Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1970, Jg. 3, H. 9-11)

Deshalb gibt es keine wissenschaftlich begründete 
Raumordnung. Es fehlen die Kriterien und Konventio- 
nen der Erfahrungswissenschaften, welche "objektiv'' 
zu entscheiden erlauben, welche von zwei Theorien 
besser ist, wobei es (fast) nichts ausmacht, wer den 
Test ausführt, (das muß indessen nicht heißen, daß 
der Planer nicht häufig wissenschaftliche Methoden 
anwenden soll). 
Das "Sollbild'' des jeweiligen Planers lenkt jeden 
seiner Schritte. In der gegenwärtigen Praxis des 
Planens wird nicht einmal verlangt, daß dieses 
Sollbild transparent und explizit gemacht wird. 
Nicht selten ist es hinter einem Objektivitätsanspruch 
verborgen, mit dem, gewissermaßen ex cathedra, 
Planungsideen, '"Lösungen'' und Strategien mit dem 
Anspruch nüchterner Richtigkeit verkündet werden. 
Häufig wird sogar der Verdacht, daß ein solcher 
Vorschlag von "subjektiven" sozialpolitischen Soll- 
vorstellungen beeinflußt sein könnte, unter Be- 
rufung auf "technische Notwendigkeiten" und "Sach- 
zwänge'' (s.o.) entrüstet bestritten. Allerwegen 
hört man Aussagen wie "Die optimale Stadt der 
Zukunft wird 70 000 Einwohner haben," Derartige 
Behauptungen verdienen Skepsis: was meint '"wird''? 
für wen optimal? wer hat die Vorteile, wer die Nach- 
teile? wo ist der Nachweis, daß es keine bessere 
Lösung gibt? wer ist es, der die Behauptung ver- 
tritt? 
8. Weitere Argumentationstypen 
Es werden noch andere Typen der Argumentation 
für die Ableitung von Implikationen für die Raum- 
ordnung benutzt. Um nur einige anzudeuten: 
Das Argument von den technologischen Leistungs- 
grenzen, z.B. daß wegen der technologischen 
Konstruktionen der Verkehrs-, Versorgungs- 
und Entsorgungssysteme eine Ballung nicht mehr 
als N Einwohner und einen Radius von R km 
haben kann. Offenbar geht diese Schlußweise von 
der Annahme aus, daß die betrachteten Techno- 
logien nicht von anderen abgelöst werden. 
Das Argument vom Zwangslauf technischer Evo- 
lution, z.B. daß im Jahre 1980 quasi aufgrund 
einer "inneren Logik'' der technologischen Ent- 
wicklung, elektrisch betriebene Automobile die 
Verbrennungsmaschinen verdrängt haben werden. 
Hier besteht die (oft unausgesprochene) Annahme, 
daß technologische Möglichkeiten "letzten Endes'' 
politische Unterstützung und Investitionsmittel für 
ihre Realisierung finden werden, sowie das Ver- 
trauen in den Genius der Erfinder, die schon 
rechtzeitig die rechten Erfindungen machen wer- 
den. 
Das Argument von den objektiv bestimmbaren 
Minimalbedürfnissen des Menschen, deren welt- 
weite Erfüllung und Garantierung wichtigstes und 
vielleicht einziges Ziel aller Planung sei. Leider 
gibt es kaum solche Standards, und zudem hängen 
sie vom Sollbild ihrer Verfasser ab. Zudem spielt 
sich die meiste Planung nicht an den kritischen 
Grenzen psycho-physiologischer Existenz ab. 
70) 
Das Argument, wonach Planung ihre Ausrichtung 
durch eine soziale Wohlfahrtsfunktion erhält 
(social welfare function), die ein Maß für das 
aggregierte Gemeinwohl darstellt, und die es zu 
optimieren gilt. Abgesehen von den vielen metho- 
dologischen Schwierigkeiten der Aggregation indi- 
vidueller Nutzenmaße: die Aufstellung einer solchen 
Funktion ist nicht wissenschaftlich objektiv mög- 
lich, sondern setzt ein sozialpolitisches Sollbild 
voraus (welches allerdings nicht einfach aus dem 
Skonomischen Diskurs erschlossen werden kann). 
Alle diese Ansätze können nützliche Hilfsmittel für die 
Strukturierung von Planungsproblemen sein. Sie 
werden jedoch überstrapaziert, wenn man auf ihnen 
eine logische, empirisch-wissenschaftliche oder 
sonstwie objektive Notwendigkeit für bestimmte 
Raumordnungen begründen will. 
9. Die Expertise zum Planen 
Diese Erörterungen zeigen, daß jede Planungsent- 
scheidung, jeder Schritt des Planungsprozesses auf 
mindestens einer Prämisse beruht, welche nicht 
wissenschaftlich begründbar ist. Um zu einer Hand- 
lungsempfehlung zu gelangen, ist mindestens eine 
"deontische'' Prämisse notwendig, welche konstatiert 
was der Fall werden soll. 
Folglich gibt es keine professionelle Expertise über 
die Raumordnung der Zukunft. Die Raumordnung 
ist "beliebig" im Sinne des Logikers, d.h. sie läßt 
sich nicht erschließen. Fakten und wissenschaftlich 
gesicherte Befunde mögen zwar Argumentations- 
material für den Ausbau von Positionen bieten, rei- 
chen aber nicht zu, um aus ihnen einen Plan abzu- 
leiten. 
Die Situation des Planers ist grundsätzlich ver- 
schieden von der des Chemikers oder auch der des 
Arztes, für die in jedem speziellen Fall halbwegs 
klar ist, was "gesollt werden soll" (obwohl auch 
in diesen Metiers immer häufiger Fälle auftreten, 
wo das nicht so ist). Ohne Übertreibung kann man 
postulieren, daß es 
- die "offenen'' deontischen Prämissen und 
die Wahlfreiheit unter den gesicherter Fakten 
und den Theorien sind, welche das Planen 
schwierig machen. 
In dieser Situation hat man die Wahl zwischen ver- 
schiedenen Standpunkten: 
Man betrachtet den professionellen Planer als 
Experten auch für die Frage, wie die Welt - 
etwa ihre räumliche Gliederung - beschaffen sein 
sollte. Man vertraut seinem Urteilsvermögen 
und Sachverständnis. Soll er nur Pläne auf der 
Basis seiner eigenen Sollvorstellungen vorschla- 
gen; Politiker und Öffentlichkeit werden sie dann 
schon kritisch diskutieren und über sie entschei- 
den. 
"Es wird angenommen, daß der Planer von seinem 
Auftraggeber mit hinreichenden Soll-Anweisungen 
versehen werden kann, so daß er aus ihnen, unter 
Hinzunahme seiner fachlichen Expertise. einen 
ARCH+3 (1970) H. 10
	        

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