Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1970, Jg. 3, H. 9-11)

6. Argumente aufgrund von Raumordnungstheorien 
Die vorangehenden Erörterungen mögen nicht ver- 
wunderlich sein, da Trends nur beschreiben und nichts 
erklären . Man müsse die Wirkungszusammenhänge 
"hinter'' den Trends durch eine Theorie erklären. 
Um z.B. die oben angedeutete Variationsbreite der 
Besiedlungsdichten in Städten zu verstehen, brauche 
man eine Theorie, welche die Verhaltensmuster von 
Bevölkerungen, deren Motivationen, ökonomische 
und technologische Gegebenheiten und andere Variable 
kausal miteinander verknüpft, so daß aus ihr die 
empirischen Fakten folgen. 
Es fehlt nicht an solchen Theorien. Bei deren Durch - 
sicht fällt indessen auf, daß verschiedene Autoren 
nicht selten zu widersprechenden Folgerungen ge- 
langen und somit - trotz gleicher Faktenbasis und 
gleichermaßen wissenschaftlichem Vorgehen - zu 
sehr verschiedenen Vorschlägen für angemessene 
Raumordnungen gelangen. Dieses Phänomen läßt 
sich am besten demonstrieren, indem man die Schluß- 
weisen der Proponenten zweier gegensätzlicher Po- 
sitionen gegenüberstellt. A und B seien Planer, wel- 
che zur Frage der angemessenen städtischen Ballungs- 
dichte Stellung nehmen. Zunächst die Theorie von A: 
"Die hohe Bevölkerungsdichte, wie wir sie in 
den heutigen Kernstädten finden, erklärt sich aus 
der Entstehungsgeschichte dieser Städte. Städte 
wurden gegründet, 
I. als Handels- und Umschlagplätze für Güter, 
2. als Orte für zentrale Dienste (Regierung, 
Verwaltung, usw.), 
3. als Kommunikationszentren (Schule, Bibliothek 
Börse, Theater usw.), 
4. als feste Plätze für die Verteidigung. 
Später kam noch hinzu: 
5. als Standorte der Industrieproduktion und 
Wohnorte für deren Arbeitskräfte. 
Keine dieser Gründe für die Existenz von Städten 
hoher Ballungsdichte ist noch gegeben: 
Zu I. : heute gibt es ein effizientes Transportwesen 
für Menschen und Güter, so daß man nicht mehr alle 
Güter an einen Platz zu schaffen braucht, um sie 
erst auszutauschen und dann wieder zu verteilen. 
Zudem erlauben gut geregelte Praktiken der 
Qualitätsnormung und der Gütegarantierung den 
Güteraustausch ohne persönlichen Augenschein. 
Zu 2. und 3. : Telekommunikation ist ein effektives 
Substitut für Personentransport. So erspart das 
Telephon manches persönliche Zusammentreffen, 
etwa zum Zwecke der Verwaltung, des Geldver- 
kehrs, der Nachrichtenübermittlung. Wo diese 
Substitution nicht möglich oder unerwünscht ist, 
haben wir das Automobil als individuelles Trans- 
portmittel, das - gegebenenfalls im Verbund mit 
den nicht minder effektiven Ferntransportmitteln 
die Kommunikationspartner schnell und bequem 
zusammenbringt. 
Zu 4. : Die moderne Kriegstechnik legt Dezentrali- 
sierung und Entballung von Siedlungen, Ein- 
richtungen und Produktion dringend nahe. 
Zu 5. : Die Industrie ist immer weniger auf ihre 
Nähe zu Wohnballungen angewiesen. Hohe indi- 
viduelle Mobilität, öffentliche Transportnetze 
lassen weite Einzugsgebiete zu. Hinzu kommt 
AS 
der relative Bedeutungsverlust der arbeitsinten- 
siven Schwer- und Großindustrie zugunsten weit- 
gehend automatischer Leichtindustrien, die ihren 
Standort ziemlich unabhängig von Energiequellen 
oder Rohstofflagern wählen können. Das gilt noch 
stärker für die Dienstleistungsindustrie, die 
- ebenfalls wegen der Möglichkeiten der Tele- 
kommunikation und des Personentransportes - 
keineswegs örtlich konzentriert zu sein braucht 
Aus allem folgt, daß die alte, dichte Kernstadt 
absolet ist. Man sollte sie abschaffen, anstatt 
zu versuchen, sie mit Riesensummen ohne 
Erfolgs aussicht am Leben zu erhalten - nur aus 
Sentimentalität. Die Zerfallserscheinungen sind 
unerträglich geworden. Die Stadt alter Form 
(und Dichte) erstickt an den Produkten ihres 
eigenen Metabolismus. Wer sich eine vernünftige 
Behausung leisten kann, zieht in die Vorstädte. 
Zurück bleiben ungesunde Lebensbedingungen 
Armut, Verbrechen und Laster. Die angemessene 
Raumordnung ist eine lockere offene Bebauung 
niederer Dichte mit vielen lokalen Zentren. ' 
Soweit A’s Argument. Selbstverständlich belegt er alle 
seine Behauptungen mit Daten, Korrelationen, Trends 
und dergl. 
B’s Argument lautet etwa: 
"Mögen auch die ursprünglichen Motive für 
Stadtgründungen und die Entwicklung städtischer 
Ballungen nicht mehr gegeben sein, so sind 
die Städte doch vorhanden, und die meisten 
Kulturen sind auf sie eingerichtet. Daß in vielen 
Gegenden die Städte zerfallen, hat verschiedene 
Gründe. In westlichen Ländern liegt es an einer 
jahrzehntelangen Zersiedlungspolitik, beruhend 
auf einer törichten Eigentums- und Nachbar- 
schaftsidelogie, die längst keiner mehr glaubt. 
Augenfälligste und lästigste Folge ist ein unge- 
heuer kostspieliger Verkehrsaufwand mit Folge- 
erscheinungen wie Luftverschmutzung usw. . 
Beschleunigende Ursache der Krise ist die Tat- 
sache, daß diejenigen, welche die städtischen 
Einrichtungen (Straßen, Polizei, Verkehrsmittel 
kulturelle Einrichtungen) täglich benutzen, nicht 
dafür bezahlen, denn sie sind ja sonstwo an- 
sässig und steuerpflichtig. Folglich verarmen 
die Städte, was noch durch die Tatsache verstärkt 
wird, daß die Abwanderung der Mittelklasse 
einen überproportionalen Anteil an Minderbe- 
mittelten zurückläßt. 
Wichtiger noch ist, daß nur hochkonzentrierte 
Kernstädte Lebensstile und Opportunitäten er- 
möglichen, welche in dünnbesiedelten, suburba- 
nen Gegenden nicht möglich sind. Nicht alle 
Kommunikation ist durch Telekommunikation 
zu ersetzen. Vor allem die zufällige Begegnung 
wird nur bei zentralstädtischer Dichte zum wahr- 
scheinlichen Ereignis. In Suburbia trifft man 
nur Leute, die man schon kennt - zumal man 
sich schon über mittlere Entfernungen eines 
allseitig geschlossenen, privaten Gefährtes 
bedienen muß. Es gibt jedoch gute Gründe für 
die Hypothese, daß offene und reiche Kontakt- 
möglichkeiten nicht nur eine Voraussetzung für 
das sind. was man als "Kultur" bezeichnet, 
ARCH+3 (1970) H. 10
	        

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