Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1970, Jg. 3, H. 9-11)

Differenzierung der Aussagen stattfinden bis hin zu den 
persönlichen Arbeitsaspekten, unter denen die einzelnen 
Teilnehmer arbeiten. 
Ein Dossier über diesen Prozeß, der von jedem einzelnen 
Gruppenmitglied gut dokumentiert werden sollte, ist eine 
ausgezeichnete Arbeitsunterlage für die Gruppe und ihre 
Teilnehmer und &ine wichtige Voraussetzung für ihre 
sinnvolle Beratung. Außerdem ermöglichen erst Aussagen 
auf dieser Konkretheitsebene eine valide Fortschreibung 
der Erfahrungen mit Arbeit in Gruppen. 
Der Sinn der beschriebenen Differenzierung für die Grup- 
penarbeit liegt darin, daß die Gruppenmitglieder ihre 
Entscheidungen immer konkreter treffen und also ihre 
Stellung in der Projektarbeit immer besser bestimmen 
können: Sie wissen immer genauer, "warum" sie "was" 
tun. 
4.23 Wechselbeziehungen: Individuelle Motivation - 
Selbstorganisation, Arbeitsteiligkeit, Interdisziplinarität, 
Projektbezug 
Im folgenden soll untersucht werden, wie im einzelnen 
Aussagen zu individuellen Qualifikationsinteressen (in- 
dividuellen Motivationen) unter den Bedingungen einer 
projektbezogenen, arbeitsteilig/interdisziplinären, selbst- 
organisierten Arbeit in Gruppen gewonnen werden kön- 
nen. 
1. Der Projektbezug der Gruppenarbeit hat dann den 
Sinn, der ungerichteten Motivationssuche einen Konkre- 
tisationsbereich gegenüberzustellen, an dem eine Diffe- 
renzierung der Aussagen zur Motivation stattfinden kann 
Am Projekt wird überprüfbar, welche Qualifikationsan- 
sprüche sinnvoll sind und wo unökonomische Überquali- 
fikation Arbeitskapazität verschleißt. Die Arbeit an ei- 
nem Projekt erfordert Aussagen über die Arbeitskapazität 
der Gruppenmitglieder. Sie impliziert damit eine Ein- 
schätzung der Fähigkeiten der Teilnehmer, dabei kann 
die Gruppe als ein Korrektiv fungieren, um Flausen und 
Insuffizienzgefühle abzubauen. Die Distanz der Motiva- 
tionsdebatte zu praktischen, realitätshaltigen Aussagen 
kann spürbar und überprüfbar gemacht werden. 
2. Das arbeitsteilige Vorgehen der Gruppe erlaubt es 
jedem einzelnen Gruppenmitglied, einen Arbeitsaspekt 
zu formulieren, der seiner persönlichen Motivation an- 
gemessen ist. Es macht eine Spezialisierung der qualifi- 
zierenden Tätigkeiten möglich, damit konkretere Erfah- 
rungen bei der Arbeit, damit bessere Reflexion und kon- 
kretere Aussagen zu den fachlichen Qualifikationszielen 
und schließlich werden schneller konkretere Fragen zu 
den Bedingungen des Berufs und der Berufspraxis möglich: 
Fehlentscheidungen werden früher und präziser korrigier- 
bar. 
3. Interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Gruppe als 
Gegengewicht zur Arbeitsteiligkeit verschafft den Grup- 
penmitgliedern die Möglichkeit, trotz Spezialisierung 
(individuell) den Überblick über einen größeren Problem- 
und Sachbereich zu behalten. Es ist dabei während der 
Arbeit möglich, fundiert vorher unbekannte Bereiche in 
den Vorgang der Motivationsdifferenzierung aufzuneh- 
men. Es können neue Qualifikationsinteressen entstehen. 
Ein Wechsel ist weniger riskant. Die Möglichkeit, in ei- 
nem größeren Problembereich Qualifikationsziele zu dis- 
ponieren, bleibt aber auch dann ein Vorteil, wenn kein 
Wechsel beabsichtigt ist: Eine fachbornierte Ausbildung 
veraltet schnell. 
