt 
schon längst bereitsteht. ' (5) 
"Sauber ist schön und gut ... Schmutzig ist 
häßlich und anderswo. '' (6) 
Die Texte von Enzensberger bedürfen keiner 
Interpretation. 
Die Leistungsattrappe '"Sauberkeit'' ist umfassend 
und zur kommerzialisierten Menschlichkeit geworden. 
4 
Das durchgehende Prinzip, Bedürfnisbefriedigung 
als Warenumsatz zu propagieren und die Individu- 
ation als eine sich an konsummaximierenden Ideal- 
typen entwickelnde zu inserieren,ist nicht nur per- 
vers angesichts der Lebensproblematik alter Men- 
schen. 
ARCH+3 (1970) H. 10
	        

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