Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

entwicklung eine stärkere Entwicklung der Qualifi- 
kationsstruktur des Gesamtarbeiters (27). Die ge- 
lingende Kapitalverwertung hängt unbedingt von der 
staatlichen Bereitstellung der Arbeitskraft in der 
durch die Konkurrenz diktierten Quantität und Qua- 
lifikationsstruktur ab. 
Mit der zyklischen Erneuerung des fixen Kapitals 
eilt die Arbeitsplatzstruktur der Qualifikationsstruk- 
tur immer weiter voraus. Da der Staat unfähig ist, 
vorausschauend und nicht nur reaktiv die Ausbildung 
des Gesamtarbeiters zu planen, bleibt die qualifi- 
zierte Arbeitskraft tendentiell knapp. Die erfolg- 
reiche Kapitalverwertung erfordert deshalb als 
staatliche Vorleistung, die vorhandene knappe Ar- 
beitskraft an den Standorten zu konzentrieren, an 
denen sie von den stärksten Kapitalen gebraucht 
wird, 
Raumordnerische und städtebauliche Maßnahmen 
sind unter dieser Zielsetzung einer der Ansatz- 
punkte, um dem Kapital ein größeres Angebot an 
Arbeitskräften zu verschaffen. 
|. In den Sanierungsgebieten werden Arbeitsplätze 
vernichtet und Arbeitskräfte freigesetzt. 
2. In den Neubaugebieten wird die Frau über das 
Druckmittel hoher Mieten gezwungen, sich eben- 
falls zu verkaufen. 
Durch den Ausbau des Nahverkehrsnetzes kónnen 
die Arbeitskraftreserven der lándlichen Gebiete 
erschlossen werden. 
Durch die Erhóhung des Wohn- und Freizeitwer- 
tes versuchen die Zentren, speziell qualifizierte 
Arbeitskrüfte anzuziehen. 
1.3.1.1 Freisetzung von Arbeitskräften durch Ver- 
nichtung kleiner Betriebe in den Sanierungsgebie- 
ten 
Für Sanierungsgebiete ist typisch, daß ihre Be- 
wohner zum großen Teil Arbeiter sind. Nach einer 
Untersuchung von K. Zapf über das Sanierungsge- 
biet Berlin-Wedding sind dort von 10 Haushaltsvor- 
ständen 4 Arbeiter, 4 Rentner und einer Angestell- 
ter oder Beamter (28). Ein großer Teil der berufs- 
tätigen Bewohner arbeitet im gleichen Stadtteil, in 
dem meist sehr großen Anteil an Kleinbetrieben, 
Zwischenmeistern, Handwerksstätten oder Einzel- 
handelsunternehmen. Die Gewerbezählung 1961 
stellte für das Sanierungsgebiet Berlin-Kreuzberg 
20.000 Beschäftigte in 3.000 Betrieben fest (29). 
Viele dieser Betriebe sind Zulieferer für Großbe- 
triebe und von diesen völlig abhängig (30). Ihre 
Profitrate liegt deshalb häufig unter der durch- 
schnittlichen, obwohl einerseits die von ihren ge- 
zahlten Geschäftsraummieten und andererseits auch 
das Lohnniveau relativ niedrig sind. "Denn die Ar- 
beiter wohnen zum großen Teil in der Nähe in billi- 
gen Wohnungen und sind deshalb vielfach bereit, um 
niedrigeren Lohn zu arbeiten, da der höhere Lohn 
in einem modernen, aber weit entfernten, am Stadt- 
rand gelegenen Betrieb wieder einen Abzug durch 
lange Wegezeiten und Fahrtkosten erfährt. Mit der 
Sanierung wird diesen Kleinbetrieben die letzte 
Grundlage ihrer ohnehin abnehmenden Konkurrenz- 
ARCH- 4 (1972) H. 16 
fähigkeit entzogen.'' (31) ''Man rechnet, daß etwa 
jeder 10. Kleinhändler und Kleingewerbetreibende 
nach der Sanierung wieder in alter Weise tätig sein 
kann," (32) Den Kleinbetrieben wird ihr Kunden- 
stamm genommen, ihr Profit erlaubt ihnen nicht, 
die gestiegenen Mieten nach der Sanierung zu zah- 
len. Bei der Vergabe der Geschiftsflichen nach 
der Sanierung können sie nicht gegen finanzstarke 
Ladenketten konkurrieren. Die Folge der Vernich- 
tung der Kleinbetriebe ist die Freisetzung der bei 
ihnen beschäftigten Arbeiter und die Verwandlung 
der ehemaligen Eigentümer in Lohnarbeiter (33). 
