Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

M. Dohle, A. Evers, C.v. Geisten, H.U. Wegener, 
Z. Szankay 
BEDINGUNGEN UND PERSPEKTIVEN DER STADT- 
TEILARBEIT 
Anm. der Redaktion: 
Die vorliegende Arbeit stellt eine auf Anregung der 
Redaktion ARCH- leicht überarbeitete Fassung dar 
(Stand: 10.12.71). Eine frühere Fassung ist beim So- 
zialistischen Büro Offenbach erschienen. 
VORBEMERKUNG 
Gegenwärtig gibt es in der Bundesrepublik verschiede- 
ne Ansätze zur Stadtteilarbeit. Sie unterscheiden sich 
in zweierlei Hinsicht: 
Zum einen resultieren sie aus der Erkenntnis, daß trotz 
fortschreitender technologischer Entwicklung und wach- 
sendem gesellschaftlichen Reichtum soziale Schichten 
materiell und bewußtseinsmäßig deklassiert und in eine 
gesellschaftliche Randposition gezwungen sind. 
Zum anderen verfolgen sie das Ziel, die in zentralen 
Bereichen zurückgebliebenen bürgerlichen Schichten zu 
mobilisieren. Sie operieren dabei mit den Begriffen 
"Chancengleichheit, Demokratisierung und Emanzipa- 
tion". 
Beiden Ansätzen ist gemeinsam, daß sie den Reproduk- 
tionsbereich (Sozialisation, Versorgung, Wohnen, Kon- 
sum, Freizeit...) weder im theoretischen Anspruch 
noch in der politischen Agitation verlassen. Kommuni- 
kation und Mobilisierung werden erleichtert durch die 
in diesem Bereich gemeinsam erlebten Benachteiligun- 
gen. 
Dort, wo diese Modelle theoretisch fundiert sind, ver- 
suchen sie Konflikte im Reproduktionsbereich zu ver- 
mitteln an den Widersprüchen im Produktionssektor und 
können daher auch die Verschärfung dieser Konflikte in 
ihre Inhalte miteinbeziehen. 
Doch bleiben Diskussionen und Agitationen in den Gren- 
zen sozialpsychologischer, soziologischer und sozial- 
staatstheoretischer Kategorien beschränkt. 
Die Veränderung des eigenen Bewußtseins (individuelle 
Emanzipation), die Umwälzung der unteren Entscheidungs- 
ebenen (Demokratisierung der kommunalen Verwaltung) 
und die Bildung von Kadern aus den Randgruppen, diese 
Veränderungen betreffen den Überbau: das Bewußtsein, 
das Recht und die Verteilung. 
Den entsprechend bürgerlich-politischen Forderungen - 
und als solche entlarvt sich z.B. die Randgruppenstra- 
tegie, wenn sie die eigene bürgerliche Sozialisation auf 
proletarische Verhältnisse projiziert - steht die "un- 
politisch" spontane Arbeiterbewegung in den Betrieben 
gegenüber. 
Hier wird an symbolischen Werksbesetzungen deutlich, 
daß Klassenbewußtsein noch wirksam ist, während dort 
im Reproduktionsbereich, der Staat als vermittelndes, 
regulierendes Instrument begriffen wird, dessen Ein- 
griffsmöglichkeiten in Konfliktsituationen bestimmt 
werden durch die Partizipation bisher sprachloser 
Gruppen. 
ARCH+ 15 (1971-3) 
Die Kommunistischen und (damals) Sozialdemokrati- 
schen Parteien haben ihre politische Arbeit in beiden 
Bereichen organisiert. Die Straßenzellen konnten die 
Entwicklung der Preise und die politische Unterdrückung 
relativieren und zurückführen auf die Widersprüche der 
kapitalistischen Entwicklung in den Betrieben. 
Diese auch heute notwendige Vermittlung erfordert die 
richtige Einschätzung der politischen und ökonomischen 
Prozesse im Reproduktionsbereich: die für diesen Be- 
reich relevante Entscheidungsebene lokalisieren und 
von der Produktionsseite her zu begründen, ist der 
Versuch dieser Arbeit. 
Die für diese Einschätzung entscheidenden Prozesse 
sind zwar theoretisch ableitbar; dennoch: eine anfäng- 
liche Gliederung, in der wir dies versuchten, bröckelte 
an drei Stellen auseinander. Deshalb haben wir uns auf 
vier Einzelkapitel beschränkt, deren analytischer Inhalt 
nur eine Seite der Stadtteilarbeit unterstützen kann: den 
theoretischen Ansatz. Die Praxis im Wohnbezirk, die 
Kampagnen im Reproduktionsbereich, sind die Voraus- 
setzungen zur Bildung des Klassenbewußtseins. Die 
daraus gewonnenen Erfahrungen sind regional verschie- 
den und können nicht unmittelbar verallgemeinert wer- 
den. 
Der Inhalt dieser Arbeit 1äßt sich wie folgt umreißen: 
1. Das Verhältnis von Produktions- und Reproduktions- 
bereich hat sich historisch gewandelt. Deshalb sind 
Ansätze zur Organisierung sozialistischer Arbeit in 
diesen Sektoren historisch bedingt und können heute 
als Erfahrungen nutzbar gemacht werden. 
Die politisch-ökonomische Entwicklung des Kapita- 
lismus hat heute spürbare Konsequenzen für die 
Reproduktion der Arbeitskraft und führt dort zu einer 
Umstrukturierung, die kleinbürgerlichen Schichten 
mehr und mehr miteinbezieht. 
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Disparitäten lassen sich nur verkürzt aus dem Re- 
produktionsbereich erklüren. Sie sind - wie am Bei- 
spiel der Arbeitsemigration gezeigt wird - eine 
Seite der Verwertung von Arbeitskraft. 
Es besteht die Gefahr, daß unter dem jetzigen theo- 
retischen Stand der Reflexion und praktischen Or- 
ganisation die isolierten Ansätze der Stadtteilarbeit 
entweder von reformerischen Strategien integriert 
werden oder in voluntaristischen Zirkeln, isoliert 
von der Masse, verkommen. 
Aachen, WS 1970/71 
21
	        

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