4. Selbstorganisation der Gruppenarbeit trainiert die 
Fähigkeit, Qualifizierung zu organisieren, sie ist also 
eine Hilfe für Weiterqualifikation. Damit wird die Revi- 
sion von Entscheidungen für ein bestimmtes Qualifika- 
tionsinteresse und -ziel erleichtert. Bei einem Wechsel 
nimmt man die Fähigkeiten mit, sich zu qualifizieren. 
Die mit der Selbstorganisation verbundene Aufforderung 
zu jedem allgemein geäußerten Interesse auch die ange- 
messenen Schritte der Interessenrealisation anzugehen, 
fördert die Entscheidungsfähigkeit in bezug auf realisier- 
bare oder nicht zu realisierende Ziele. 
Projektbezug, Arbeitsteiligkeit, Interdisziplinarität und 
Selbstorganisation in der Gruppenarbeit erhöhen also 
(in dem Ausmaß, in dem sie praktiziert werden) die Ent- 
scheidungssicherheit und -mobilität der Gruppenmitglie- 
der auf der Seite der individuellen Arbeitsaspekte. Qua 
Kenntnissen, Fähigkeiten und engerem Sozialisations- 
bereich wird für die Sicherung der Existenz die Größen- 
ordnung sinnvoller individueller Selbstverwirklichungs- 
ansprüche vermittelbar, aber auch die Abhängigkeit, 
in denen solche Ansprüche stehen, und die Grenzen, 
in denen sie allenfalls individuell einlösbar sind und wo 
sie nur kollektiv eingelöst werden können. 
4.24 Fehleinschätzungen des Stellenwerts der Beschäfti- 
gung mit individueller Motivation 
Die Arbeit in Gruppen konfrontiert die Gruppenmitglie- 
der mit Situationen und Ansprüchen, zu denen sie in der 
Regel wenig Vorerfahrungen aus ihrer Sozialisation ha- 
ben. Auch "normale" Teilnehmer an Gruppenarbeit sind 
mehr oder weniger starken Kommunikations- und Arbeits- 
störungen unterworfen, die oft als "Faulheit" verharmlost 
werden und mit entsprechender "Disziplinierung" über- 
wunden werden sollen oder antiautoritär überhöht in 
Verweigerungsstrategien münden. Die Ursachen für diese 
Störungen seien hier charakterisiert als durch persönli- 
cher Erfahrungen verinnerlichte gesellschaftliche Reali- 
täten. Sie im einzelnen zu untersuchen, ist nicht Auf- 
gabe dieser Arbeit, soweit nicht Gruppenarbeit unmittel- 
bar betroffen ist. 
Gruppenarbeit, die aufbaut auf den konkreten Aussage- 
fähigkeiten der Gruppenmitglieder, kann von Fehlein- 
schätzungen behindert werden, die an konkreten Inhalten 
und Verhaltensweisen im Verlauf der Gruppenarbeit ver- 
mittelt werden müssen. Im folgenden sollen einige Situa- 
tionen und die damit verbundenen Verhaltensweisen ge- 
schildert werden, die sich in der Stuttgarter Praxis der 
Gruppenarbeit als hinderlich erwiesen haben. Es ist 
einmal die ungerichtete Motivationsdebatte, die bei 
besonderem Leistungsdruck in bezug auf "Emanzipation 
der Gruppe" zu dilettantischen Formen von Gruppen- 
therapieversuchen führen kann. Dann die Existenzbe- 
stätigung und -legitimation (Formallegitimation) der 
Gruppe durch ihre bloße Existenz, ohne inhaltliche 
Arbeit oder durch ausbruchhafte Anfälle von ziellosem 
Aktivismus der Gruppenmitglieder. Schließlich das 
Ausweichen auf "fachfremde" Inhalte ohne eine konkre- 
te Konzeption für die Gruppenarbeit, das oft begründet 
wird durch einen abstrakten "wissenschaftlich analyti- 
schen Anspruch" an die Architekten-/Planerausbildung . 
Keine der im folgenden geschilderten Situationen tritt 
völlig isoliert auf. Sie werden hier zur Verdeutlichung 
modellhaft dargestellt: 
1. Für die ungerichtete "Motivationsdebatte" ist charak- 
ARCH+ 3 (1970) H. 11
	        

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