Horst Rittel
ZUKUNFTSORIENTIERTE RAUMORDNUNG
[. Die Einsicht, daß es so nicht weitergeht.
Seit einigen Jahren bedarf es keines warnenden Propheten
mehr, um die Einsicht zu verbreiten, daß die Umweltnische,
in der die Spezies Homo sapiens angesiedelt
ist, also jene Kugelschale von einigen Kilometern
Dicke und circa 6400 Kilometern Radius -,
weder unermeßlich geräumig, noch unerschütterlich
stabil gegen die Auswirkungen menschlichen Treibens
ist, noch daß ihre Ressourcen weise genutzt und gerecht
verteilt werden. Dies ist einer Fülle beunruhigender
Erscheinungen zu verdanken wie z. B.
immer häufigeren Fällen überkritischer Luft- und
Gewässerverseuchung,
chronischen Hungersnöten bei gleichzeitigen
landwirtschaftlichen Anbaubeschränkungen und
"Butterbergen'' in anderen Weltteilen,
Verelendung, Zerfall und Verstopfung in den
Städten trotz aller Sanierungsmaßnahmen,
Mieten, Land- und Baupreisen, die schneller
steigen als die Inflationsrate,
der Verknappung selbst so "gewöhnlicher '
Ressourcen wie Trinkwasser in städtischen
Ballungen.
Die zunehmende Umweltbewußtheit kommt in der
Tagespresse, in zahlreichen Kongressen und wissenschaftlichen
Veröffentlichungen, aber auch in den
programmatischen Reden der Politiker zum Ausdruck.
Sie bleibt nicht auf die vielerorts kritischen lokalen
oder regionalen Probleme beschränkt: man hat gelernt
auch globale Fernwirkungen zu erkennen - wie etwa
der Anreicherung von CO, in der Atmosphäre oder
der weltweiten Ausbreitung und selektiven Akkumulation
von Insektiziden. Es ist klar geworden, daß es
keines nuklearen Krieges bedarf, um die Erde unbewohnbar
zu machen 1
Gleichzeitig schwindet das Vertrauen in traditionelle
Regelungspraktiken. Laissez-faire und freie Marktwirtschaft
sind keine Mechanismen, welche erträgliche
Zustände gewährleisten: viele der manifesten
oder drohenden Katastrophen sind ja gerade das Resultat
vieler Einzelverhalten im Wettbewerb um das gute
Leben. Smog und systematische Verkehrsverstopfung
im Gefolge vorstädtischer Zersiedlung sind Beispiele
für kumulative Effekte marktartigen Verhaltens, die
niemand vorausgesehen oder gar gewollt hat, und die
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fast jedem unerwünscht sind. Angesichts solcher
Phänomene propagiert kaum jemand Vertrauen in
Darwinsche natürliche Selektion, denn das Prinzip der
Auswahl des heute Tüchtigsten im Kampf ums Dasein
führt höchstwahrscheinlich zu sehr stabilen Zuständen,
welche auch die Ausrottung des Tüchtigsten oder mindestens
seiner Nachkommen zur Folge haben. Man hat
eingesehen, daß man "anti-e&volutionär'' handeln muß.
Auch der egozentrische und beruhigende Optimismus
ist selten geworden, wonach die Ingeniosität zukünftiger
Generationen schon mit den Umständen fertig
werden wird, welche wir ihnen hinterlassen. Man beginnt,
sich die Köpfe der Ungeborenen zu zerbrechen,
denn die lebende Generation habe die letzte Chance,
eine erträgliche - wenn überhaupt eine - Zukunft zu
gewährleisten. Die Grundstimmung ist pessimistisch
Fast jeder ist der Meinung, "daß es so nicht weitergeht".
Es besteht weitgehende Einigkeit darüber, daß'man''
jenen. gefährlichen Entwicklungen nicht tatenlos zusehen
dürfe, und daß es dringend der konzentrierten
Planung bedarf, um das menschliche Habitat als erträgliche
Wohngegend und für alle ausreichende Versoıgungsgrundlage
zu retten.
Es erhebt sich die-Frage, wie das zu bewerkstelligen
ist - vor allem , wer jene anonymen Akteure sind.
2. Raumordnung
Man ist geneigt, die Vokabel "Raumordnung'' in das
Wörterbuch des Unmenschen zu verbannen. Seine
assoziative Nähe zu "Neuordnung des Ostraumes'',
"Lebensraum'', "Volk ohne Raum'', '"Geopolitik'' ist
störend eng. Dennoch ist "Raumordnung" im Deutschen
die Bezeichnung für diejenigen Tätigkeiten geblieben,
welche die Nutzung und die Verteilung von Grund und
Boden planen und regeln. Man könnte dafür auch
"Stadt- und Regionalplanung", "Territorialplanung''
oder ähnliches sagen. Für die Beibehaltung der Vokabel
spricht ihre etymologische Offenheit, die es gestattet,
ihre Bedeutung nicht auf festländisches Terrain zu beschränken,
sondern auch Luftraum, Ozeane und extraterrestische
Bereiche einzubeziehen.
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