Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1970, Jg. 3, H. 9-11)

Georg R. Kiefer 
FÜR EINE POLITISCHE ZEICHENTHEOQRIE 
Eine der Schwierigkeiten, die Zeichentheorie zu ver- 
stehen, besteht darin, daß sie nur sehr vage be- 
schreibt oder definiert, welches Erkenntnisgebiet sie 
thematisiert oder treffender, was alles unter einem 
"Zeichen" zu verstehen ist. Das Problem von"Bezeich- 
nung"und "Bezeichnetem" ist in ihr selbst noch nicht 
gelöst. Wird das analytische Interesse auf verbale 
Sprache reduziert, werden wichtige Kommunikations- 
systeme außer acht gelassen. Beschränkt sich die 
Analyse auf Konfigurationen, gehen die historischen 
Implikationen häufig verloren, was aber eine Kommu- 
nikation präzisierende, folglich gesellschaftsbezogene 
Theorie (als "reine Theorie") widerspruchsvoll macht. 
Zitate: 
"Sämtliche, dem Menschen über die Sinnesorgane 
mittelbar ‚oder unmittelbar zugänglichen Signale, kön- 
nen Träger vereinbarter Zeichen sein." (Meyer- 
Eppler) 
"Sprache, im umfassenden semiotischen Sinn des Be- 
griffs, ist jeder intersubjektive Set von Zeichenträ- 
gern, deren Gebrauch durch syntaktische, semantische 
und pragmatische Regeln bestimmt wird." 
(Ch. Morris) 
"Das Seiende selbst wird im Zeichen variabel gelassen, 
wir haben also den Übergang vom Sein zur Seins- 
funktion: das Zeichen funktioniert wie ein Gegenstand, 
es ist ein "Quasigegenstand." (R. Carnap) 
Ähnlich formuliert M. Bense: 
"Was zum Zeichen erklärt wird, ist selbst kein Ob- 
jekt mehr, sondern Zuordnung (zu etwas, was ein 
Objekt sein kann), gewissermaßen "Metaobjekt." 
Ohne uns mit diesen Zitaten eingehend zu beschäfti- 
gen, sollen einige Thesen vorgetragen werden, die 
möglicherweise aus dem Dilemma des Selbstverständnis- 
ses der Zeichentheorie herausführen. 
Thesen: 
1. Vereinfachend und klärend soll aus den Zitaten zu- 
sammengefaßt werden: Kommunikation wird möglich 
mittels Zeichen. Jeder Gegenstand kann die Funk- 
tion eines Zeichens haben, sofern er einer 
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intersubjektiven Vereinbarung, einer Abmachung oder 
Konvention unterworfen wurde. Die Wirksamkeit der 
Zeichen setzt sich zusammen aus ihrer syntaktischen 
(gesetzmäßigen) , semantischen (bedeutend/bezeichnend) 
und pragmatischen (sinnvollen) Dimension. 
Ein Signal wird durch energetische und/oder materiale 
Charakteristika gekennzeichnet. Ein Zeichen bestimmt 
sich darüber hinaus durch den informationellen Inhalt 
des "Gegenstandes". (Die Worte"Quasigegenstand" und 
"Metaobjekt" sind irreführend, da sie Losgelöstheit 
vom Gegenstand suggerieren können. Dem ist entge- 
genzuhalten: Zwar kann ein Zeichen auf verschieden- 
ste Weise materialisiert werden, es ist jedoch ohne 
Materialisation nicht darstellbar und damit auch nicht 
kommunikativ. Der Schritt zur "Metaphysik" ist hier 
nicht mehr groß.) 
2. Wird These 1 akzeptiert, so trifft die Bezeichnung 
"Zeichen" zumindest auf alle Gegenstände der 
"künstlichen Welt" zu, die Kommunikationsfunktion 
haben. "Künstliche Welt" ist die Welt des Gemach- 
ten im Gegensatz zum Vorgefundenen (z.B. Signal). 
Der Mensch verwirklicht sich in seiner Tätigkeit. Die 
Produkte dieser Tätigkeit sind seine Form der Mittei- 
lung, die für andere oder für ihn selbst wirksam wer- 
den. Kommunikation findet statt, wenn diese produ- 
zierten Gegenstände gebraucht und verändert werden, 
eine "Antwort" entwickelt wird. 
Neben der verbalen Sprache bestehen emotionale, 
haptische (gestische), visuelle und andere Sprachen, 
d.h. aus dem gesamten Bereich der "gesteuerten Um- 
welt", deren Gegenstände Informationsträger sind. 
Der Ansatz von M. Bense und Ch. Morris, den Zei- 
chencharakter über das Verbale hinaus an Kunstwerken 
nachzuweisen, muß konsequent auf alle "Informations- 
träger des Alltags" erweitert werden. Erst dadurch 
wird der kritische Inhalt der Zeichentheorie, werden 
die materiellen Hindernisse der "Realisationen" deut- 
lich, die die Semiotik zu analysieren versucht. 
(Sprechen und Schreiben kostet wenig. Die hierzu 
nötigen Produktionsmittel sind glücklicherweise jedem 
= wenigstens formal - angeborene Fähigkeiten. Bei 
ARCH+3 (1970) H. 10
	        

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