Full text: ARCH+ : Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung (1970, Jg. 3, H. 9-11)

BERICHTE 
Diplomandenkollektiv 602 TUB SS 1969 
HOCHSCHULREFORM 
Wir veröffentlichen im folgenden unverändert - trotz der 
inzwischen fortgeschrittenen Entwicklung, die in der 
Tagespresse zu verfolgen ist - einen Beitrag, der ur- 
sprünglich für die Bauwelt geschrieben wurde. 
Der Artikel "Hochschulreform" sollte auf die Situation 
der Diplomanden des Sommersemesters 1969 an der Archi- 
tekturfakultät der Technischen Universität Berlin hin- 
weisen und auf das Arbeitskonzept sowie eine Reihe von 
Veröffentlichungen der im SS 1969 angefertigten Diplom- 
arbeiten, die zum Teil als Beiträge zur Ausbildungsdis- 
kussion gelten können und als Ergebnisse einer bisher an 
Architekturfakultäten nicht üblichen Arbeitsform die 
kritische Aufmerksamkeit der Interessierten auch außer- 
halb der TUB verdienen. 
Die Redaktion der Bauwelt lehnte es jedoch ab, den 
verständlicherweise nicht emotionsfreien Artikel abzu- 
drucken mit der Begründung, er sei zu "laut", zu "po- 
lemisch". Mit der Frage von seiten der Bauwelt: "Warum 
verzichten Sie nicht auf Ihr Diplom} wenn Ihnen das 
bisherige Prüfungsverfahren nicht richtig erscheint , war 
das Gespräch beendet. Diese Haltung ist häufig anzu- 
treffen und bezeichnet ein Demokratieverständnis, das 
davon ausgeht, es sei nicht Sache der direkt Betroffenen, 
sich aktiv um die Beseitigung erkannter Mißstände in der 
Geselischaft zu bemühen. 
Künstlerarchitekt, universalistischer, genialischer Ein- 
zelgänger schienen der Vergangenheit anzugehören, bis 
zum Sommersemester 1969 120 Architekturdiplomanden 
an der TU Berlin versuchten, das allgemeine Gespöttel 
über derartige historische Gestalten nicht nur verbal 
mitzubetreiben, sondern konsequent begannen, die Kon- 
zeption eines neuen Berufsbildes in die Tat umzusetzen. 
Folgerichtia beschlossen sie, so zu arbeiten wie es in 
einer Anzahl von Schriften und Artikeln, z.B. der Pla- 
nerflugschrift, als sinnvolle, neue Arbeitsform entwickelt 
worden war, nämlich in interdisziplinären Gruppen. 
Vorhergehende Versuche bei Studienarbeiten hatten nicht 
nur erste Erfahrungen, sondern Ergebnisse gebracht, die 
ein Aufgeben der Gruppenarbeit für das Diplom als völlig 
sinnlos erscheinen ließen, und weitere, bisher skeptische 
Studenten bewogen, sich dem neuen Vorgehen anzu- 
schließen. Die Professoren, offensichtlich selbst vom 
Unbehagen an ihrer Lehre, Berufs- und Ausbildungsform 
nicht gänzlich unberührt, drangen zwar auf Einhalten der 
Prüfungsformalitäten, standen aber dem Experiment nicht 
völlig ablehnend gegenüber. 
So lief eine Diplomprüfung an, von der alle Beteiligten 
hofften, daß sie tatsächlich neue Aspekte für den Archi- 
tekturberuf liefern könnte, und nicht ins allgemeine 
Lamento über die ach so desolate Situation dieses ehemals 
schönen Berufes einstimmen würde. Wie nicht anders zu 
erwarten, waren die Ergebnisse dieser Arbeit, die von 
den Gruppen in abschließenden, öffentlichen Diskussio- 
nen vorgestellt wurden, so unterschiedlich, wie es die 
ohne professoralen Druck nicht nivellierten Motivationen 
der Studenten waren. Alle Themen befaßten sich jedoch, 
wenn auch aus verschiedenen Gesichtspunkten, mit der 
Beziehung von Ausbildung zur bestehenden oder einer 
neuen Praxis. Die politische, gesellschaftskritische 
Komponente, die in einem Großteil der Arbeiten dadurch 
enthalten war, wurde nicht als Nebenprodukt, sondern 
wesentlicher Kernpunkt verstanden und machte es unmög- 
lich, Fingerübungen abzuliefern, die nach ihrer Fertig- 
stellung gerade noch für den Papierkorb taugen. Nicht 
nur begrenzte Fähigkeitsnachweise, orientiert an einem 
schwankenden oder schon zusammengebrochenen Berufs- 
bild, sondern Diskussionsbeiträge zumindest zur Reform 
des Architekturstudiums und auch Veränderung der plane: 
rischen und architektonischen Praxis waren das Ergebnis. 
Trotzdem wurden alle Arbeiten abgeschlossen, von Prü- 
fungskommissionen bewertet, man trennte sich, wie auch 
beabsichtigt, nicht immer im guten Einvernehmen, doch 
aber mit dem Eindruck, nicht nur neues Material zur 
Berufsdiskussion bekommen zu haben, sondern auch, daß 
das Diplom durchgeführt und bestanden sei. Dieser Ein- 
druck jedoch scheint trügerisch! Nicht etwa die an bis- 
herigen Arbeiten gemessenen unüblichen Inhalte, sondern 
ausschließlich formal-bürokratische Bedenken sind Stein 
des Anstoßes. Obwohl durch Fakultätsbeschluß die ord- 
nungsgemäße Durchführung der Prüfungen festgestellt 
wurde, scheinen z.B. den Professoren Pfarr und Gunkel 
die Formfehler so gravierend, daß sie für Arbeiten, die 
inzwischen in Hunderten von Exemplaren veröffentlicht 
vorliegen, die in Fachzeitschriften der Publizierung 
durchaus für Wert gehalten werden, kein. Diplom zu ver- 
geben bereit sind. 
In der Reihe der traurigen Erfahrungen gegenwärtigen 
Hochschullebens eine mehr: Hätten die Diplomanden nur 
das Gerede über Reform mitgemacht, hätten sie nicht 
ernst genommen, was da vom neuen Berufsbild gefaselt 
wird, hätten sie das atavistische Ideal des Universalge- 
nies und Einzelgängers wieder aufleben lassen, es ein- 
mal mehr praktiziert und somit den Konflikt zwischen 
den in ihm enthaltenen Ansprüchen und den Anforderun- 
gen einer sich stets verändernden Praxis aus der Hoch- 
schule in ihre eigene Person verlagert, so hätten sie 
sicher jetzt ihr Diplomzeugnis. Versucht man jedoch 
die Aufgaben der Universität ernst zu nehmen, nach 
ARCH+ 3 (1970) H. 9
	        

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