Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1970, Jg. 3, H. 9-11)

Max Bense 
SYSTEMTHEORETISCHE ERWEITERUNGEN DES 
ZEICHENBEGRIFFS 
Der abstrakt entwickelte Zeichenbegriff der moder- 
nen Semiotik, die auf Ch.S. Peirce zurückgeht, 
führt das Zeichen thetisch als eine Relation zwi- 
schen einem Mittel (M), seinem Objektbezug (O0) 
und dem Interpretanten (I) ein. Diesem relations- 
theoretischen Zeichenbegriff 
Z. = R (M, O, I) 
entsprechen indessen noch einige anders konzipier- 
te Zeichenbegriffe, die man als systemtheoretische 
(Z) zusammenfassen kann; sie sind selbstverständ- 
lich auch abstrakt fixierbar, lassen aber doch 
deutlicher als der relationstheoretische Zeichen- 
begriff das Zeichen in seinem Gebrauch erkennen, 
heben also seinen praxeologischen (T. Kotarbinski) 
und kybernetischen ıN. Wiener) Charakter als 
"Pragmatem'' hervor, wenn wir darunter die klein- 
ste Praxis - bzw. Werkzeugeinheit verstehen. 
Der einfachste systemtheoretische Zeichenbegriff 
wird evident, wenn man das ''System'' (im Sinne 
des "relativ isolierten Systems “ der polnischen 
Schule der Lange, Greniewski und Kempisty) als 
"Situation" (der äusseren oder auch inneren Welt) 
deutet, die relativ zu einer '"Umwelt'' definiert 
werden kann und veränderlich ist. 
Der Begriff des Zeichens kann nun auf den Begriff 
der Situation bezogen werden, indem man davon 
ausgeht, dass innerhalb einer gewissen ‚etwa hu- 
manen und urbanen) Umwelt die Zeichen siuations - 
differenzierend, d.h. aber situationsverändernd, 
situationsbestimmend und situationsvermitt elnd 
wirksam sind. Bezogen auf Situationen, gen auer 
auf Situationssysteme (von human, Sozial, Öökono- 
misch, urban, strategisch, ästhetisch usw. be- 
stimmten Ereignissen, Sachverhalten oder auch Ent- 
scheidungen und deren Relationen), kann man unter 
diesem Gesichtspunkt von Zeichen als situations- 
realisierenden, situationsformierenden und situa- 
tionswirksamen Mitteln sprechen. Wir führen daher 
analog zur systemtheoretischen Begriffsbildung für 
Situationssysteme die Ausdrücke Situationsrealisator, 
Situationsrezeptor, Situationstransformator und 
Situationseffektor ein. Durch diese Ausdrücke wer- 
den jeweils bestimmte Funktionen der Zeichen 
relativ zu Situationen hervorgehoben. Der situations- 
theoretische Zeichenbegriff ist daher als eine.tria- 
dische Relation 
Z = R (Z, Sit, Sit‘) 
Ss o V 
fixierbar, darin Z das wirksame Zeichen, Sit die 
Anfangssituation und Sit die (nachfolgende) ver- 
änderte Situation bezeichnet. 
Innerhalb dieser semiotischen Situationsrelation 
fungiert daher das (daher voranstehende) Zeichen 
Z als Operator, d.h. als überhaupt situationswirk- 
sames Zeichen, Es kann Realisator, Transformator, 
Rezeptor und Effektor sein. Die Tatsache, dass eine 
bestimmte Situation (z.B. die in einer Richtung auf 
der Autobahn fahrenden Autos) durch ein bestimmtes 
Zeichen (in diesem Falle durch den Index der Fahrt- 
richtung, Richtungsweiser) gegeben ist, kann durch 
Z. = R (Z, Sit) fixiert werden. In diesem Falle ist 
Z Operator im Sinne der Realisation einer bestimm- 
ten Situation, also semiotischer Situationsrealisator. 
Das klassische Beispiel eines situationsverändernden 
Zeichens, also eines semiotischen Situati onstrans- 
formators stammt ebenfalls aus dem Verkehrswesen. 
Das Zeichen "Rot" trennt die beiden Situationen 
"Fahren" und "Stehen" voneinander. Es vermittelt 
"Fahren' zu "Stehen; Fahren ist die Situation S 
und Stehen ist die Situation S _. "Rot" bewirkt di8 
Veränderung der ursprünglichen Situation und de- 
terminiert die neue, veränderte Situation. Hier gilt 
also die volle situationstheoretische Beziehung 
Z =R(Z, Sit, Sit ). In dieser Z_-Relation ist Z 
fi ei 0 Yy Ss 
als ein Transförmationsoperator zu verstehen, der 
vom Standpunkt der Z_-Relation aus als ein pures 
Symbol wirksam ist, denn dass das Zeichen "Rot'' 
für "Stehen" gilt, ist eine rein symbolische Zeichen- 
konvention; es würde sich nichts ändern, wenn man 
innerhalb der verkehrstechnischen Konventionen 
"Lila oder "Weiss" für "Stehen'' setzen würde. Nun 
kann man zweifellos '"Fahren' und "Stehen" als 
unverträgliche oder, wie wir sagen wollen, inkom- 
patible Situationen auffassen. Daraus wäre dann 
zu schliessen, dass inkompatible Situationen semio- 
tisch durch Symbole differenziert bzw. vermittelt 
werden, hingegen können zwei urbane Situations- 
ARCH+3 (1970) H. 10
	        

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