Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

als kontinuierliche Stärkung der Macht der Arbeiter- 
klasse abzulesen - in dialektischem Zusammenhang des 
Anwachsens der industriellen Produktion und dem Er- 
starken der Diktatur des Proletariats. In den folgenden 
Jahren aber zeigt sich, daß das Anwachsen der Produk- 
tivkräfte nicht unter allen Umständen und auch nicht 
allein durch die Verstaatlichung der Industrien mit der 
Stärkung des Proletariats einhergehen muß. Der füh- 
rende Einfluß der UdSSR ist der Hauptfaktor für das 
Zurückdrängen der Macht der Arbeiterklasse zugunsten 
ökonomischer Ziele. Die DDR wird auf den Weg der 
unter Chruschtschow in der SU durchgesetzten Wirt- 
schaftsmethoden gezogen, was letztlich mit der Stärkung 
der fortbestehenden bürgerlichen Kräfte in der DDR 
einhergeht. 
Diese zunächst sehr allgemeinen Aussagen sind der 
Behandlung der strukturell-materiellen Seite des so- 
zialistischen Aufbaus vorauszuschicken, um die poli- 
tische Bedeutung der Grundfragen des materiellen Auf- 
baus im folgenden bei allen ökonomisch-technischen 
Fragen nicht aus dem Auge zu verlieren. 
A.2 Die vom Kapitalismus übernommenen strukturel- 
len Voraussetzungen 
Die ungleiche räumliche Strukturentwicklung des Mono- 
polkapitalismus hatte zur Konzentration der bedeutend- 
sten Anlagen der Schwerindustrie im Westen Deutsch- 
lands geführt. Die mitteldeutschen Industriegebiete 
Sachsen, Thüringen und der größere Teil von Sachsen- 
Anhalt waren mit dem rheinisch-westfälischen Industrie- 
gebiet vielfach verbunden. Diese relativ dezentral durch- 
industrialisierten Gebiete waren dicht besiedelt im Ge- 
gensatz zu dem agrarischen Mecklenburg und dem 
größeren Teil Brandenburgs. Die Entwicklungsunter- 
schiede der einzelnen Gebiete untereinander wie die 
Unterbrechung der ehemals starken wirtschaftlichen 
Verflechtungen des gesamtdeutschen Wirtschaftsraumes 
waren also wesentliche strukturelle Grundlagen (2). 
Bestimmend war weiterhin, 1. daß der landwirtschaft- 
liche Pro-Kopf-Ertrag auf dem Gebiet der DDR vor 
dem Krieg im wesentlichen nicht höher war als auf dem 
Gebiet der BRD und beide zunächst auf Agrarimporte 
angewiesen blieben (3), 2. daß die industriellen Schwer- 
punktgebiete, wo die Landwirtschaft immer einen be- 
achtlichen Anteil an der Produktion behielt, am Ende 
des Krieges eine relativ dezentrale Struktur - bedingt 
durch vorsorgliche Produktionsverlagerungen, Zerstö- 
rungen und Demontage - aufwiesen. 
So war mit der Gründung der DDR 1949 ein für die in- 
dustrialisierten Länder Europas untypisches Staatsge- 
bilde entstanden. Die strukturelle Gliederung 
begünstigte das Prinzip einer gleichmá- 
Bigen und komplexen Entwicklung des 
Staatsgebietes. 
Die grundlegenden Aufgaben waren 1. das Herstellen 
sinnvoller Produktionszusammenhänge durch den Auf- 
bau ergänzender Industrien, 2. die Selbstversorgung 
mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen durch Hebung 
der Produktivkräfte auf dem Lande. 
