Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

3. 1918-33. Für welche Ziele kämpfte die Arbeiter- 
klasse? Welche Funktion hatte dabei das Wohngebiet? 
3.1 Nach dem Zusammenbruch des feudal-kapitalisti- 
schen preußischen Staates bildeten sich in Bayern, 
Hessen, Sachsen und Norddeutschland Räteregierungen 
gegen die Einrichtung des bürgerlich-kapitalistischen 
Staates. 
3.2 Die USPD und KPD riefen 1920 in der "Roten 
Fahne" gemeinsam zu Demonstrationen gegen das reak- 
tionäre Betriebsrütegesetz auf. Dieser Aufruf macht 
deutlich, da sich die Klassengrenzen gegeneinander 
verschoben hatten, und die Macht des Monopolkapitals 
nicht nur die Arbeiterschaft alleine unterdrückt: "Das 
Gesetz zerreiBt das Proletariat, es trennt die Ange- 
stellten wieder von den Arbeitern' (32). 
3.3 Gegen den Putschversuch der Reaktionäre Lüttwitz 
und Kapp 
Die "wirtschaftliche Entwicklung der Nachkriegszeit 
trieb die monarchistisch-militärische Gegenrevolution 
zur Aktion gegen die Republik. Das der militärischen 
Konterrevolution bluts- und seelenverwandte Agrarka- 
pital sah sich im Kampf um die Früchte der Ausbeutung 
der breiten Schichten des ländlichen und industriellen 
Proletariats gegenüber dem Industrie- und Handelskapi- 
tal stark benachteiligt. Während letzteres völlige Frei- 
heit der Ausbeutung genoß, wurde die Profitrate der 
Grundbesitzer durch die, wenn auch schon stark durch- 
löcherte Zwangswirtschaft beschnitten. In diesem Rin- 
gen zwischen dem Industrie- und Handelskapital einer- 
seits und dem Agrarkapital andererseits um den größe- 
ren Anteil an der Ausbeutungsquote wurde die ökonomi- 
sche Kraft des Agrarkapitals stark vermindert. Dieser 
Interessenkampf fand im Kapp-Putsch seine höchste 
Steigerung" (33). 
Im ganzen Deutschen Reich wurde mit Unterstützung 
der Arbeiterklasse ein (von der SPD ausgerufener) 
Generalstreik durchgeführt, der den Putschversuch 
scheitern ließ. Das Proletariat half dem Industrie- 
Kapital, sich gegen die monarchisch-militürische Reak- 
Gon erfolgreich zu wehren; weil es aber seine eigene 
Revolution nicht fortzusetzen vermochte, wurde es - vor 
allem im Ruhrgebiet - besiegt und stárker unterdrückt 
als zuvor. 
3.4 Zum Hamburger Aufstand 
Die Invasion Frankreichs in das Ruhrgebiet und die 
wirtschaftliche Not der Inflation förderten die Klassen- 
auseinandersetzungen in allen Teilen des Reiches. Als 
die Hamburger Arbeiter erfuhren, daß die Reichswehr 
gegen die Koalitionsregierung zwischen USPD und KPD 
in Sachsen einmarschiert war, beschlossen zuerst die 
Hafenarbeiter den Streik; Massendemonstrationen fan- 
den in ganz Hamburg statt und der größte Teil der Be- 
triebe wurde stillgelegt. 
Im Stadtteil Barmbeck hatte Ernst Thälmann die Orga- 
nisierung des Aufstandes übernommen (vgl. den Bericht 
W. Ulbrichts in: "Zur Geschichte der KPD...", S. 
139 ff.). Er ordnete den Riickzug an, als er die auf 
Barmbeck beschränkten Kämpfe als isoliert erkannt 
hatte (34). Der dem Aufstand vorangegangene Aufruf 
betonte, daß es unbedingt notwendig sei, den Kampf 
gleichzeitig im ganzen Land zu beginnen, weil der iso- 
A 
lierte Kampf der Arbeiter in Mitteldeutschland zur 
Niederlage führen kónnte. Es dürfe nicht die Wieder- 
holung der Novemberrevolution 1918 sein. Die ent- 
scheidende Stunde sei gekommen, Eins von beiden: 
entweder rettet das werktütige Volk Mitteldeutschland.. 
oder es kommt eine ungeheure Not... (Reichsbetriebs- 
räteausschuß der KPD). 
