Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

das oben erwähnte Regionalprogramm als Unter- 
stützung der städtebaulichen Sanierungs- und Ent- 
wicklungsmaßnahmen dienen soll (46). 
2. Die Verbesserung der Wohnattraktivität in 
jeder Beziehung: z.B. die Erhaltung eines roman- 
tischen Stadtbildes, attraktive Einkaufsmöglichkei- 
ten, der Ausbau des kulturellen und des Vergnü- 
gungsangebots, Kunsthalle, Musikhalle, Kongreß- 
halle, Ausstellungshalle, Sporthalle usw. Gut aus- 
gebaute Schul- und Hochschuleinrichtungen sind ein 
besonders wichtiges Entscheidungskriterium bei 
der Wahl des Wohnortes. Das Vorhandensein einer 
Universität steigert die Möglichkeiten der lokalen 
Kapitale, qualifizierte Arbeitskräfte zu bekommen, 
da die Erfahrung zeigt, daß ein großer Teil der 
Absolventen nach dem Studium in der gleichen Stadt 
bleibt. Hierunter fällt auch die Entwicklung und 
Erschliefung attraktiver Naherholungsmóglichkeiten. 
Regionen mit von der Natur vorgegebenen Vorteilen 
haben hier einen Vorsprung, wie z. B. München. 
Alles, was geeignet ist, Arbeitskrüfte anzuziehen, 
wird unter dem Gesichtspunkt der Konkurrenz um 
die Arbeitskrüfte zur Voraussetzung für die Kapital- 
verwertung (47). 
1.3.2 Ausbau der Städte zu leistungsfähigen 
Zentren 
Die zweite wichtige Vorleistung für das Kapital 
besteht in der Umstrukturierung der Städte und 
Ortschaften in leistungsfähige Zentren der Zirkula- 
tion. 
Wir verstehen darunter: 
a) Die Konzentrierung der Fabriken, Handelsunter- 
nehmen und verschiedensten Dienstleistungen 
an einem Ort, die durch ihre Zusammenballung 
sogenannte Fühlungsvorteile erlauben, indem sie 
die Produktion und Realisierung der Waren der- 
jenigen Kapitale erleichtern, die in ihrem Wir- 
kungskreis angelegt sind. 
b) Die funktionsgerechte, störungsfreie Anordnung 
von Produktion, Zirkulation und Realisierung 
der Waren im und um das Zentrum. 
e) Die hierarchische Struktur der zentralen Orte. 
a) Fühlungsvorteile senken den Kostpreis und 
verkürzen die Umschlagszeit des ausgelegten Kapi- 
tals. Die räumlich nachbarschaftliche Anordnung 
verschiedener Funktionen vermindert die Reibungs- 
verluste und bringt Organisationsvorteile. Die Ar- 
beitsteilung zwischen den Produzenten erhöht zwar 
einerseits die Produktivität des einzelnen, macht 
aber zugleich das Gelingenihres Wieder-Ineinander- 
greifens zu einem kritischen Punkt möglicher Kri- 
sen. Die Unternehmen sind heute auf den ständigen 
Kontakt besonders zu den Dienstleistungsunterneh- 
men angewiesen: Ein Unternehmen im Wirkungsra- 
dius der Zentren spart lange Wege und Kosten zu 
den Beratungsbüros, es kann leichter und schneller 
Reparaturdienste durchführen lassen, wodurch sich 
die Ausfallzeiten der Maschinen verringern, gute 
Beziehungen zu einer großen Bank erlauben, z.B. 
schnellere Reaktionen auf veränderte Marktsitua- 
ARCH+ 4 (1972) H. 16 
tionen, die Nachbarschaft zu Forschungsinstituten 
ermöglicht vielleicht die schnellere Ausbeute der 
Ergebnisse, für angestellte Arbeitskräfte stehen 
bessere Fortbildungsmöglichkeiten zur Verfügung 
Die Reihe der vielfältig denkbaren Fühlungsvor- 
teile ließe sich verlängern. 
Der Staat bzw. die Kommunen müssen besonders 
die Ansiedlung öffentlicher Dienstleistungen vor- 
nehmen und die Ansiedlung privater fördern, um 
die zentralörtliche Funktion des Zentrums zu ver- 
größern: Zu den öffentlichen Dienstleistungen zäh- 
len z.B. Behörden und Verwaltungseinrichtungen, 
staatliche und halbstaatliche Organisationen, 
Bibliotheken, Forschungseinrichtungen. Unter die 
privaten Dienstleistungen fallen z.B. die Büros von 
Rechtsanwälten, Steuerberatern, Werbefachleuten, 
Verkaufsorganisationen, Unternehmensberatern, 
Ingenieuren usw.; Handelsunternehmen wie Import- 
Export-Firmen, Groß- bis Kleinhandel, Ausliefe- 
rungslager; Banken und Versicherungen; Handwer- 
ker aller Berufe, Die Aufzählung enthält sowohl 
Dienste, die vom Kapital selbst übernommen wer- 
den können (Handelskapital) als auch solche Dienste. 
die, ihrer Bestimmung nach unproduktiv, von ei- 
nem Einzelkapitalisten gegen Geld verkauft werden 
(Beratungsbüros), als auch solche Dienste, die vom 
Staat übernommen werden müssen, da sie unprofita- 
bel sind (Verwaltung) (48). Vom Standpunkt des 
Kapitals ist die Anwesenheit dieser Dienste und die 
Möglichkeit, sie in Anspruch zu nehmen, entschei- 
dend. 
b) Die aufgezeichneten ökonomischen Interessen 
des Kapitals an der Raumordnungs- und Städtebau- 
politik schlagen sich in bestimmten, sich in ihren 
Grundstrukturen immer wieder ähnelnden Grund- 
rissen und Plänen der Städte nieder, Daß die städti 
schen Strukturen Ausdruck der ökonomischen Be- 
dingungen sind, ist nicht das Neue der heutigen 
Situation; geändert haben sich, als Folge unverän- 
derter Interessen des Kapitals, die erforderlichen 
städtischen Funktionen, ihre Organisation inner- 
halb des Stadtgefüges und das Erscheinungsbild der 
Städte. 
Das Kapital fordert die günstigsten Standorte: Die 
Fabriken am Rande der Stadt, verkehrsgünstig für 
den Arbeitskräfte- und Warentransport. Banken, 
Versicherungen und Konzernverwaltungen verlangen 
für sich ein zentrales Viertel mit hohem Statuswert. 
Das Zentrum wird mit Einrichtungen des Handels 
und Dienstleistungssektors ausgestattet, Kaufhäuser, 
kleine Spezialläden, Büros und Praxen, Restaurants, 
Hotels und Vergnügungszentren. Um ihren regiona- 
len Einzugs- und Versorgungsbereich zu vergrößern, 
werden sie an bestimmten Straßen zusammengefaßt. 
Z.T. werden die Einkaufsstraßen zu Fußgänger- 
bereichen erklärt, die allerdings nie weiter als 5 
Minuten vom Autoparkplatz entfernt liegen sollen 
(49). Die Innenstädte müssen leicht erreichbar sein. 
häufig wird ein Erschließungsring um den Innen- 
stadtbereich geplant, an dem die Parkhüuser "auf- 
gehüngt" werden. Neue innerstüdtische Nahver- 
kehrsmittel werden erprobt. Industriegebiete, Ver- 
waltungszentralen, Handelszentrum und Erholungs- 
gebiete werden mit den Wohngebieten der Arbeits- 
krüfte durch breite Verkebrsbünder verbunden, die 
die Stadt in einzelne Quartiere zerschneiden. In 
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