Volltext : ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1970, Jg. 3, H. 9-11)

Horst Rittel

ZUKUNFTSORIENTIERTE RAUMORDNUNG

[. Die Einsicht, daß es so nicht weitergeht.

Seit einigen Jahren bedarf es keines warnenden Propheten
 mehr, um die Einsicht zu verbreiten, daß die Umweltnische,
 in der die Spezies Homo sapiens angesiedelt
 ist, also jene Kugelschale von einigen Kilometern
 Dicke und circa 6400 Kilometern Radius -,
weder unermeßlich geräumig, noch unerschütterlich
stabil gegen die Auswirkungen menschlichen Treibens
ist, noch daß ihre Ressourcen weise genutzt und gerecht
 verteilt werden. Dies ist einer Fülle beunruhigender
 Erscheinungen zu verdanken wie z. B.
immer häufigeren Fällen überkritischer Luft- und
Gewässerverseuchung,
chronischen Hungersnöten bei gleichzeitigen
landwirtschaftlichen Anbaubeschränkungen und
"Butterbergen'' in anderen Weltteilen,
Verelendung, Zerfall und Verstopfung in den
Städten trotz aller Sanierungsmaßnahmen,
Mieten, Land- und Baupreisen, die schneller
steigen als die Inflationsrate,
der Verknappung selbst so "gewöhnlicher '
Ressourcen wie Trinkwasser in städtischen
Ballungen.

Die zunehmende Umweltbewußtheit kommt in der
Tagespresse, in zahlreichen Kongressen und wissenschaftlichen
 Veröffentlichungen, aber auch in den
programmatischen Reden der Politiker zum Ausdruck.
Sie bleibt nicht auf die vielerorts kritischen lokalen
oder regionalen Probleme beschränkt: man hat gelernt
auch globale Fernwirkungen zu erkennen - wie etwa
der Anreicherung von CO, in der Atmosphäre oder
der weltweiten Ausbreitung und selektiven Akkumulation
 von Insektiziden. Es ist klar geworden, daß es
keines nuklearen Krieges bedarf, um die Erde unbewohnbar
 zu machen 1

Gleichzeitig schwindet das Vertrauen in traditionelle
Regelungspraktiken. Laissez-faire und freie Marktwirtschaft
 sind keine Mechanismen, welche erträgliche
 Zustände gewährleisten: viele der manifesten
oder drohenden Katastrophen sind ja gerade das Resultat
 vieler Einzelverhalten im Wettbewerb um das gute
Leben. Smog und systematische Verkehrsverstopfung
im Gefolge vorstädtischer Zersiedlung sind Beispiele
für kumulative Effekte marktartigen Verhaltens, die
niemand vorausgesehen oder gar gewollt hat, und die

ARCH+3 (1970) H. 10

fast jedem unerwünscht sind. Angesichts solcher
Phänomene propagiert kaum jemand Vertrauen in
Darwinsche natürliche Selektion, denn das Prinzip der
Auswahl des heute Tüchtigsten im Kampf ums Dasein
führt höchstwahrscheinlich zu sehr stabilen Zuständen,
welche auch die Ausrottung des Tüchtigsten oder mindestens
 seiner Nachkommen zur Folge haben. Man hat
eingesehen, daß man "anti-e&volutionär'' handeln muß.
Auch der egozentrische und beruhigende Optimismus
ist selten geworden, wonach die Ingeniosität zukünftiger
 Generationen schon mit den Umständen fertig
werden wird, welche wir ihnen hinterlassen. Man beginnt,
 sich die Köpfe der Ungeborenen zu zerbrechen,
denn die lebende Generation habe die letzte Chance,
eine erträgliche - wenn überhaupt eine - Zukunft zu
gewährleisten. Die Grundstimmung ist pessimistisch
Fast jeder ist der Meinung, "daß es so nicht weitergeht".

Es besteht weitgehende Einigkeit darüber, daß'man''
jenen. gefährlichen Entwicklungen nicht tatenlos zusehen
 dürfe, und daß es dringend der konzentrierten
Planung bedarf, um das menschliche Habitat als erträgliche
 Wohngegend und für alle ausreichende Versoıgungsgrundlage
 zu retten.
Es erhebt sich die-Frage, wie das zu bewerkstelligen
ist - vor allem , wer jene anonymen Akteure sind.

2. Raumordnung

Man ist geneigt, die Vokabel "Raumordnung'' in das
Wörterbuch des Unmenschen zu verbannen. Seine
assoziative Nähe zu "Neuordnung des Ostraumes'',
"Lebensraum'', "Volk ohne Raum'', '"Geopolitik'' ist
störend eng. Dennoch ist "Raumordnung" im Deutschen
die Bezeichnung für diejenigen Tätigkeiten geblieben,
welche die Nutzung und die Verteilung von Grund und
Boden planen und regeln. Man könnte dafür auch
"Stadt- und Regionalplanung", "Territorialplanung''
oder ähnliches sagen. Für die Beibehaltung der Vokabel
spricht ihre etymologische Offenheit, die es gestattet,
ihre Bedeutung nicht auf festländisches Terrain zu beschränken,
 sondern auch Luftraum, Ozeane und extraterrestische
 Bereiche einzubeziehen.

Fr
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.