Was zur Zeit der Herrschaft der Einzelkapitale und 
örtlichen Herrschaftsapparate noch zum Erfolg führen 
konnte, nämlich der auf diese Organe beschränkte und 
entsprechend bewaffnete Kampf, das kann mit der 
Herausbildung monopolkapitalistischer Organisations- 
formen nur ein kurzfristiger Schlag bleiben. Trotz des 
Anspruchs überregionaler, sogar internationaler Soli- 
darität hat es die Kommunistische Partei - teils aus 
subjektivem Versagen, teils unter objektiv fehlenden 
Voraussetzungen (35) - nicht geschafft, den Kapital- 
organisationen entsprechende Kampfformen entgegen- 
zusetzen. 
3.5 Am 1. Mai 1929 demonstrierten die Berliner 
Arbeiter trotz Verbot durch den SPD-Polizeipräsidenten 
Zörgiebel. Die Barrikadenkämpfe in Neukölln und Wed- 
ding dauerten 3 Tage. Den politischen Inhalt der Mai- 
Kämpfe Berlins schildert die Resolution der Bezirks- 
leitung der KPD: "Die Berliner Ereignisse stellen einen 
gewaltigen Zusammenstoß der Klassen in der bisher 
in der Periode der relativen Stabilisierung des Kapita- 
lismus schärfsten Form dar. (Zum ersten Mal seit 
1923 (36) in Deutschland politische Streikbewegungen 
und Solidaritätskämpfe, Kampfformen des Bürgerkrie- 
ges, Barrikaden.) Dieser Zusammenstoß entsprang 
einerseits ... der Verschärfung der kapitalistischen 
Widersprüche, infolge der ... Rationalisierung (Heraus- 
pressung der Reparationslasten aus den werktätigen 
Massen, Lohndruck und Forderung der Unternehmer 
nach Verlängerung der Arbeitszeit um zwei Stunden, 
Angriffe auf die gesamte Sozialversicherung, Forde- 
rung nach neuen Ermächtigungsgesetzen, Koalitions- 
politik, faschistische Entwicklung, Kriegsvorbereitun- 
gen gegen die SU), andererseits ... der Radikalisierung 
des Proletariats, dem Vormarsch der KPD ... Berlin 
zeigte sich in den letzten Jahren als das größte revolu- 
tionäre Zentrum der deutschen Arbeiterbewegung. '' 
Und die "Thesen für Agitatoren und Propagandisten" 
des ZK am 5. Mai erklären den Etappencharakter des 
Mai im revolutionären Kampf, der nicht mit dem Zeit- 
punkt der proletarischen Revolution verwechselt wird! 
"Die Berliner Ereignisse unterscheiden sich grund- 
legend von den Hamburger Barrikadenkämpfen des 
Jahres 1923. Der Hamburger Aufstand war ein Nach- 
hutgefecht, ein Rückzugskampf im Moment einer nieder- 
gehenden Welle der Revolution, als die Massenbewe- 
gung im Reiche bereits ihren Hóhepunkt überschritten 
batte. Der Berliner Maikampf ist der Auftakt für eine 
mächtige Steigerung und Beschleunigung der Massen- 
bewegung im Reich, der Ausgangspunkt für einen neuen 
Aufstieg der revolutionären Welle. Die Berliner Barri- 
kadenkämpfe demonstrieren, daß wir einer unmittelbar 
revolutionären Situation entgegengehen, mit deren Ent- 
wicklung die Frage des bewaffneten Aufstandes unver- 
meidlich auf die Tagesordnung treten wird" (37). 
Die Parolen: Gegen den imperialistischen Krieg. Für 
die einheitliche Kampfesfront gegen Bourgeoisie und 
Reformismus, für den 8-Stundentag, die 45-Stunden- 
ARCH+ 15 (1971-3)
	        

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