Full text: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (1972, Jg. 4, H. 15-16)

die Arbeiterbewegung, nachdem sie in den politischen 
Kämpfen zu der Einsicht der Notwendigkeit der Re- 
volution und des Aufbaus einer revolutionären Organi- 
sation gelangt sei, den Kampf um Reformen in ein- 
zelnen Bereichen, so auch im Bereich des Städtebaus, 
gering geachtet habe. 
"Der Akzent liegt jetzt auf dem zentralen politischen 
Problem von Besitz und Herrschaft, dessen Lösung 
als Voraussetzung für jede Veränderung in der Situa- 
tion der Arbeiter gilt. Jede Teilreform, die innerhalb 
des kapitalistischen Systems vorgenommen wird, führt 
zur Verfestigung dieses Systems und ist deshalb als 
unwirksam zu betrachten. "2) 
Es käme heute darauf an, die bis auf den heutigen Tag 
bestehende Kluft zwischen der Stadtplanung und der 
Politik der Linken wieder zu schließen: 
"Die Forderungen der modernen Wissenschaft vom 
Städtebau lassen sich nämlich nur verwirklichen, wenn 
sie wieder den Kontakt zu denjenigen politischen Kräf- 
ten finden, die es auf eine entsprechende Veränderung 
der gesamten Gesellschaft abgesehen haben. 3) 
Was in der ersten der beiden wiedergegebenen Passa- 
gen zum Ausdruck kommt, ist der Vorwurf des linken 
Radikalismus. Daß dieser die Linke in ihrem Kampf 
immer wieder zurückgeworfen hat, und daß er auch 
heute noch keineswegs restlos überwunden ist, sei un- 
bestritten; ihn aber, wie Benevolo es tut, Marx und 
Engels, oder gar dem Marxismus insgesamt anzulasten, 
das zeugt von mangelndem Studium der marxistischen 
Theorie und Praxis. War es doch gerade Marx (und 
später Lenin), der den linken Radikalismus aufs ener- 
gischste bekämpft hat. Was Marx’ tatsächliche Ein- 
schätzung von Utopien und Reformen bzw. Reform- 
kämpfen betrifft, so sei jedem geraten, die Schriften 
kann nicht überschätzt werden.!'4) 
Und weiter unten fährt Marx fort: 
"Um die arbeitenden Massen zu befreien, bedarf das 
Kooperativsystem der Entwicklung auf nationaler Stu- 
fenleiter und der Fórderung durch nationale Mittel. 
Aber die Herren von Grund und Boden und die Herren 
vom Kapital werden ihre politischen Privilegien stets 
gebrauchen zur Verteidigung und zur Verewigung ihrer 
Oókonomischen Monopole. Statt die Emanzipation der 
Arbeit zu fórdern, werden sie fortfahren, ihr jedes 
mógliche Hindernis in den Weg zu legen... 
Politische Macht zu erobern ist daher jetzt die große 
Pflicht der Arbeiterklassen 5) 
Die Beschränktheit der Utopisten hervorzuheben, näm- 
lich, daß sie zwar die Gegensätze zwischen den Klassen 
sehen, auf der Seite des Proletariats aber kein sich 
entwickelndes Moment der Selbständigkeit erblicken, 
daß sie also die Gegensätze nicht in ihrer dialektischen 
Entwicklung, nicht als Widersprüche sehen, und daß sie 
deshalb glauben, den Kampf individualistisch führen zu 
müssen - womit sie scheitern, denn die Ursache des 
Elends des Proletariats liegt nicht im Verhalten ein- 
zelner Kapitalisten, sondern in der kapitalistischen 
Produktionsweise bzw. in der Existenz der diese Pro- 
duktionsweise verteidigenden Klasse - diese Beschränkt- 
heit hervorzuheben, heißt nicht, der Entwicklung und 
partiellen Verwirklichung von Utopien jeglichen Wert 
abzusprechen. Sie spielen eine wichtige Rolle, solange 
der Klassenkampf auf der Seite des Proletariats wenig 
entfaltet ist. 
Noch schärfer wendet sich Marx in seiner Schrift: "Der 
politische Indifferentismus"?) gegen den linken Radi- 
kalismus in seiner anarchistischen Ausprügung, gegen 
jene ’ Doktoren der Sozialwissenschaít', die der Ar- 
von Marx und Engels, auf die Benevolo sich bezieht, 
nämlich das Kommunistische Manifest und Marx’ In- 
auguraladresse der Internationalen Arbeiterassoziation, 
selbst zu studieren. Marx und Engels gehen darin ex- 
plizit auf diese Frage ein. Wir wollen hier nur die 
wichtigsten Sätze zitieren: 
"Die Zehnstundenbill war daher nicht bloß eine große 
praktische Errungenschaft, sie war der Sieg eines 
Prinzips. Zum erstenmal erlag die politische Okonomie 
der Mittelklasse in hellem Tageslicht vor der politi- 
schen Ökonomie der Arbeiterklasse. 
Ein noch größerer Sieg der politischen Ökonomie der 
Arbeit über die politische Ökonomie des Kapitals stand 
bevor. 
Wir sprechen von der Kooperativbewegung, namentlich 
den Kooperativfabriken, diesem Werk weniger kühnen 
"Hände'' (hands). Der Wert dieser großen Experimente 
ARCH- 15 (1971-3) 
beiterklasse mit dem Fetisch der Prinzipienreinheit 
den Kampf um Konzessionen und damit das Eingehen von 
Kompromissen verweigern wollen, und nicht begreifen, 
daß die Arbeiterklasse notwendigerweise ihre realen 
Kampfmittel der heutigen Gesellschaft entnehmen muß. 
Die Einsicht der Notwendigkeit der Revolution und das 
revolutionäre Bewußtsein muß sich mit der Entwicklung 
von Utopien und dem Reformkampf, also dem Versuch, 
(quantitative) Verbesserungen im Rahmen der bestehen- 
den Gesellschaftsformation zu erringen, erst entwik- 
keln. Dabei ist auch die Revolution nicht als eine ein- 
malige, in einem Sprung "alle Staaten und alle Kirchen 
nebst allen ihren religiösen, politischen, juristischen, 
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