Der gleichmäßigen Entwicklung der DDR stellten sich 
aber Imponderabilien entgegen. Gleichfalls eine Erb- 
schaft des Kapitalismus - nämlich Folgen des imperia- 
10 
listischen Krieges - waren die Flüchtlingsströme der 
ländlichen Bevölkerung des Ostens von 1939-46. Sie 
ergossen sich nicht allein wegen ihrer Herkunft in die 
westlichen ländlichen Nachbargebiete: bestimmend war 
die Existenz, wenn auch beschränkten Wohnraums (der 
in den größeren Städten den Bomben zum Opfer gefal- 
len war). So nahm in den nördlichen Bezirken und in 
Thüringen die Landbevölkerung bedeutend zu, während 
die Stadtbevólkerung generell abnahm (4). Diese ca. 
4,5 Mill. Umsiedler waren zu 65 % keine Bauern. Sie 
rekrutierten sich zum großen Teil aus ländlichen Städ- 
ten und waren handwerksmüBig qualifizierte Arbeits- 
kräfte wie Instrumentenmacher, Glasschleifer oder 
Spitzenklóppler (5). Diese Dezentralisierung von Ar- 
beitskräften und -plätzen entsprach nicht der Vertei- 
Jung der infrastrukturellen Voraussetzungen - ein Ge- 
sichtspunkt, der sich im folgenden als bedeutungsschwer 
herausstellen wird. 
A.3 Der Aufbau einer nationalen Wirtschaft 
Dem wirtschaftlichen Torso fehlte vor allem eine eigene 
Grundstoffindustrie. Wegen der Unbedeutenheit der 
Bodenschätze auf dem Gebiet der DDR konnte nicht der 
Weg der nationalen Selbstversorgung eingeschlagen 
werden, was die Notwendigkeit zur austauschfähigen 
Überproduktion in den verarbeitenden Zweigen mit sich 
brachte. Die ausnutzbaren geologischen Vorkommen 
lagen in den schon bestehenden Industriegebieten, so 
daB ein Teil der kriegsbedingten Arbeitsplatzverluste 
durch den Bergbau ersetzt wurde (6). 
Die südlichen Industriebezirke verfügten über qualifi- 
zierte Arbeitskräfte - insbesondere des Maschinen- 
und Fahrzeugbaus. Während dessen konzentrierte sich 
der Anteil der nicht industriell vorgebildeten Arbeits- 
kräfte nun noch stärker im Norden. So war der Aufbau 
der nationalen Wirtschaft von Anbeginn durch den for- 
cierten Wieder- und Neuaufbau der Großindustrie in 
den südlichen Bezirken Halle, Erfurt, Suhl und Karl- 
Marx-Stadt geprägt. Die nördlichen Bezirke blieben 
bis auf Rostock und Schwerin Agrarbezirke mit relati- 
vem Bevölkerungsüberschuß. 
Die Umverteilung der Arbeitskräfte war nur mit einem 
Wohnraumbeschaffungsprogramm zu lösen, das durch 
die Konzentration aller Mittel auf die Schwerindustrie 
hintan geriet. Die Umverteilung von Arbeitsplätzen zu 
den Arbeitskräften hin hätte in dieser alle Kräfte be- 
anspruchenden ersten Aufbauphase eine zusätzliche 
Belastung gebracht: die Heranbildung der ländlichen 
Bevölkerung zu qualifizierten Arbeitern, die ihre ganze 
Kraft zum Aufbau des Sozialismus einsetzen würden. 
Dieser Schritt konnte aber nicht gewaltsam gemacht 
werden - und nicht in dem Tempo, in dem die Produk- 
tivkräfte entwickelt werden sollten. Hier liegt die 
eigentliche Notwendigkeit der Bindung an die entwickel- 
ten Teile der Arbeiterklasse begründet (7). 
Der Aufbau einer "demokratischen Friedens- 
wirtschaft" (1945-50) geschieht auf der Grundlage 
einer antifaschistisch-demokratischen Staatsordnung, 
in der konsequent die großen Monopole enteignet und 
Kleineigentumsverhältnisse auf dem Wege der Boden- 
reform auf dem Lande hergestellt werden. Ersteres ist 
die Grundlage für den Wirtschaftsplan von 1948 und 
dessen Hauptaufgaben: Aufbau der Grundstoffindustrie, 
ARCH+ 15 (1971-3)
	        

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