Die Sanierung beschleunigt die Konzentration des 
Kapitals und den Absturz der bisherigen Mittelstän- 
de, kleine Industrielle, Kaufleute und Handwerker 
ins Proletariat, "teils dadurch, daB ihr kleines 
Kapital für den Betrieb der großen Industrie nicht 
ausreicht und der Konkurrenz mit den größeren 
Kapitalisten erliegt, teils dadurch, daß ihre Ge- 
schicklichkeit von neuen Produktionsweisen entwer- 
tet wird." (34) 
1.3.1.2 Gewinnung der Arbeitskraft der Frau durch 
höhere Mieten in den Neubaugebieten 
Nach dem Sozialbericht 1970 der Bundesregierung 
verdienten 1969 noch 25 % aller Arbeiter- und 10 % 
aller Angestelltenhaushalte weniger als 800 DM (35). 
Mietbelastungen im Sozialen Wohnungsbau von 
DM 250, -- pro Monat trotz Wohngeld sind häufig 
und entsprechen einer Belastung von 32 %. Im Mär- 
kischen Viertel kosten Wohnungen, zwischen 1 und 
3 2/2 Zimmern groß, 142,-- bis 485,-- DM. 40% 
der Bewohner verdienten 1970 hier weniger als 
DM 900,-- im Monat. Die Frau muß unter diesen 
Bedingungen mitverdienen, um die Miete des "'so- 
zialen Wohnungsbaus'' aufbringen zu können, Im 
Märkischen Viertel stieg deshalb der Prozentsatz 
mitarbeitender Frauen auf 40 95. 
Die wissenschaftliche Beraterkommission beim 
Senat von Berlin stellt in einem Gutachten fest, daß 
nach der Erwerbspersonenstatistik von Ende 1966 
"gut 350.000 weibliche Personen in Berlin verblei- 
ben. Angesichts der kläglichen Entwicklung der 
Wanderungsbewegung'' sieht die Kommission die 
Steigerung der Erwerbsquote (Anzahl der Berufs- 
tätigen an der Bevölkerung) als "bedeutungsvoll" 
an. Die mangelnde Ausstattung mit Kindertages- 
stätten ist aber z.B. ein Grund, daß diese '' jungen 
Mütter" nicht arbeiten kónnen, die doch "besonders 
geeignete Arbeitskräfte darstellen, weil sie sich 
von ihren unverheirateten Kolleginnen oft durch 
grüferes Berufsinteresse (!) auszeichnen." (36) 
Hier geht es darum, über die Umsetzung von 
Arbeiterfamilien aus Sanierungsgebieten in Neubau- 
gebiete eine Vergrößerung der Reservearmee ar- 
beitswilliger Frauen, also günstigere Ausbeutungs- 
möglichkeiten für das Kapital, zu schaffen. Dienach 
Zeit und Ort verfügbare Arbeitskraft ist Ziel und 
Ergebnis. Werden so Altbauwohnungen durch Neu- 
bausozialwohnungen ersetzt, die den für die Miete 
aufzubringenden Lohnanteil um 100 - 150 % erhöhen 
so bedeutet dies nicht eine Erhöhung der Reproduk- 
tionskosten der Ware Arbeitskraft, wenn die Frau 
mitarbeiten muß. "Der Wert der Arbeitskraft war 
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