Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

strumentariums drängten. Die Weitergabe der für den 
Planungsablauf so wertvollen Erfahrungen der arbeiten- 
den Bevölkerung, die Initiative der Massen bedurfte 
einer Stetigkeit und Systematik, die nur durch die straf- 
fe allumfassende Organisation der SED zu bewältigen 
war (21). Die Umorganisation des gesamten Partei- 
apparats 1952 hatte allein diese politische Stärkung der 
Basis zum Ziel. Die Vervollkommnung der Planungs- 
und Leitungsmethoden war also eindeutig als politische 
Aufgabe verstanden worden, Dies ist u.E. nicht nur die 
wichtigste Grundlage für den Übergang zu umfassender 
sozialistischer Planung, sondern auch für eine ge- 
bietsbezogene und gebietsgetragene Pla- 
nung. 
Die Einführung der Territorialplanung als Bestandteil 
des NÖSPL ist dagegen ein völlig andersartiger Weg 
der Vervollkommnung der Planungs- und Leitungsmetho- 
den: der erwähnte technisch-organisatorische. besser 
technokratische Weg. 
Dabei ist weniger der Übergang vom extensiven zum 
intensiven Wirtschaftswachstum als die Orientierung 
auf besondere Ziele für diese Wendung ausschlaggebend: 
"Es geht darum, bei wichtigen strukturbestimmenden 
Erzeugnissen und Prozessen Leistungen zu vollbringen, 
die das Höchstniveau bestimmen, die die technische 
Entwicklung in der Welt vorantreiben" (22). 
"Dieser Prozeß der ständigen progressiven Veründe- 
rung... der Produktionsstruktur vollzieht sich als un- 
mittelbare Folge der stürmischen Entwicklung der wis- 
senschaftlich-technischen Erkenntnisse in allen ent- 
wickelten Industrieländern. . . das ökonomische Wachs- 
tum (wird - d.V.) zunehmend von der effektivsten Ge- 
staltung der Struktur der Volkswirtschaft und dabei 
besonders von der aktiven Wirkung dynamischer, struk- 
turbestimmender Produktionen bestimmt" (23). 
Das Besondere und Neue in den Zielen der Volkswirt- 
schaft - für die die beiden Zitate aus den Jahren 1968 
und 1970 nur Beispiel sind - ist also: 
1 intensives ökonomisches Wachstum mit prognostizier- 
tem Folgebedarf von wachstumsbeschleunigender 
strategischer Bedeutung der Auswahl der herzustel- 
lenden Produkte zugrundezulegen; (nicht eine Bedarfs- 
struktur nach dem Ziel (24), für das allein den Pla- 
nungsinstanzen von der Arbeiterklasse Vollmachten 
erteilt wurden): 
die Steigerung der Produktivkräfte als wichtigste 
Aufgabe zu sehen, die Unterschiede zwischen kapi- 
talistischem und sozialistischem Wirtschaftssystem 
dem Verbindenden - nämlich der Höhe der Produktiv- 
kräfte aller entwickelten Industrieländer - nachzu- 
ordnen; (die antagonistischen Widersprüche reduzie- 
ren sich auf methodische Fragen, wie das Wachstum 
zu beschleunigen sei: hier Profitmaximierung in den 
expansivsten Zweigen, dort planmäßige Ermittlung 
wachstumsstrategisch wirksamer Proportionen und 
materielle Anreize in der Durchführung. 
Die engen Beziehungen zwischen Wachstum und Struktur- 
entwicklung der Zweige wie deren vorteilhafte Ausnüt- 
zung für die Ziele des sozialistischen Aufbaus sollen 
keineswegs verkannt werden. Die eigentliche Problema- 
tik liegt in der Verselbständigung dieser Wachstumsstra- 
tegien zur Steigerung der Produktivkräfte schlechthin. 
ARCH+ 15 (1971-3) 
wobei - im Sinne des Wortes - "in Kauf" genommen 
wird, die Nahziele auf die Konkurrenzbedingungen des 
internationalen Marktes, die Produktionsverfahren und 
Produkte auf den Export auszurichten mit dem Hinweis: 
"Die Entwicklung der Produktionsstruktur wirkt sich 
auch direkt auf das Niveau der Bedürfnisbefriedigung 
der Mitglieder der sozialistischen Gesellschaft aus'' 
(25). 
Was heißt das nun bezüglich der territorialen Struktu- 
rierung der Volkswirtschaft? 
Die Territorialplanung muß in erster Linie als Hilfs- 
instrumentarium zur Durchsetzung dieser Ziele ver- 
standen werden. Sie ist dabei von entscheidender Wich- 
tigkeit entsprechend der Tendenz zu wachsender Agglo- 
meration von Produktion und Bevölkerung in den relativ 
kleinräumigen Industriegebieten der DDR (26). 
Die Senkung des Aufwandes an vergegenständlichter 
Arbeit und gleichzeitig an lebendiger Arbeit ist vor- 
rangiges Problem; die fast völlige Ausschöpfung der 
Arbeitskraftreserven und natürlichen Ressourcen haben 
zur Strategie des intensiven Wirtschaftswachstums 
geführt. Nach wie vor gilt die Knappheit der Investi- 
tionsmittel gemessen an den aufgestellten Zielen - daher 
die Wichtigkeit, die Effektivität der Wirtschaft auch 
nach territorialen Gesichtspunkten einzuschätzen. 
Es ergab sich, "daf die Ballungsgebiete in bezug auf 
den absoluten Umfang des produzierten Nettoprodukts 
und das produzierte Nettoprodukt je Kopf der Gesamt- 
bescháftigten die ókonomisch günstigsten territorialen 
Einheiten sind" und '"daB in den Ballungsgebieten eine 
Einheit Nettoprodukt mit einem niedrigeren Aufwand 
an Grundfonds der materiell-technischen Territorialstruk- 
tur als in anderen Gebieten produziert...wird'" (27). 
Daher war es zunächst Aufgabe der Territorialplanung, 
alle nutzbaren Reserven der städtischen Infrastruktur 
aufzudecken und vorteilhafte Nutzungskombinationen 
zu erforschen. Die vielfachen Implikationen solcher 
Kombinationsprozesse der Produktionsstruktur haben 
aber auch in den Ballungsgebieten der DDR zu unge- 
wollten wachstumshemmenden Folgeerscheinungen ge- 
führt; z. T. sicher auch auf die bislang relativ unent- 
wickelten Methoden der Standortbestimmung zurückzu- 
führen. Gerade aber die einzelbetriebliche wirtschaft- 
liche Rechnungsführung macht die Verbesserung dieser 
Methoden unerlüflich, um zu Aussagen über regionale 
Wirtschaftlichkeit, die sich dem neuen ökonomischen 
Svstem entzieht. zu kommen. 
C. 3 Gebietsbezogene Planung und die Machtbefugnisse 
der ôrtlichen Staatsorgane 
Ein Merkmal der sozialistischen Gesellschaft ist, daß 
alle gesellschaftliche Organisation und Entscheidung 
von der materiellen Basis auszugehen hat. Die materia- 
listische Weltanschauung erlaubt nur einen institutio- 
nellen Rahmen, der die Organisation der Produktion in 
Übereinstimmung mit der Organisation gesellschaftli- 
chen Lebens setzt. Das einfachste Modell ist die Identi- 
tät von Produktions- und sozialer Einheit - wie es bei 
der chinesischen Volkskommune der Fall ist. 
Bei den historischen Gegebenheiten der DDR kann 
Übereinstimmung zumindest zunächst nicht Identität 
P
	        

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